Uwe Bogen
Alex Katz in Tübingen
„Winni goes Gassi“ – Stuttgart auf Landpartie beim Star der Coolness in Tübingen
24. April 2026
Der 98-jährige Pop-Art-Pionier Alex Katz, Star der Coolness, liefert in Tübingen die Bühne, Stuttgart pilgert dort hin. Zwischen Couture, Kunst und Partyszene unterstreicht Mode-Enthusiast Winni Klenk mit einer Mega-Show in der Kunsthalle: Hinter jeder noch so schicken Fassade zählt der Mensch.
Ludwigsburg, irgendwann in den 90er Jahren. Die junge Nicole Fritz, heute Direktorin der renommierten Tübinger Kunsthalle, kauft sich eine Jeans beim Second-Hand-Laden des kaum älteren Metzgersohns Winni Klenk. Zu teuer, findet ihre Mutter – und steht wenig später persönlich im Laden, um die Hose zurückzugeben und dss Geld zurückzuholen.
Die Chefin eines der führenden Häuser für internationale Kunst in Deutschland erzählt an diesem Abend auf dem roten Teppich diese schöne Geschichte ihrer Jugend. Und Mode-Enthusiast Winni, der wie sie in Ludwigburg aufgewachsen ist, schmunzelt nur und sagt, früher sei’s ihm öfter passiert, dass erboste Mütter in seinem Store auftauchten.
Jetzt also stehen zwei Ex-Ludwigsburger gemeinsam auf dem roten Teppich, um in der Tübinger Kunsthalle einen Abend zu eröffnen, über den man zwischen Neckar und Nesenbach noch lange reden wird – vielleicht erfährt sogar Alex Katz in New York davon.
„Abseits goes Gassi“
Winni Klenk nennt das Ganze „Abseits goes Gassi“. Raus aus dem Gewohnten, ran an neue Ufern. Also: Busfahrt aus dem Stuttgarter Stau, eine bunt gemischte Gruppe aus Stammkundinnen, Fans und Modebegeisterten – und die klare Lust auf einen Abend, der anders ist als das bisher Gewohnte.
Alex Katz: US-Star der Coolness
Im Zentrum steht Alex Katz – 98 Jahre alt, US-Star der Coolness und eine lebende Ikone der Pop-Art. Seine Malerei wirkt leicht, klar und gleichzeitig hochpräzise. Katz hat über Jahrzehnte einen Stil geprägt, der Alltag, Mode und Bildkultur miteinander verknüpft.
Früher oft Partyszenen, Porträts und stilisierte Begegnungen, heute stärker Landschaften und Lichtreflexe – doch die Leichtigkeit bleibt sein Markenzeichen. Seine gefeierte Ausstellung „Dancing with Reality“ bildet dafür die perfekte Kulisse: groß, farbstark, ikonisch.
Mode als Bewegung zwischen Kunst
Zwischen den Werken entsteht ein Laufsteg. Models von Abseits bewegen sich durch die Ausstellung, als würde die Kunst selbst in Bewegung geraten. Olivgrün, florale Muster, markante Jeans, Sakkos und große Hüte prägen den Look – Mode, die mit der Bildsprache von Katz in einen stillen Dialog tritt.
Die Gäste werden dabei nicht nur Zuschauer, sondern Teil der Inszenierung. Sie fotografieren sich vor den Werken, werden selbst Teil der Bildkomposition. „Verdeck den Kussmund von Katz nicht“, hört man dazwischen jemand rufen. Als Kunstbanause gilt, wer sich beim Fotografieren so vor einer Leinwand stellt, dass man die Kunst kaum noch sieht.
Zwischen Oberfläche und Mensch
In ihrer Begrüßung setzt Nicole Fritz einen klaren Akzent:„Schauen Sie ihren Nachbarn an. Versuchen Sie, das Wesen Ihres Gegenübers wahrzunehmen – trotz aller Mode.“ Ein Satz, der dem Abend eine unerwartete Tiefe gibt.
Winni Klenk: Kein Gedanke an Ruhe
Und während in der Kunsthalle über Identität und Sichtbarkeit gesprochen wird, steht auch Winni Klenk selbst für eine Haltung, die genau das verkörpert: Bewegung statt Rückzug. Der Kind der 60er denkt noch lange nicht an Rente. Ganz im Gegenteil.
Er hat seinen Vertrag für die Boutique Abseits am Kleinen Schlossplatz um fünf weitere Jahre verlängert. Fast wäre er sogar umgezogen: Ein Angebot, im früheren Haus von Spielwaren Kurtz unterhalb von Eppli am Marktplatz einen neuen Store zu eröffnen, lag auf dem Tisch. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich dagegen. Die Mieten? In beiden Lagen etwa vergleichbar – aber Klenk blieb seinem Standort treu.
Ein Schritt, der weniger mit Kalkulation als mit dem Wunsch zu tun hat, dort zu bleiben, wo die eigene Geschichte gewachsen ist und wo er sich zum Ausstatter von hochwertiger, aber dennoch flippiigen Mode für Individualisten hochgearbeitet hat.
Am Schluss bleibt die Erkenntnis: „Gassi gehen“ ist immer schön, auch mal die gewohnten Wege verlassen und den Blick zu weiten.
Und vielleicht steckt darin eine leise Lektion eines heute 98-jährigen Alex Katz: dass man auch im hohen Alter noch eine Form von Leichtigkeit bewahren kann, die Jüngere begeistert und inspiriert. Nicht Jugendlichkeit um jeden Preis, sondern sich seine Offenheit zu erhalten. Das Vergangenen nutzen, um die Gegenwart und die Zukunft besser zu verstehen – allles auf lockere Art. Das macht ein Vorbild aus und ist vielleicht die Würde des Alterns – sich selbst nicht zu verlieren und trotzdem neugierig zu bleiben.