Uwe Bogen
SWR-Sommerfestival
Benefizkonzert des Bundespräsidenten: Stuttgart feiert Swing und Solidarität
Sommer, Swing und Solidarität: Beim Benefizkonzert des Bundespräsidenten erlebt das Publikum nicht nur musikalische Weltklasse – sondern auch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Warum der sonnige Tag bei aller Leichtigkeit politisch wird und weshalb „Helfen macht happy“ die wichtigste Botschaft ist.
24. Mai 2026
Die Sonne steht hoch am Vormittag des Pfingstsonntags über dem Schlossplatz. Palmen wiegen sich vor dem Seitenflügel des Schlosses leicht im warmen Wind, Sicherheitskräfte kontrollieren Taschen, ein Sprengstoffhund schnüffelt konzentriert die Ausrüstung der Fotografen ab. Kurz vor 11 Uhr brandet Beifall auf: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betritt mit seiner Frau Elke Büdenbender den Ehrenhof aus dem Backstage-Bereich, winkt ins Publikum. An ihrer Seite: der neue Ministerpräsident Cem Özdemir und seine Frau Flavia Zaka. Strahlende Gesichter zum strahlenden Wetter.
Die beiden Polit-Paare sind etwa eine Stunde davor mit demselben Flugzeug aus Berlin gelandet. Stuttgart erlebt eine sommerliche Matinee zwischen Jazz, gesellschaftlicher Verantwortung und großer Emotion. Der Sound ist bombastisch, sorgt für Gänsehautmomente und unterstreicht eindrucksvoll, warum Stuttgart stolz auf die wohl beste Big Band der Welt sein kann.
Der SWR-Intendant rühmt Stuttgart als Hip-Hop-Hochburg
„Stuttgart ist auch die Wiege des deutschen Hip-Hop“, sagt SWR-Intendant Kai Gniffke dem Staatsoberhaupt schon bei der Begrüßung im Schloss-Inneren. Erst am Vorabend habe das 0711-Kollektiv zum 30-jährigen Bestehen ein großes Fest min den Besten der Szene gefeiert. Und nun also der beste Big-Band-Sound. Nicht nur beim Ballett und bei der Erfindung des Autos ist Stuttgart absolut führend.
Beim Benefizkonzert des Bundespräsidenten auf dem Schlossplatz verbindet sich nun also musikalische Weltklasse mit einer klaren Botschaft: Helfen macht happy. Mit der international gefeierten und mit einem Grammy ausgezeichneten SWR Big Band stehen unter anderem Max Mutzke und, Fola Dada auf der Bühne. Die ARD überträgt live vom SWR Sommerfestival.
Seit 2006 finden die Benefizkonzerte des Bundespräsidenten in wechselnden Bundesländern statt. Initiiert hat sie 1988 Richard von Weizsäcker, der im Neuen Schloss zur Welt gekommen ist. Der Reinerlös geht jedes Jahr an soziale oder kulturelle Organisationen. Diesmal sind die Spenden für die Arche Kinderstiftung und den Verein Herzenssache bestimmt, noch vom alten Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ausgewählt.
Moderatorin Siham El-Maimouni fragt Cem Özdemir, wie seine ersten Tage als Ministerpräsident laufen. Der Grüne antwortet gut gelaunt: „Wie soll es laufen? Wir haben ein Hammerwetter, wir haben Hochkultur und wir haben den Bundespräsidenten mit seiner Gemahlin zu Gast. Da muss es doch einem gut gehen als Ministerpräsident.“
Aus Berlin ist Özdemir mit leicht gedrückter Fußballstimmung gekommen. Dass der VfB Stuttgart im DFB-Pokalfinale ausgerechnet gegen Bayern verliert, „das tut natürlich für Baden-Württemberger besonders weh“.
Dieser Vormittag ist mehr als ein Konzert
Doch schnell wird deutlich: Dieser Vormittag ist mehr als ein Konzert. Cem Özdemir spricht über Verantwortung in einer wohlhabenden Gesellschaft: „Wir leben in einem Land, dem es relativ gut geht. Wir haben ein fantastisches Grundgesetz. Aber auch in unserem Land gibt es Menschen, denen es nicht so gut geht, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren sind. Gerade wenn es einem selber besser geht, geht das mit Verantwortung einher. “Genau darum geht es an diesem Tag. Die Musik liefert den Soundtrack, die Botschaft dahinter ist gesellschaftlich und politisch.
Sänger Max Mutzke appelliert daran, Demokratie aktiv zu schützen. Junge Menschen müssten früh lernen, wie wichtig Freiheit sei. Er vergleicht das mit einem Hausbau: Wenn das Fundament nicht stimme, entstünden später Probleme.
Hier geht’s zum Song „Welt hinter Glas“ von Max Mutzke:
Besonders die Arbeit der Arche zeigt, wie wichtig frühe Perspektiven seien. Wenn Kinder und Jugendliche auf die Frage nach ihrem Berufswunsch manchmal „Bürgergeldempfänger“ antworteten, muss die Gesellschaft früh gegensteuern.
Auch Martin Buch, Vorstandsvorsitzender der Sparda Bank, dessen Bank Herzenssache unterstützt, mahnt mehr gesellschaftliches Engagement an. Deutschland liege wirtschaftlich weiterhin weit vorne, bei der Unterstützung armutsbetroffener Menschen jedoch deutlich schlechter. Das müsse sich ändern.
Musikalisch zeigt die SWR Big Band eindrucksvoll, warum sie weltweit zur Spitzenklasse zählt. Seit 75 Jahren prägt sie Jazz und Swing international. Der schwedische Multiinstrumentalist Magnus Lindgren arrangiert das Benefizkonzert – sogar die Nationalhymne klingt plötzlich jazzig und überraschend neu.
Auf dem Schlossplatz spielt die SWR Big Band die Nationalhymne in der jazzigen Variante, hier das Video ansehen:
Die Arrangements der SWR Big Band sind zum Teil hochkomplex: schnelle Rhythmuswechsel, ungewöhnliche Harmonien, orchestrale Klangfarben, die unter die Haut gehen. Das alles wirkt spielerisch leicht.
Schon mit seinem ersten Song „Welt hinter Glas“ reißt Max Mutzke die knapp 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer mit. Der Schlossplatz feiert, klatscht und singt mit. Unter den Gästen sitzen auch Musicalstar Kevin Tarte und sein Mann Stefan Wolf, ehemaliger Arbeitgeberpräsident von Gesamtmetall. Wie kann sich der SWR, der gerade an allen Ecken und Enden spart, eben erst von Stefan Mross kritisiert wurde, weil dessen Sendung „Immer wieder sonntags“ gestrichen wurde, die Big Band leisten? Sie ist eine eigenständige GmbH, die vor allem von den Einnahmen aus Konzerten lebt.
Am Ende von 90 Minuten Spitzenklasse auf dem Schlossplatz bleibt das Bild einer besonderen Matinee: mitreißend die Musik vor historischer Kulisse, politische Botschaften, die wichtig sind, und ein Publikum, das spürt, dass Solidarität Freude machen kann.
Oder, wie es an diesem Tag über allem steht, jene Losung, die auch EchtStuttgart für sich ausgegeben hat: Helfen macht happy.
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