Echt Stuttgart

Ingenieurskunst aus Stuttgart

Fritzle geht baden – und gewinnt: Wie Beton schwimmen kann

23. Juni 2026

Mit Beton ins Wasser? Klingt nach Mafia-Film, endet diesmal aber mit Applaus. Das Betonkanu-Team der Steinbeisschule Stuttgart gewinnt dank Ingenieurskunst bei der Regatta in Brandenburg den Nachwuchspreis – mit dem VfB-Maskottchen Fritzle aus Beton.

Das Stuttgarter Team fährt mit einem Betonkanu, das Fritzle heißt. Foto: MSing GmbH

„Sizilianische Schuhe“ gelten als wenig erstrebenswerte Auszeichnung: In Mafia-Filmen werden dabei die Füße unliebsamer Personen in Beton gegossen, bevor sie einen dauerhaften Stehplatz im Hafenbecken bekommen. Dass Beton und Wasser aber auch hervorragend zusammenpassen können, hat jetzt ein Team der Steinbeisschule Stuttgart eindrucksvoll bewiesen.

Bei der  Betonkanu-Regatta in Brandenburg wurde die Stuttgarter Mannschaft mit dem begehrten Nachwuchspreis ausgezeichnet. Mit an Bord:  Ghazal Faramarzpour, Auszubildende zur bautechnischen Konstrukteurin bei der Stuttgarter Firma MSing GmbH, einem innovativen Ingenieurbüro für Tragwerksplanung.

Fritzle auf Erfolgskurs

Die Betonkanu-Regatta ist einer der ungewöhnlichsten Ingenieurwettbewerbe Deutschlands. Ausgerichtet vom InformationsZentrum Beton treten Teams mit selbst entwickelten und gebauten Booten aus Beton gegeneinander an. Was zunächst wie ein schlechter Scherz klingt, ist tatsächlich eine anspruchsvolle Mischung aus Ingenieurskunst, Materialforschung und sportlichem Wettbewerb.

Als leidenschaftliche Fans des VfB Stuttgart war für das Team schnell klar, welches Motiv das Boot tragen sollte: Das Betonkanu wurde dem beliebten VfB-Maskottchen Fritzle gewidmet. Eine originelle Idee, die Technik und Stuttgarter Fußballleidenschaft perfekt miteinander verbindet.

Das Ziel des Projekts: Ein Boot aus zementgebundenen Baustoffen zu entwickeln, das stabil, möglichst leicht und natürlich voll fahrfähig ist. Keine einfache Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Beton normalerweise eher für Brücken, Häuser oder Tiefgaragen als für Wasserfahrzeuge verwendet wird.

Fritzle ist aus Beton und kann schwimmen. Foto: MSing GmbH

Warum schwimmt Beton überhaupt?

Die Antwort liefert das archimedische Prinzip. Ein Betonkanu besteht nicht aus einem massiven Betonblock, sondern aus einer extrem dünnen, hohlen Konstruktion. Dadurch verdrängt das Boot mehr Wasser, als es selbst wiegt – und bleibt an der Oberfläche.

Die Regatta zeigt jedes Mal aufs Neue, wie innovativ der Werkstoff Beton sein kann. Moderne Spezialbetone ermöglichen heute erstaunlich leichte und gleichzeitig stabile Konstruktionen, die auf dem Wasser erstaunlich schnell unterwegs sind.

Eine Idee aus Frankreich verändert die Welt

Die Geschichte der Betonboote reicht weit zurück. Mitte des 19. Jahrhunderts experimentierte der französische Agrarökonom Joseph-Louis Lambot auf seinem Anwesen im südfranzösischen Miraval mit einer damals revolutionären Idee: der Verbindung von Stahl und Beton.

Ursprünglich wollte Lambot besonders widerstandsfähige und wasserdichte Behälter herstellen. Dabei entdeckte er eine überraschende Eigenschaft seiner Konstruktionen – sie schwammen. Auf einem kleinen Teich testete er verschiedene Mischungen aus Zementmörtel auf einem Stahlgeflecht und entwickelte die ersten armierten Betonboote.

1851 meldete er ein Patent auf seine Konstruktion an. Vier Jahre später folgte ein weiteres Patent für die Herstellung von Eisenbetongegenständen im Schiffbau. Seine Erfindung nannte er „Ferciment“. Bereits 1855 präsentierte Lambot sein Betonboot auf der Weltausstellung in Paris – und legte damit den Grundstein für eine Technik, die bis heute Ingenieure und Tüftler begeistert.

Nachwuchs mit Zukunft

Der Erfolg in Brandenburg zeigt, welches Potenzial im technischen Nachwuchs steckt. Die Auszeichnung für das Team der Steinbeisschule Stuttgart ist nicht nur eine Anerkennung für Kreativität und handwerkliches Können, sondern auch für Teamgeist, Ausdauer und innovative Ideen.

Für Ghazal Faramarzpour und ihre Mitstreiter dürfte der Nachwuchspreis jedenfalls ein ungleich angenehmeres Beton-Erlebnis gewesen sein als die berüchtigten „sizilianischen Schuhe“.

Und eines steht fest: Wenn Fritzle sogar in einem Betonkanu schwimmt, scheint in Stuttgart derzeit wirklich alles möglich zu sein. 🚣‍♂️🏆

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