Uwe Bogen

Kolumne Stadtleben

Der Sommer, der Angst vor der Zukunft macht – und wie das Zubrovka-Festival trotzdem safe feiert

28. Juni 2026

Das Kessel-Festival sagt den Samstag ab, das Zubrovka-Festival feiert mit Gratis-Wasser. Wenn Stuttgart eine „Außergewöhnliche Einsatzlage“ ausruft und Rettungsdienste am Limit arbeiten, geht es nicht mehr nur ums Wetter –  sondern um unsere Zukunft in der Klimakrise, meint unser Kolumnist.

Das Zubrovka-House-Festival am Samstag im Schlossgarten. Foto: Andreas Engelhard

Der Deutsche Wetterdienst hat von der „heißesten Nacht“ von Samstag auf Sonntag in Deutschland seit der Wetteraufzeichnung berichtet. In Stuttgart wurde am Samstag mit 39,2 Grad die höchste Temperatur ever gemessen.  Einen Satz hört man gerade oft: „Das hält keiner aus!“ Aber dann sagen andere auch:  „Was regst du dich so auf? Wir haben Sommer. Heiß war’s früher doch auch.“

Ja, Stuttgart war immer schon ein Kessel. Aber inzwischen fühlt sich der Kessel wie ein Umluftofen an, wie eine Bratpfanne, die sich nicht mehr ausstellen lässt.

Das ist gar nicht lustig

Es ist so heiß, dass Eiswürfel nur noch Kurzzeitpraktikanten sind. So heiß, dass du, wenn du barfuss auf dem Asphalt landest,  neue Schimpfwörter lernst. Man kann darüber schmunzeln. Ein bisschen  Witz hilft bei der Hitz, also beim Durchhalten.

Nur: Eigentlich ist das gar nicht lustig.

Das Kessel-Festival musste den zweiten Veranstaltungstag absagen. Die Hitze war schlicht zu gefährlich. Wie hoch schätzt Veranstalter Christian Doll den Verlust? Seine Antwort: „Noch sind wir mit dem Abbau beschäftigt, die Kommunikation rund um die Absage ist auch sehr zeitaufwendig. Ab Montag geht’s in die  Abwicklung und Abrechnung.“

Abkühlung am Freitag beim Kessefestival. Foto: Kesselfestival

1600 Raver feiern im Schlossgarten

Der Wasen ist eine große, graue Fläche mit wenigen Bäumen. So ein Platz heizt noch viel schneller auf. Gleichzeitig wurde im Schlossgarten, wo es zum Glück mehr Grün gibt,  am Samstag das Zubrovka-House-Festival gefeiert, genauer gesagt: mit 1600 Gästen im Biergarten von Sonja Merz. Heute am Sonntag folgt Teil zwei.

Wichtigstes Party-Utensil: Der Fächer und die Wasserspritzpistole. Im Eintrittspreis inbegriffen:  Gratis-Wasserflaschen für alle, Sprinkler zur Abkühlung, Sonnencreme kostenlos, Rettungswagen in Bereitschaft. Die Behörden haben die Musik-Genehmigung kurzfristig bis 23 Uhr verlängert  bis 24 Uhr durften die Gäste bleiben. Dafür wurde nicht um 14 Uhr, wie geplant, begonnen, sondern um 16 Uhr.

All die Maßnahmen waren vernünftig und verantwortungsbewusst, von den Veranstaltern Tim Berkemer und Denis Gugac mit der Wirtin gemeinsam nach vielen Besprechungen organisiert. Aber auch das zeigt: Selbst das Feiern braucht inzwischen einen Hitzeplan.

  • HIER GEHT’S ZUM VIDEO VOM ZUBROVKA-FESTIVAL AM SAMSTAG:
Wichtiges Partyuntensil: die Wasserspritzpistole. Foto: Andreas Engelhard

Also ich habe am Samstag den kühlsten Platz gesucht, den ich finden konnte – in einem Wald.

Freunde erzählten mir von guter Stimmung im Schlossgarten. Das freut mich. Trotzdem bleibt das ungute Gefühl, dass wir uns gerade an etwas gewöhnen, woran wir uns nicht gewöhnen sollten.

Denn während die einen feiern, schlagen Feuerwehr, Rettungsdienst und Kliniken Alarm.

Zwei Herren beim Zubrovka-Festival. Foto: Andreas Engelhard
Gute Stimmung trotz brütender Hitze. Foto: Andreas Engelhard

Während wir uns überlegen, ob wir eine Halbe trinken oder Aperol, arbeiten Feuerwehr, Rettungsdienste und Krankenhäuser am Limit. Die Stadt Stuttgart hat am Samstagabend eine „Außergewöhnliche Einsatzlage“ ausgerufen – mit Verstärkung des Personals. Allein dieses Wort müsste eigentlich reichen, um die Diskussion zu beenden, ob das alles noch normal ist.

Es ist merkwürdig, wie schnell wir neue Extreme als selbstverständlich hinnehmen. Immer wieder wird über neue Schattenplätze in der Stadt gesprochen, die Stuttgart dringend braucht – aber nichts geschieht.  Jetzt steuern wir auf Temperaturen zu, bei denen Asphalt weich wird und Veranstaltungen abgesagt werden müssen. Und trotzdem heißt es noch immer: „War doch früher auch so.“

Nein.

Die Klimakrise ist in unserem Alltag angekommen. Und sie macht vielen Menschen Angst – vor allem mit dem Gedanken, dass jedes Jahr noch heißer werden könnte, wenn nicht endlich die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden..

Die Hitze bringt Notaufnahmen an ihre Grenzen. Die Unvernünftigen verschärfen die Situation in den Kliniken. Wer jetzt noch den Birkenkopf hochläuft, macht das nicht für die Aussicht, sondern für den Notarzt.

Wo ist das Paradise bei Hitze? Foto: Andreas Engelhard
Tanz unter den Schlossgarten-Palmen. Foto: Andreas Engelhard

Die Hitze macht uns allen das Leben schwer – aber älteren Menschen, Kindern und Kranken noch viel mehr. Und sie lässt viele mit Sorge auf den nächsten Sommer blicken. Wird es jetzt jedes Jahr immer noch heißer? Die Angst davor wächst.

Man darf sich über Sonne freuen. Über laue Abende, ein Eis am Eugensplatz oder einen kühlen Schluck unter dem Schatten eines Baumes. Aber wir sollten aufhören, diese Hitze als normal abzutun. Denn das ist das kein Sommermärchen mehr.

Es ist ein Warnsignal.

Hitze-Hinweise im Biergarten von Sonja Merz. Foto: Andreas Engelhard

AKTUELLES

Social Media