Uwe Bogen

Premierennacht im Theaterhaus

Gauthier Dance ist ein Glücksfall – und Marcia Haydée kreiert 2027 ein Stück für die Compagnie

27. Juni 2026

Standing Ovations für Gauthier Dance: Die Premiere von „Luck/Unluck“ im Theaterhaus euphorisiert das Publikum und schenkt ihm Glücksgefühle. Eric Gauthier überrascht mit einer Ankündigung: Ballettlegende Marcia Haydée wird 2027  – dann wird sie 90 – ein Stück für seine Compagnie kreieren

Eric Gauthier (im Scheinwerferlicht) kündigt bei der Premiere im Theaterhaus an, dass Marcia Haydée (kleines Foto mit Egon Madsen) 2027 ein Stück für Gauthier Dance kreiert. Fotos: Andreas Engelhard/Uwe Bogen

Ob das Leben Glück oder Unglück bereithält, entscheidet oft der Zufall – oder der Zeitpunkt, der mal richtig, mal falsch ist. Manchmal genügt ein einziger Moment, eine Begegnung, ein guter Rat oder gar eine Münze, die in die Luft geworfen wird. Genau mit diesem Gedanken spielt  der neue Doppelabend „Luck/Unluck“ von Gauthier Dance, der am Freitagabend im Theaterhaus Stuttgart seine umjubelte Premiere feiert.

Eric Gauthier macht schon die Reihenfolge der beiden Uraufführungen zum Spiel des Zufalls. Mal soll „Luck“ den Abend eröffnen, mal „Unluck“. „Vielleicht werfe ich künftig einfach eine Münze“, sagt der Chef von Gauthier Dance. Zur Premiere entscheidet er sich für „Unluck“. Nach der Pause folgt „Luck“.

Doch egal, welche Hälfte zuerst kommt – für die Tänzerinnen und Tänzer gibt es keine Verschnaufpause. Was sie leisten, ist sportliche Höchstleistung. Atemlos schnelle Bewegungen wechseln mit extremen Verrenkungen, tiefen Dehnungen und ausdrucksstarken Körperbildern. Immer wieder zucken die Körper fast stroboskopartig über die Bühne. Dazu hämmert eine Musik, die oft wie Schläge durch Mark und Bein fährt.

Szene aus "Luck/Unluck" von Gauthier Dance. Foto:Jeanette Bak
Szene aus "Luck/Unluck" von Gauthier Dance. Foto:Jeanette Bak

Die beiden Choreografien sind trotz der gegenteiligen Überschriften so unterschiedlich gar nicht –  sie kreisen ja auch um dieselbe Frage: Wie gehen Menschen mit den Unwägbarkeiten des Lebens um? Was machen sie falsch, was richtig, damit sich alles drehen kann?

In „Unluck“ von Hofesh Shechter wird Schmerz nicht verdrängt, sondern angenommen. Man kann sich, so scheint es, sogar in das Unglück hineingrooven, bis es seinen Schrecken verliert. Die Tänzer finden im Schmerz einen Rhythmus, der ihn erträglicher macht.

„Luck“ der kanadischen Choreografin Aszure Barton schlägt den Gegenpol auf. Glück erscheint als berauschender Zustand voller Energie und Möglichkeiten – allerdings einer, bei dem man aufpassen muss, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Glück ist ebenso wenig gerecht wie Unglück. Entscheidend ist, was man daraus macht.

Unter den Gästen. der frühere OB Fritz Kuhn und seine Frau,. Foto: Andreas Engelhard
Kurz vor der Premiere: Eric Gauthier auf dem roten Teppich. Foto: Andreas Engelhard

Genau darin liegt die Stärke dieses Doppelabends. Er erzählt nicht von Gegensätzen, sondern davon, dass Glück und Unglück untrennbar zusammengehören. Beides gehört zum Leben – und beides verlangt, dass wir uns bewegen, weitermachen, weitertanzen.

Das Premierenpublikum ist begeistert. Denn Gauthier Dance ist ein Glückfall für Stuttgart. Nach der Vorstellung gibt es Standing Ovations, minutenlangen Applaus und Jubel für Ensemble, Choreografen und Eric Gauthier Es gibt Blumen für das Ensemble – die Tänzerinnen und Tänzer werfen sie zurück an das begeisterte Publikum.

Unter den Gästen sitzen zahlreiche Persönlichkeiten aus der Tanzwelt. Besonders herzlich begrüßt wird die Stuttgarter Ballettlegende Marcia Haydée. Die 89-Jährige wirkt erstaunlich fit, trägt lässig eine Kappe und kommt gemeinsam mit ihrem Mann Günther Schöberl. Unter großem Beifall sorgt Eric Gauthier für eine große Überraschung. Er kündigt an, womit niemand gerechnet hat, dass Haydée im kommenden Jahr – dann wird sie 90 – ein neues Stück für Gauthier Dance kreieren wird.

Georgette Tsinguirides. Foto: Andreas Engelhard
Werner Schretzmeier. Foto: Andreas Engelhard

Auch weitere Größen des Stuttgarter Balletts lassen sich die Premiere nicht entgehen: Egon Madsen, der inzwischen in Italien lebt, aber regelmäßig nach Stuttgart zurückkehrt, um Gauthier Dance zu coachen, George Bailey, das Tänzerpaar Birgit Keil und Vladimir Klos sowie die inzwischen 98-jährige Georgette Tsinguirides. Wer diese Legenden erlebt, gewinnt den Eindruck: Ballett ist tatsächlich ein Jungbrunnen.

Daneben finden sich zahlreiche Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik im Theaterhaus ein, darunter Breuninger-Chef Holger Blecker, Thalia/Wittwer-Geschäftsführer Rainer Bartle, der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Elisa Carrillo Cabrera, Leiterin der John-Cranko-Schule, sowie die frühere Hochland-Chefin Martina Hunzelmann. Und dann gibt es noch eine überraschende Ankündigung: Die Stadt wird Mitte Juli Eric Gauthier und Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier die Bürgermedaille verleihen.

Mit den Uraufführungen von Aszure Barton und Hofesh Shechter gelingt Gauthier Dance ein Abend voller Kraft, Präzision und Intensität. Für Fans des modernen Tanzes ist dieser Doppelabend pures Glück. Wer ihn verpasst, hat – ganz im Sinne des Titels – schlicht Pech.

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