Patrick Mikolaj
EchtStuttgart unterstützt Initiative
Wenn Beton brennt: Warum Stuttgart dringend mehr Bäume braucht
9. Juli 2026
Stuttgart leidet unter immer mehr Hitze. Dennoch entstehen vielerorts neue Betonflächen statt schattenspendender Bäume. Eine Initiative will das ändern und setzt sich für mehr Stadtgrün und Klimaanpassung ein.
Stuttgart zählt zu den Städten in Deutschland, die besonders unter den Folgen des Klimawandels leiden. Die Kessellage sorgt dafür, dass sich Hitze im Sommer staut und die Temperaturen auch nachts oft kaum sinken. Dennoch entstehen immer wieder neue Plätze, die vor allem aus Beton und Stein bestehen – mit wenig oder gar keinem Grün.
Zu den bekanntesten Hitzehotspots gehört der Marienplatz. Aber auch der Pariser Platz und weite Teile des Europaviertels heizen sich an warmen Sommertagen stark auf. Ähnlich sieht es auf dem Marktplatz aus. Dort wurden nach der Neugestaltung lediglich fünf Bäume in mobilen Pflanzkübeln aufgestellt. Warum rund um das Fontänenfeld nicht deutlich mehr Bäume platziert wurden, bleibt unklar.
Bunker verhindert klassische Baumbepflanzung
Dabei gibt es längst Lösungen. Mobile Baumkübel können überall dort eingesetzt werden, wo Baumpflanzungen im Boden wegen unterirdischer Bauwerke oder Leitungen nicht möglich sind. Auf dem Marktplatz verhindert beispielsweise der darunterliegende Bunker eine klassische Baumpflanzung. Moderne Pflanzkübel sind teilweise sogar mit integrierten Sitzbänken ausgestattet und schaffen so schattige Aufenthaltsbereiche. In Stuttgart kommen solche Modelle bisher viel selten vor.
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Dorotheen Quartier. Dort wurde kein einziger Baum gepflanzt. Auch Hochbeete mit Stauden, Gräsern oder kleineren Bäumen, die unabhängig vom Untergrund angelegt werden könnten, sucht man vergeblich. Aus Sicht vieler Stadtplaner und Klimaschützer entspricht ein derart versiegelter Stadtraum nicht mehr den Anforderungen eines modernen Städtebaus.
Nicht besser sieht es auf dem erst vor wenigen Jahren neugestalteten Vorplatz des StadtPalais aus. Die weitläufige, steinerne Fläche wird im Sommer zur sprichwörtlichen „Bratpfanne“. Auch hier wird auf den schwierigen Untergrund verwiesen. Hochbeete mit Bäumen, Stauden und Gräsern oder mobile Pflanzkübel könnten jedoch für Schatten sorgen und das Mikroklima deutlich verbessern.
Dass Fehlplanungen auch bundesweit Aufmerksamkeit erregen können, zeigt der Marga-von-Etzdorf-Platz im NeckarPark. Der erst wenige Jahre alte Platz schaffte es wegen seiner nahezu vollständig versiegelten Gestaltung sogar in die ZDF-Sendung „Hammer der Woche“.
BaumEntscheid will Stuttgart widerstandsfähiger machen
Genau an diesen Punkten setzt die Initiative BaumEntscheid an, die inzwischen auch in Stuttgart aktiv ist.
Auf ihrer Internetseite beschreibt die Ortsgruppe die Ausgangslage deutlich:
„Stuttgart liegt im Kessel, und das spüren wir jeden Sommer deutlicher. Die Stadt gehört zu den wärmsten in Deutschland. An immer mehr Tagen staut sich die Hitze, nachts kühlt es kaum noch ab. Nicht nur unsere Stadtbäume leiden unter Trockenheit und Dürre, auch uns macht die Hitze spürbar zu schaffen.
Dabei ist die Antwort bekannt: Bäume, Grün, entsiegelte Flächen. Sie kühlen die Stadt, schützen unsere Gesundheit und machen Straßen und Plätze auch bei Hitze nutzbar. Schutz vor Hitze ist keine Kür, es ist Daseinsvorsorge.“
Als Vorbild dient Berlin. Dort wurde 2025 per Volksbegehren Deutschlands erstes verbindliches Klimaanpassungsgesetz auf kommunaler Ebene auf den Weg gebracht. Nun möchte die Initiative einen ähnlichen Weg auch in Stuttgart einschlagen.
Auftaktveranstaltung markierte den Start
Den offiziellen Auftakt der Initiative bildete eine Veranstaltung im DGNB in der Tübinger Straße in Stuttgart. Dort kamen Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Architektur, Wirtschaft, Vereinen und der Stadtgesellschaft zusammen, um über Wege zu einer klimaresilienteren Landeshauptstadt zu diskutieren. Die Initiative versteht sich ausdrücklich als parteiübergreifend und unabhängig.
Auf dem Programm standen unter anderem ein Impulsvortrag von Heinrich Strößenreuther, Gründer des BaumEntscheids, der über die Erfahrungen aus Berlin berichtete, eine Diskussion über die Übertragbarkeit des Berliner Modells auf Stuttgart sowie die Bildung erster Arbeitsgruppen für die Landeshauptstadt.
Petition nähert sich 10.000 Unterschriften
Parallel dazu läuft bereits eine von BaumEntscheid initiierte Petition auf der Plattform WeAct. Sie fordert verbindliche Maßnahmen zur Anpassung Stuttgarts an die Folgen des Klimawandels und hat inzwischen über 9500 Unterstützerinnen und Unterstützer gefunden. Unterstützt wird die Aktion von unserem Magazin EchtStuttgart
Breite Bewegung für mehr Stadtgrün
Der BaumEntscheid versteht sich als überparteiliche Bürgerbewegung. In Berlin engagieren sich Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen, Altersgruppen und Berufe – darunter Juristinnen und Juristen sowie Fachleute aus Stadtplanung und Klimaanpassung. Gemeinsam setzen sie sich für mehr Stadtgrün, kühlere Quartiere und eine lebenswertere Stadt ein.
Finanziert wird der Verein durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.
Zu den frühen Unterstützern gehört unter anderem die Suchmaschine Ecosia. Das Unternehmen investiert nach eigenen Angaben seine Gewinne vollständig in Klima- und Umweltschutzprojekte. Ein Großteil der Mittel fließt in Baumpflanzprojekte auf der ganzen Welt.
Für Stuttgart dürfte das Thema in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Mit steigenden Temperaturen und immer häufigeren Hitzetagen wird deutlich, dass Bäume weit mehr sind als ein gestalterisches Element. Sie verbessern das Stadtklima, spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung und erhöhen die Lebensqualität. Gerade in einer dicht bebauten Stadt wie Stuttgart könnten mehr Grünflächen, Bäume, Hochbeete und innovative Begrünungskonzepte dazu beitragen, die Folgen des Klimawandels spürbar abzumildern.
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