Uwe Bogen
Tag vier auf dem Schlossplatz
Die Jazz Open schreiben die schönsten Geschichten – und Jamiroquai liefern den Soundtrack dazu
9. Juli 2026
„Von der Tribüne? Niemals!“ Benny Kriwanek, Sohn des legendären Sängers Wolle Kriwanek, lockt unseren Autor in die Front of Stage – mitten rein in einen unvergesslichen Jamiroquai-Abend. Eine Geschichte über Gänsehaut und die Magie der Jazz Open.
„Wie, du willst Jamiroquai von der Tribüne aus erleben?“ Mein Freund Benny Kriwanek hat mich nicht so recht verstanden, als wir über das Konzert der britischen Funk-Pop-Band bei den Jazz Open sprachen. „Komm mit mir in die Front of Stage“, sagte er, „das ist ein unglaubliches Konzerterlebnis, wenn die Band nur wenige Meter von dir entfernt ist – besser geht’s nicht.“
Recht hat er.
Es ist mein erstes Jazz-Open-Konzert, bei dem ich ganz vorne vor der Bühne stehe. Vor uns steht eine der besten Livebands der Welt. Hinter uns Tausende Menschen, die sich auf einen dieser Sommerabende freuen, wie es sie wohl nur in Stuttgart gibt. Genau dafür stehen die Jazz Open: Sie schreiben nicht nur Musikgeschichte. Sie schreiben unzählige persönliche Geschichten.
Nach acht Jahren kehrt Jamiroquai nach Stuttgart zurück. Und schon nach den ersten Takten ist klar: Das wird kein normales Konzert. Funk-Grooves federn in die Menge. Sänger Jay Kay mit grüner Fransen-Jacke und violettfarbenem Hut begrüßt das Publikum kurz – und stürzt sich ohne Umwege in die Musik.
Jamiroquai spielen ihre Klassiker nicht einfach herunter. Sie kosten sie aus. Jede Nummer bekommt Raum zum Atmen. Funk trifft Soul, Jazz verschmilzt mit Disco, dazu diese unverwechselbare, leicht spacige Leichtigkeit, die seit mehr als drei Jahrzehnten den Sound der Londoner Band prägt.
Im Herzen fühlt sich der 56-jährige Jay Kay „wie 25“
„Travelling Without Moving“, „Cosmic Girl“, „Little L“, „Canned Heat“ – und natürlich „Virtual Insanity“. Der Schlossplatz tanzt. Fremde Menschen lächeln sich an. Niemand schaut auf die Uhr.
Jay Kay ist inzwischen 56 Jahre alt. Gegen Ende des Konzerts setzt er sich kurz auf eine Lautsprecherbox, schnappt nach Luft und sagt grinsend, er sei zwar 56 – im Herzen aber noch 25.
Genau so fühlt sich dieser Abend an.
Zeitlos.
Neben mir steht Benny Kriwanek und genießt jede Sekunde. Er erzählt von einem ganz besonderen Konzert. Im Jahr 2000 nahm er seinen Vater mit in die Schleyerhalle: Wolle Kriwanek, den legendären Schwabenrocker. Gemeinsam sahen Vater und Sohn Jamiroquai.
Diese Gänsehaut wird Benny nie vergessen.
Sein Vater Wolle Kriwanek ist 2003 viel zu früh gestorben Seine Musik aber lebt weiter. Alle zwei Wochen erlebt Christoph Bubeck vom Jazzclub Bix, ebenfalls ein Front-of-Stage-Besucher, Gänsehaut, wenn in der MHP-Arena vor dem Anpfiff die VfB-Hymne „Stuttgart kommt“ erklingt und mehr als 60.000 Fans die Zeilen mitsingen. Ein Lied, das Wollle Kriwanek geschrieben hat und das Teil der Identität dieser Stadt geworden ist.
Auch das sind Jazz-Open-Geschichten. Geschichten über Musik, die Generationen verbindet.
Vor wenigen Wochen ist Benny Vater geworden. Seine Frau ist an diesem Abend mit dem Baby zu Hause geblieben. Immer wieder zückt er sein Handy und filmt ein paar Songs. Damit auch seine Frau Barbara diese besonderen Momente miterleben kann.
Irgendwann verlasse ich die Front of Stage für eine kurze Bierpause. Draußen treffe ich Mike. Nennen wir ihn einfach mal so.
„Damals hat gefühlt fast jeder in der Halle Gras geraucht“
Auch er war 2000 beim Jamiroquai-Konzert in der Schleyerhalle.
Was der größte Unterschied zu damals sei?
Mike muss nicht lange überlegen.
„Damals hat in der Schleyerhalle gefühlt fast jeder Gras geraucht. Heute rauchen auf dem Schlossplatz viele nicht einmal mehr normale Zigaretten.“
Während ich mein Bier hole, macht Mike seine Marihuana-Pause. Heute ist das erlaubt. Damals war es verboten. Die Zeiten ändern sich.
Jamiroquai dagegen bleiben sich treu.
Vielleicht ist genau das ihr Geheimnis. Die Songs sind älter geworden, aber kein bisschen alt. Sie klingen immer noch modern, lebendig und machen einfach glücklich.
Für Mike gehören die Jazz Open zu den Höhepunkten des Stuttgarter Sommers. Er erinnert sich noch an 2006. Damals stand die Bühne auf dem Pariser Platz – direkt neben einer riesigen Baustelle, die inzwischen zum Milaneo geworden ist James Brown trat dort auf.
„Das war unfassbar“, erzählt Mike. Ein Jahr später war der „Godfather of Soul“ tot.
Heute finden die Jazz Open auf dem Schlossplatz statt – mitten im Herzen der Stadt, wo sie hingehören. Kaum eine Kulisse verbindet Urbanität, musikalische Highlights, Geschichte und Sommerstimmung so eindrucksvoll wie dieser Platz zwischen Neuem Schloss und Königsbau.
Und genau deshalb sind die Jazz Open so besonders.
Sie holen Weltstars nach Stuttgart, ohne dabei ihre Seele zu verlieren. Hier treffen Jazzfans auf Popfans, Rockfans auf Funkliebhaber, junge Festivalbesucher auf Menschen, die seit den ersten Jazz Open dabei sind. Man begegnet alten Freunden, lernt neue kennen, steht gemeinsam vor der Bühne und erlebt Momente, die sich nicht planen lassen.
Die Jazz Open sind mehr als ein Spitzenfestival, auf das die Stadt stolz sein kann. Sie sind ein großes Sommer-Wohnzimmer für Stuttgart – mit Fortsetzung draußen hinter den Absperrungen auf dem Rasen für die Zaungäste.
Jedes Konzert schreibt seine eigene Geschichte. Manchmal geht es um einen Vater und seinen Sohn. Manchmal um einen Neu-Papa, der seiner Frau zu Hause ein paar Songs filmt. Manchmal um Erinnerungen an James Brown oder an einen lauen Sommerabend vor zwanzig Jahren.
Und manchmal steht man einfach ganz vorne vor einer Band wie Jamiroquai, schaut in den Nachthimmel über dem Schlossplatz und denkt: Genau deshalb liebe ich diese Stadt.
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