Uwe Bogen
Stuttgart-Album
Vier Freiluft-Cafés auf einmal: Kommt jetzt das echte Marktplatz-Gefühl?
4. April 2026
Seit Generationen herrscht auf dem Marktplatz gastronomische Flaute – nach Ostern soll sich dies ändern. Die Stadt hat vier neue Terrassenflächen ausgewiesen. Ein Rückblick auf die Historie dieses zentralen Ortes – auch aufs legendäre Café Scholz.
Pünktlich zum neuen Zeitalter auf dem gastronomisch lang verwaisten Marktplatz freut sich die Sonne. Die Stadt hat vier neue Terrassenflächen vor dem Rathaus ausgewiesen. Kommt jetzt das echte Marktplatz-Gefühl? Die ersten Gastronomen haben kurz vor Ostern Stühle, Tische, Sonnenschirme aufgestellt, um die neuen Möglichkeiten zu nutzen – es sind die Trautwein-Brüder vom Knitz.
Wird aus dem Stuttgarter Marktplatz doch noch ein echter Marktplatz? Also einer, wie man’s aus vielen Metropolen kennt: Straßencafé an Straßencafé.
So viel Außengastronomie auf dem Marktplatz war nie
Neben dem Knitz erhält das Cotidiano vom Breuninger eine eigene Fläche auf dem Marktplatz beim Brunnen. Der Ratskeller bekommt gar zwei Marktplatz-Flächen – eine Fläche im oberen Teil des Platzes sowie eine weitere an der Hirschstraße, die an den Marktplatz reicht. So viel Außengastronomie war am Rathaus noch nie!
Ratskeller-Betreiber Milos Vujicic bestätigt, dass ihm künftig eine Terrassenfläche direkt auf dem Marktplatz zusteht. Ob er sie nutzt, ist noch nicht klar. Denn die zusätzlichen Tische und Stühle müsste er immer dann, wenn Wochenmarkt ist, abbauen, also dreimal in der Woche, und dann wieder aufbauen. Der Aufwand sei womöglich größer als der wirtschaftliche Nutzen.
Vujicic will die geplanten Veränderungen beim Wochenmarkt erst mal abwarten. Und berichtet von einem weiteren Plan: für die Weinbar hat er eine kleine Terrassenfläche direkt am Eingang beantragt.
Im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums wird bis heute darüber diskutiert, ob sich der Marktplatz nach dem Krieg wirklich im positiven Sinne verändert hat. Viele bedauern, dass an dieser zentralen Stelle „wenig emotional“ gebaut worden sei. Die Architektur wirke schlicht, heißt es – ganz anders als der prachtvolle Vorgängerbau des Rathauses, der zwischen 1901 und 1905 im Stil der flämischen Spätgotik errichtet worden war.
1833 ist auf dem Marktplatz, das Spielwarenfachgeschäft Kurtz eröffnet worden. Heute ist das Traditionsgeschäft Vergangenheit. Ende 2021 wurde es für immer geschlossen. Auch die Nachfolgeversuche konnten sich auf Dauer nicht durchsetzen.
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Der Marktplatz hat im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erlebt. Bereits 1290 wird er erstmals urkundlich erwähnt. Hier standen im Laufe der Zeit mehrere Rathäuser: 1456 entstand das erste Gebäude, das Ende des 16. Jahrhunderts zu einem Renaissancebau umgestaltet wurde. Um 1900 hielt man dieses Rathaus für zu klein. Es wurde abgerissen, und 1905 entstand ein repräsentatives Rathaus.
OB Klett wollte den Neubeginn
Dieses Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Angesichts der Ruinen sprach sich der damalige OB Arnulf Klett entschieden gegen eine Rekonstruktion der historischen Gebäude am Marktplatz aus. Stattdessen setzte man auf einen Neubeginn. Die Architekten der Nachkriegszeit orientierten sich zwar an den alten Grundrissen, wählten aber eine deutlich modernere Gestaltung. In den horizontal gegliederten Fassaden und der Farbwahl sollte dennoch das kleinteilige Bild der früheren Häuserzeilen anklingen.
Auch das Rathaus selbst wurde zum Gegenstand einer intensiven Debatte: Wiederaufbauen oder Neues wagen? Schließlich entschied sich der Gemeinderat für eine Mischung aus beidem. Nach Plänen der Architekten Paul Schmohl und Paul Stohrer entstand das Rathaus zwischen 1953 und 1956 als eine Art Hybridbau. Der Flügel zum Marktplatz hin sollte die neue Sachlichkeit ausdrücken, während die rückwärtigen Gebäudeteile instand gesetzt und aufgestockt wurden.
Auf den Marktplatz-Fotos der 1950er ist zu erkennen, dass es damals noch keine Straßencafés gab. Der Stuttgarter Historiker Alexander Michael Horlacher kennt den Grund: „Cafés waren in der Regel im ersten Stock – damit man nicht gesehen wurde beim ,nix schaffa‘.“ Beim Autofahren ließen sich die Menschen schon lieber sehen. Der Marktplatz war ein Parkplatz.
Noch bis 1974 diente der Marktplatz vor allem den Autos. Erst mit der Umgestaltung zur Fußgängerzone änderte sich das Bild: Rund um den Brunnen – der zwischenzeitlich zum Wilhelmsplatz versetzt worden war, später wieder zurückkehrte und nun aus seiner Grube geholt wurde – wurden Platanen gepflanzt und Sitzplätze geschaffen. Trotzdem blieb der Platz über lange Zeit erstaunlich leer und wirkte auf viele Besucher eher karg.
Erinnerungen ans Café Scholz
Ein erster Versuch, dem Marktplatz mehr Leben einzuhauchen, begann 2003. Damals stellte das Café Scholz rote Sonnenliegen nach draußen. Die Leute waren begeistert. „Stuttgart hat ein Stück Paris“, war zu hören. Ein neuer Wohlfühlort entstand.
Obwohl es oft voll aussah beim Café Scholz aussah, seien die Einnahmen zu niedrig für die hohe Miete, sagte der Wirt damals. Deshalb war 2014 Schluss mit Dolce Vita.
Kehrt das süße Leben nun zurück? Ein Problem momentan ist noch, dass Baustellen Parkplätze wegnehmen. Die Marktbeschicker aber müssen ihre Autos abstellen, die deshalb zuweilen auf dem Marktplatz stehen. „Es wäre natürlich wunderschön“, sagt Ratskeller-Gastronom Milos Vujicic „wenn es die Möglichkeit gebe, statt geparkten Autos den Marktplatzbesuchern eine bespielte Terrasse zu bieten.“
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