Uwe Bogen
Tag der lesbischen Sichtbarkeit
„Die Erste, die ich kannte“ – vergessene lesbische Geschichten werden sichtbar
22. April 2026
Unsichtbar, übersehen, selten erzählt: Ein Forschungsprojekt aus dem Südwesten beschreibt, wie lesbische Frauen nach 1945 lebten – und warum ihre Geschichten für heutige Debatten so wichtig sind. EchtStuttgart über Liebe im Verborgenen zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit am 26. April.
Der Tag der lesbischen Sichtbarkeit am 26. April feiert lesbische Kultur, Geschichte und Lebensweisen – und macht zugleich auf die anhaltende Unterrepräsentation und Diskriminierung von Betroffenen aufmerksam. Ein Anlass also für uns, genauer hinzuschauen.
Passend dazu rückt ein Forschungsprojekt aus Heidelberg und Freiburg Geschichten in den Fokus, die lange übersehen wurden: „Lesbische Lebenswelten“ untersucht das Leben frauenliebender Frauen im Südwesten zwischen 1945 und den 1980er-Jahren – und steht jetzt vor seinem Abschluss.
Zwischen Repression und Selbstbestimmung
Was bis heute nachwirkt: Unsichtbarkeit, gesellschaftliche Normen und Ausgrenzung – aber auch der langsame Weg hin zu Emanzipation.
Das Forschungsteam habe sich bewusst für mehrere Perspektiven entschieden, erklärt Steff Kunz im Interview mit Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. Auf diese Weise lasse sich ein „vielschichtiges Bild“ zeichnen. Während ein Teil Kommunikations- und Begegnungsräume untersucht, richten sich andere auf Beziehungsweisen oder den Umgang mit lesbischen Frauen in der Psychiatrie.
Muriel Lorenz betont, dass dieser breite Ansatz auch deshalb nötig sei, weil es bislang kaum Forschung zu diesem Thema gebe. Viele Spuren hätten erst mühsam gefunden werden müssen – nicht zuletzt dank jahrzehntelangen Engagements aus der Community, ohne das das Projekt gar nicht möglich gewesen wäre.
Verborgene Leben, späte Sichtbarkeit
Ein zentrales Ergebnis: Lesbische Beziehungen blieben nach 1945 oft unsichtbar. Weibliches Begehren sei selten als eigenständige Liebe anerkannt worden, so Elena Mayeres. Nach außen erschienen Beziehungen häufig als „Freundschaften“.
Viele Frauen hätten erst rückblickend erkannt, dass es in ihrem Umfeld durchaus lesbische Paare gab. Erst mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er-Jahre wurde es zunehmend möglich, solche Beziehungen offen zu benennen. „Das war dIe Erste. die ich kannte“, wurde dann später immer mal wieder erzählt.
Klischees über den angeblich männlichen Stil von Lesben
Und es gab Klischees über Lesben, die sich über Jahrzehnte hielten: Kurze Haare, maskuline Kleidung, „männlicher“ Stil. Die Wahrheit ist: Es gibt keinen „lesbischen Look“. Lesbische Frauen können feminin, androgyn, sportlich oder sehr unterschiedlich auftreten, natürlich auch robust und männlich – genau wie jede andere Frau auch. Die Vielfalt der Gesellschaft, weiß man heute, trifft auch auf Lesben zu.
Kleidung und Stil sagen nichts über die sexuelle Orientierung aus. Dieses Klischee entsteht oft, weil sichtbare Stereotype etwa in Medien überbetont werden.
Gleichzeitig entstanden neue Räume – von Frauenzentren bis zu Szeneorten –, die Austausch und Selbstverständnis ermöglichten. Doch mehr Sichtbarkeit bedeutete nicht nur Freiheit, sondern brachte auch neue Stigmatisierungen mit sich.
Psychiatrie als Kontrollraum
Besonders eindrücklich ist der Blick in die Psychiatrie der Nachkriegszeit. Lesbische Frauen seien selten direkt wegen ihrer Sexualität behandelt worden, erläutert Kunz. Stattdessen standen Diagnosen wie Depression oder Angst im Vordergrund.
Dennoch habe Sexualität häufig eine Rolle gespielt – und sei oft als „Symptom“ interpretiert worden. Die Behandlungen reichten von Gesprächen bis hin zu Medikamenten oder drastischen Maßnahmen wie Elektrotherapien.
Zugleich macht Kunz deutlich, dass Psychiatrien auch als gesellschaftliches Kontrollinstrument fungierten. Eltern hätten ihre Töchter einweisen lassen, um „abweichendes“ Verhalten zu korrigieren. Für viele Betroffene sei die Klinik dadurch ein unsicherer Ort gewesen.
Zwischen Schutz und Isolation
Ein zentrales Motiv aller Teilprojekte ist die Ambivalenz von (Un-)Sichtbarkeit. Unsichtbarkeit konnte Schutz bieten, führte aber oft zu Isolation. Sichtbarkeit hingegen erleichterte Vernetzung und politische Organisierung, zog aber neue Formen von Ausgrenzung nach sich, so Lorenz.
Die Lebenswege lesbischer Frauen in der Nachkriegszeit waren entsprechend vielfältig – und geprägt von ständigen Aushandlungsprozessen.
Warum diese Geschichte heute zählt
Die Forschenden unterstreichen die hohe Aktualität ihrer Arbeit. Die historischen Beispiele zeigen, dass Lebens- und Familienformen schon immer vielfältiger waren als das klassische Ideal.
Gleichzeitig machen sie deutlich, wie fragil gesellschaftliche Fortschritte sind. Trotz rechtlicher Verbesserungen erleben viele queere Menschen weiterhin Diskriminierung. Umso wichtiger sei es, diese Geschichten sichtbar zu machen – auch als Beitrag zu aktuellen Debatten.
Veranstaltung zum Projektabschluss
Rund um den Aktionstag gibt es auch in Stuttgart Veranstaltungen für die lesbisch-queere Community. Besonders hervorzuheben ist der Abschluss des Forschungsprojekts:
Am 29. April um 18 Uhr wird im Hotel Silber die Veranstaltung
„Die Erste, die ich kannte… – Lesbische Lebenswelten zwischen 1945 und den 1980er-Jahren“* präsentiert. Auch Stuttgart Pride lädt dazu ein.
Die Studie „Zwischen Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation“ ist das erste vom Land geförderte Projekt dieser Art und basiert auch auf viel ehrenamtlicher Recherche. Der Vortrag bietet nicht nur neue Einblicke, sondern erinnert auch daran, wie wichtig es ist, errungene Rechte zu verteidigen.
Zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit wird damit klar: Diese Geschichten waren immer da – sie werden jetzt endlich sichtbar.
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