Uwe Bogen
Kolumne Stadtleben
SWR-Sommerfestival in Stuttgart: Eine Liebeserklärung an den Schlossplatz
24. Mai 2026
Wo das Stadtleben am schönsten ist? Im Sommer auf dem Schlossplatz – dem Herz der Stadt. Zwischen dem Hip-Hop-Family-Jam und Pop & Poesie wird beim SWR-Sommerfestival auch hinter der Absperrung das Leben gefeiert. Laut SWR kamen 100.000 Besucher. Eine Liebeserklärung an den Schlossplatz.
Wer an diesem Pfingstwochenende über den Schlossplatz läuft, spürt sofort: Stuttgart kann Sommer. Und wie. Nach einjähriger Pause hat das SWR-Sommerfestival die Mitte der Stadt zurückerobert – und diesmal alles richtig gemacht.
Vor zwei Jahren war das Festival nach dem verunglückten Auftritt von Oliver Pocher Gesprächsthema im negativen Sinne, weil es mit dessen peinlichen Sprüchen völlig aus dem Ruder lief. Und weil der Sender Tage brauchte, um darauf angemessen zu reagieren. Diesmal dagegen passt einfach alles: das Wetter, die Stimmung, das Publikum – und vor allem das Programm.
Schon die „Tatort“-Premiere zum Auftakt erweist sich erneut als Publikumsmagnet. Am Samstag feiert dann das 0711-Hip-Hop-Kollektiv seinen 30. Geburtstag beim SWR3-Event – ausverkauft trotz des parallel laufenden DFB-Pokalfinales. Auch hinter den Absperrungen feierten Tausende mit. „Es ist schön, dass auch Rapper graue Haare und graue Bärte bekommen“, sagt SWR-Moderatorin Stefanie Anhalt. Genau diese Mischung aus Nostalgie, Heimatgefühl und Superstimmung macht den Abend so einzigartig, dass kaum jemand den Fußball vermisst.
Cem Özdemir sammelt Sympathiepunkte
Dazu das mitreißende Benefizkonzert am Vormittag des Pfingstsonntags mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der großartigen SWR Big Band – tanzbar, sommerlich, voller Energie und noch dazu mit wichtigen politischen Botschaften für Demokratie und Solidarität („Wem es gut geht, sollte anderen helfen“) Bemerkenswert bei diesem Konzert auch der Auftritt des neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir. Schlagfertig, souverän und witzig spricht er zum Publikum. Noch ist er neu im Amt, doch bei diesem Auftritt hat man das Gefühl: Er könnte dieses Amt ausfüllen und sogar das Zeug zum Landesvater haben. Zumindest in seiner Präsenz erinnert manches an Winfried Kretschmann – ruhig, nahbar und selbstverständlich im Umgang mit den Menschen. Auch das gehört zu Stuttgart: keine große Protz-Show, kein Pathos, sondern ein bodenständiger Stil.
Und schließlich am Sonntagabend „Pop & Poesie in Concert“: die Premiere der achten Staffel „Viva la Vida“. Ein Titel, der perfekt zu diesem Wochenende passt. Moderator Jochen Stöckle beschreibt die neue Show so: „Wir laden euch ein, mit David Bowie tanzen zu gehen, mit Alanis Morissette über die Ironie des Lebens zu lachen und mit Lady Gaga am Klavier zu sitzen. Feiert mit uns das Leben. Viva la Vida!“ Genau diese Mischung aus Welthits, Emotionen, kluger Unterhaltung und einer sehr guten Band macht den Reiz des Formats aus.
Die Songtexte werden auf Deutsch übersetzt und zwischen den Liedern vorgetragen. Das funktioniert oft wunderbar – manchmal merkt man aber auch, dass diese Worte eigentlich untrennbar zur Musik gehören. Was im englischen Originalsong leicht, poetisch oder beiläufig klingt, wirkt auf Deutsch und ohne Melodie gelegentlich etwas zu bedeutungsschwer. Und dann denkt man sich: Gut, dass man im Original nicht alles versteht.
Lebe das Leben – ein gutes Motto für schwierige Zeiten
„Viva la Vida“ – lebe das Leben. Frida Kahlo schrieb diese Worte 1954 auf ihr letztes Bild mit den aufgeschnittenen Wassermelonen. Trotz aller Schmerzen ihres Lebens wurde daraus eine trotzig-leuchtende Hymne auf das Dasein. Coldplay machte den Satz später mit seinem Welthit weltberühmt – als Lied über Vergänglichkeit, Verlust und die Erkenntnis, dass nichts für immer bleibt. Gerade deshalb tut dieses Motto heute so gut. In Zeiten voller schlechter Nachrichten wirkt ein Abend voller Musik, Lebensfreude und gemeinsamer Momente fast wie ein kleines Gegenprogramm zur Dauerkrise.
Und genau das gelingt auf dem Schlossplatz eindrucksvoll. Auch hinter den Absperrungen sitzen die Menschen entspannt auf dem Rasen, viele mit Picknickdecken, Drinks und Freunden. Familien, Studenten, ältere Paare, Hip-Hop-Fans und viel Multi-Kulti, absolut friedlich – alle teilen sich diesen großen Sommerplatz mitten in der Stadt. Für ein paar Stunden fühlt sich Stuttgart dabei fast mediterran an. Man hört Musik über den Kessel ziehen und denkt plötzlich: Was für eine schöne Stadt das doch ist. Falls der Kanzler mal wieder über das Stadtbild diskutieren will – er sollte an so einem Sommertag hier vorbeischauen.
Das Herz dieser Stadt schlägt kräftig
Natürlich nerven Baustellen, Staus und gesperrte Straßen oft genug. Darüber wird in Stuttgart ausdauernd geschimpft. Aber wer an diesem Wochenende über den Schlossplatz läuft, merkt auch: Das Herz dieser Stadt schlägt kräftig. Die Mitte lebt.
Vielleicht liegt die besondere Qualität dieser Stadt gerade in solchen Momenten: Wenn sich der Schlossplatz füllt, Musik über den Kessel zieht und Menschen einfach bleiben, entsteht eine Stimmung, die echt wirkt – und gerade deshalb so stark ist. Dann zeigt sich eine Stadt, die nur auswärts unterschätzt, von uns aber geliebt wird, im besten Licht: offen, entspannt, sehr lebendig.
Man darf auf Stuttgart stolz sein. Und der SWR, der bei allem Sparzwang noch wunderbar feiern kann,, verdient für dieses Sommerfestival ein dickes Lob. Jetzt freuen wir uns auf das nächste große Festival auf dem Schlossplatz: auf die Jazz Open. Fortsetzung von „Viva la vida“ folgt.
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