Uwe Bogen
Kultur-Event
Ist das schon Beverly Hills oder noch Stuttgart?
4. April 2026
Zwischen Baustelle und Kesselblick zeigt Maximilian Rödel in einer millionenschweren Killesberg-Villa monumentale Farbwolken. Der Berliner fühlt sich an Beverly Hills erinnert. Ein Kunsterlebnis, wie es nur Stuttgart kann. EchtStuttgart war exklusiv dabei.
Der Blick ist fast zu schön für eine Vernissage. Der Sonnenuntergang über dem Talkessel ist atemberaubend. Durch die bodentiefen Glasscheiben sieht man die Hügelketten, die sich am Horizont abzeichnen und sich langsam verdunkeln. Der Blick fällt auf Stuttgarts wohl schönste Vilen in der Halbhöhe – auf die Sonnenseite der Stadt, der es in sonst harten Zeiten immer noch sehr gut geht.
Der Berliner Künstler Maximilian Rödel, der gerade im Indigo Museum in Ahmedabad in Indien ausstellt, muss bei seiner Stuttgart-Premiere, kaum, dass die Sonne untergangen ist, an Beverly Hills denken.
Nur: Die Häuser auf Stuttgarts Hügeln seien schöner, sagt er, also die Häuser auf den Cleverly Hills, wie coole Schwaben sagen.
Eine weltberühmte Villa wird zur Galerie
Seine Werke hängen an diesem Abend in einer Villa auf dem Killesberg, die zwecks Sanierung zur Baustelle wurde. Die Holzdecke ist ausgebaut, der Boden provisorisch, Kabel hängen aus den Wänden. Und doch wirkt der Ort wie eine perfekte Bühne für Rödels über zwei Meter hohe Leinwände – schwebende Farbwolken in Violett, Rosa, Gold, Orange und Türkis.
Die Villa aus dem weltberühmtem Heinle Wischer Ensemble, die für diesen Abend zur Galerie wird, erzählt ihre eigene Geschichte.
Gebaut wurden die Zwillings-Villen 1966 von den Stuttgarter Star-Architekten Erwin Heinle und Robert Wischer, deren Arbeiten bis heute das architektonische Gesicht der Stadt prägen. Ihre Entwürfe waren damals fast revolutionär: filigrane Stahlkonstruktionen, große Glasflächen, flexible Grundrisse. Zwei private Wohnhäuser, die unter Denkmalschutz stehen, verbunden durch ein gemeinsames Atelier und ein Schwimmbad.
Und Technik, die an einen James-Bond-Film erinnert. Per Knopfdruck öffnet sich das Dach. Eine Treppe fährt empor und führt auf eine Terrasse mit einem Panorama, das selbst abgeklärte Immobilienprofis kurz verstummen lässt.
An einem einzelnen Werk arbeitet er etwa drei Monate
In dieser unfertigen Umgebung hängen Rödels Werke – große, leuchtende Farbwelten, die wie Nebel aus Licht wirken.
„Ich verwende stark verdünnte Ölfarbe, um diesen Eindruck von Farbschichten zu erzeugen“, erklärt Rödel. „Manchmal male ich nur eine Schicht, manchmal ungezählt viele.“
Der Berliner arbeitet langsam und konzentriert. Nur etwa 20 Bilder entstehen pro Jahr. An einem einzelnen Werk sitzt er rund drei Monate.
Die Geduld zahlt sich aus: Seine Arbeiten kosten zwischen 20.000 und 30.000 Euro – und finden international Sammler.
Dass Rödels Werke in diesem Architekturjuwel ausgestellt werden, hat einen künstlerischen Hintergrund: Die Kunsthändlerin Leo Dorsch und die Kuratorin Patricia Zorn feiern die Premiere ihres Konzepts „Intersections“, das in Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Immobilienmakler Gerrit Koresch von Moventia entstanden ist. Ziel des Trios ist es, „die Schnittstellen der kreativen Branchen zu zelebrieren“. Die Reihe ist als kuratiertes Format gedacht, bei dem „jede Ausgabe einen temporären Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen, Räumen und Zeiten schafft“. An diesem Abend verschmelzen moderne Kunst und Architektur der 1960er Jahre.
Der Eigentümer wollte eigentlich gar nicht verkaufen
Nur für eine Nacht hängen Rödels monumentale Farbwolken in der Villa. Aus Sicherheitsgründen geht es nicht länger. Sie kommen danach in eine Fabrikhalle und sollen verkauft werden.
Die Häuser stehen für den technikbegeisterten Fortschrittsglauben der jungen Bundesrepublik. Leicht und transparent wirken die Gebäude mit ihren großzügigen Glasflächen. Innen kontrastieren Holz und Textilien mit der Stahlkonstruktion.
Der Name ihres Architekten ist in Stuttgart ohnehin eng mit der Geschichte der Moderne verbunden: Erwin Heinle war maßgeblich am Bau des Landtags von Baden-Württemberg beteiligt – dem ersten Parlamentsgebäude Europas, das nach dem Zweiten Weltkrieg neu errichtet wurde.
Auch andere prestigeträchtige Projekte tragen seine Handschrift: die Mitarbeit am Stuttgarter Fernsehturm oder der Bau des Olympischen Dorfes in München.
Zwei Häuser, ein Hang, ein Panorama
Die Gebäudegruppe liegt an einem locker bebauten Südhang mit weitem Blick auf den Talkessel.
Auf einem verbindenden, in den Hang eingelassenen Büroteil sind die beiden Wohnhäuser versetzt angeordnet. Dadurch entsteht ein Innenhof – und zugleich Abstand und Privatsphäre.
Die Wohnhäuser, in denen Heinle und Wischer leben, sind individuell gestaltet: offene Wohnbereiche für Kommunikation und Repräsentation, die sich vollständig zur Aussicht öffnen, sowie private Bereiche mit Schlaf- und Arbeitsräumen.
Dank der Stahlkonstruktion bleiben die Grundrisse flexibel. Selbst eine spätere Aufteilung in separate Wohnungen wäre möglich. Immer werden die Immobilien mit den Case Study House in den Hollywood Hills verglichen, mit einer Architekturikone des kalifornischen Modernismus. An diesem Ort rückt Stuttgart sehr nah heran. –
Die Bilder scheinen mit dem Raum zu sprechen
Während sich die Gäste an diesem ganz besonderen Abend mit einem Glas Diehl-Wein zwischen Leinwänden und Beton bewegen, entsteht ein eigenartiger Zauber.
Die Bilder scheinen mit dem Raum zu sprechen. Die Baustelle wirkt plötzlich wie ein bewusstes Bühnenbild.
Und draußen beginnt Stuttgart zu leuchten. Ein Kunstereignis, wie es nur die Kesselstadt möglich macht. Ist das schon Beverly Hills oder noch Stuttgart?
INFO:
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