Uwe Bogen
Sexualität
Nackt im Netz – aber selbstbestimmt
5. April 2026
Was geschieht hinter der Paywall von OnlyFans? Ein Stuttgarter Creator spricht im Interview mit EchtStuttgart über sein geheimes Online-Leben. Ehrlich, sexpositiv, schonungslos.
Während KI immer stärker in intime Bereiche vordringt, Deepfakes virtuell vergewaltigen, boomt eine Form der bezahlten Online-Nacktheit, die nicht mehr ganz so neu ist. Die Plattform OnlyFans wurde bereits vor knapp zehn Jahren in Großbritannien gegründet – und erzielt immer neue Umsatzrekorde. Wer sind die Menschen, die sich im Netz für Geld nackt zeigen? Was geben sie ihren Abonnenten – und was bleibt dabei für sie selbst?
Darüber wird viel spekuliert. Ein Creator aus Stuttgart – nennen wir ihn Mick – gewährt im Gespräch mit EchtStuttgart Einblicke in sein geheimes Leben.
Mick (32) arbeitet tagsüber in einem ganz normalen Vollzeitjob. Die Branche will er nicht öffentlich machen. Man sieht ihn in Stuttgarter Clubs oder edel gewandet bei Premieren etwa im Friedrichsbau Varieté an der Seite seines Partners. Was niemand ahnt und man ihm nicht ansieht: Wenn er allein ist, betritt er digital eine Welt, in der sein Körper, seine Geheimnisse, seine Fantasien – und ja, auch seine weißen Socken – zur Währung werden.
In dieser Welt bestimmt er oft spontan, wie viel Intimität er von sich preisgibt, je nach Stimmung und Kundenwünschen. Es ist ein zweites Leben – digital, selbstbestimmt und zugleich voller Spannung. Damit verkörpert Mick etwas, das auf vielen Clubpartys als Antwort auf Verklemmtheit ausgerufen wird: „Sexpositiv“, so lautet das Modewort dazu.
Vom Hobby zum digitalen Experiment
Wie kam er dazu? „Die Idee ist nach und nach entstanden“, antwortet Mick. Schon früh habe er gern Fotos von sich gemacht und gemerkt, dass sie online Aufmerksamkeit etwa bei Instagram erhalten. Er spürte, dass er gern mehr von sich zeigen würde und begann, sich mit OnlyFans zu beschäftigen, wie dies in der Gayszene viele tun. „Es war eher eine Entwicklung, bis ich mich entschieden habe, es einfach auszuprobieren – mit ein klein wenig horny vibes“, sagt er lächelnd. Seine Follower von Instagram, die mehr sehen wollen, zog er mit in die Paywall-Area. Und erstaunlich viele gingen mit.
Trotz seines Accounts geht Mick jeden Tag ganz normal zur Arbeit. OnlyFans sei „just for fun“. Geld verdiene er zwar nebenbei, doch im Vordergrund stehe die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie weit er geht. Ob der 32-Jährige damit vier-, fünf- oder gar sechsstellige Summen verdient, wie dies angeblich in der Branche der Adult-Selbstfilmer üblich ist? Kein Kommentar, keine Antwort!
Sein Account trägt den Titel „Itsmysecretlife94“. Damit ist alles gesagt. Wie würde er seinen Auftritt hinter der Paywall jemandem beschreiben, der noch nie von ihm gehört hat? „Mein Account ist eine Mischung aus sinnlichen Fotos und persönlicheren, intimen Einblicken“, sagt Mick. „Die Leute sehen mich ‚normal‘ auf Instagram. Auf OnlyFans gibt es dann oft dasselbe Foto noch einmal – nur mit tieferen Einblicken.“
Bisher produziert der 32-Jährige alle Inhalte allein. Doch das soll sich ändern: Kooperationen mit anderen Creatorn sind geplant. Was er bei OnlyFans verheißt, beschreibt er auf seiner Seite so: „Time to unpack my big 🍆“ – die Aubergine verheißt Größe.
Ob Mick darüber hinaus sexuelle Handlungen zeigt, lässt er bewusst offen. „Die Seite wächst mit der Zeit. Was heute nicht dabei ist, kann nächsten Monat schon auftauchen“, sagt er nur. Alles, was hochgeladen wird, entscheide er bewusst selbst.
„Bei Grindr zeigt man schon einiges – da härtet man ab“
Fällt es ihm schwer, sich nackt zu zeigen, ohne zu wissen, wer das alles sieht? Seine Antwort: „Jein. Auf Dating-Apps wie Grindr zeigt man schon einiges. Man härtet irgendwie ein bisschen ab. Und irgendwann will man immer mehr.“
OnlyFans sei für ihn weniger ein Tabu als ein Ort der Selbstbestimmung. „Es ist irgendwie eine Art Kunst“, sagt er. „Instagram für Gays – für Leute, die mehr sehen wollen.“
Wer schaut zu?
Über seine Abonnenten weiß Mick wenig und will auch gar nichts wissen. Die meisten Nutzer bleiben anonym. Nur statistische Zahlen wie die Dauer eines Abos oder die Häufigkeit von Zahlungen kann er einsehen. Namen, Alter oder Herkunft? Fehlanzeige. Im direkten Austausch hält er sich bewusst zurück. „Jeder darf sehen, was ich mache. Aber ich möchte nicht der persönliche Lover für jeden sein“, erklärt er.
Die Zielgruppe ist dennoch klar: vor allem Gays. Und es gibt spezifische Vorlieben: „Weiße Socken kommen extrem gut an“, sagt Mick. Die verschickt und verkauft er benutzt, wie das die Kunden wollen.
Ein Monatsabo für seinen Account kostet acht Dollar, bezahlt über die Firma OnlyFans, die Provision einbehält. Während viele Branchen fürchten, dass Künstliche Intelligenz ihre Geschäftsmodelle zerstört, wächst OnlyFans unaufhaltsam.
Zwischen Bekanntheit und Privatsphäre
Mick bleibt nicht immer anonym. Auf Gay-Partys spricht es sich herum, dass er bei OnlyFans aktiv ist. „Man kennt sich, und es wird geredet“, sagt er. Meistens entstehe daraus ein neugieriges Gespräch – oder ein kurzes Kompliment. Wenn ihn jemand darauf anspricht, reagiert er mit Humor: „Ich frage dann zuerst, ob er es sich schon angeschaut hat.“
Sein Partner habe kein Problem damit. „Wir sagen immer: Wer es sehen will, kann es sehen – wer nicht, muss es nicht.“ Freunde reagierten meist locker. „Einigen zeige ich Fotos einfach mal so.“ Von Kollegen höre er mitunter: „Echt? Mega interessant!“ Sie trauten sich aber nicht, weiter zu fragen. Der Grund sei Unsicherheit. Viele wollten keine falschen Fragen stellen, weil sie sich mit schwuler Identität nicht auskennen. „Aber sie tolerieren es zu 100 Prozent.“
Was der 32-Jährige an OnlyFans schätzt, ist die Freiheit. Er entscheidet, wann er arbeitet und welche Grenzen er setzt. Doch es gibt Herausforderungen: Vorurteile etwa oder der Druck, regelmäßig neue Inhalte zu liefern. Auf seinem Profil gibt es mittlerweile über 900 Bilder und Videos. „Ich glaube kaum, dass jemandem da langweilig wird“, sagt Mick. Seine Kunden wünschten keinen Muskelmann, sondern einen normal gebauten Jungen von nebenan.
Sein Rat an Neugierige
Sein Rat an Menschen, die darüber nachdenken, einen Account zu starten: Für manche könne OnlyFans eine Chance sein, kreativ zu arbeiten und Geld zu verdienen. Gleichzeitig müsse man sich der Konsequenzen bewusst sein – insbesondere in Bezug auf Privatsphäre und öffentliche Wahrnehmung. „Wer diesen Weg geht, sollte klare Grenzen haben – und voll dahinterstehen“, sagt Mick.
Ist das die Peep-Show der neuen Zeit?
OnlyFans spiegelt die Dynamik im Digitalzeitalter: das Bedürfnis nach Nähe und die Monetarisierung von Intimität in Zeiten der Einsamkeit. Die Plattform wird oft als Symptom einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung gesehen: Sie normalisiere den Kauf von Lust und führe zu Entfremdung. Mick findet jedoch, dass er mit „Itsmysecretlife“ genau das machen könne, was er wolle, ohne den Kunden echten Sex bieten zu müssen.
Gleichzeitig macht die Plattform klar, wie Intimität zum Wirtschaftsgut werden kann, wie digitale Nähe soziale Bindungen ersetzt. Vielleicht ist OnlyFans die Peep-Show der neuen Zeit – ein Ort, an dem sexuelles Verlangen anonym gegen Kohle ausgelebt wird.
Früher waren es abschließbare Kabinen, in die man Münzen warf, um eine nackt tanzende Tänzerin zu sehen. Heute wählt man bequem am Handy seine Favoritin oder seinen Favoriten aus und bezahlt per Karte. Das Prinzip ist geblieben, nur der Ort hat sich verändert.
Für Mick ist OnlyFans kein Traumberuf, sondern eine Etappe. Seine Geschichte zeigt vor allem eines: Hinter jedem Profil steckt ein echtes Leben, das manche lieber vor den anderen verbergen.
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