Phil Hagebölling

Halbzeitbilanz auf dem Wasen

Stuttgart stark zur Halbzeit – doch München verlängert und macht Druck

29. April 2026

„Das größte Frühlingsfest der Welt“ – mit diesem Anspruch geht der neue Wasenchef Guido von Vacano für Stuttgart ins Rennen. Doch ausgerechnet jetzt könnte München aufholen: Dort dauert das Frühlingsfest erstmals drei statt zwei Wochen.

Das schöne Wetter hilft dem Stuttgarter Frühlingsfest. Foto: Thomas Niedermüller

Seit Jahren gilt das Stuttgarter Frühlingsfest als die Nummer eins.  Der neue Chef der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, Guido von Vacano, formuliert den Anspruch selbstbewusst: Nicht nur das größte in Europa, sondern gleich das größte Frühlingsfest der Welt solle der Wasen sein.

Doch nun bekommt Stuttgart ernsthafte Konkurrenz. Das Münchner Frühlingsfest zieht in diesem Jahr nach – zumindest bei der Dauer. Zum 60. Geburtstag wird erstmals drei Wochen gefeiert statt wie bisher nur zwei. Ein scheinbar kleiner Unterschied, der große Auswirkungen haben könnte: Mehr Tage bedeuten mehr Gäste – und damit die Chance, bei der Gesamtbesucherzahl zu Stuttgart aufzuschließen oder sogar vorbeizuziehen.

Dabei ist genau diese Länge in Stuttgart längst Standard. Das Fest auf dem Cannstatter Wasen erstreckt sich traditionell über drei Wochen und konnte so in der Vergangenheit regelmäßig höhere Besucherzahlen verbuchen als München.

Starker Auftakt in Stuttgart

Zur Halbzeit zeigt sich: Der Wasen behauptet seine Position. Rund eine Million Besucherinnen und Besucher wurden nach den ersten dreizehn Tagen gezählt. Der Auftakt mit viel Sonne und vollen Zelten sorgte von Beginn an für eine lebendige Atmosphäre. „Man hat deutlich gespürt, wie groß die Lust auf das Fest ist“, heißt es aus dem Umfeld der Veranstalter.

Auffällig bleibt die Mischung des Publikums. Familien sind ebenso präsent wie Feiernde – und das nicht nur an speziellen Aktionstagen. Gerade diese breite Ansprache sorgt für die besondere Stimmung auf dem Platz.

Mittagstisch statt Sperrstunde: Die schwäbische Kalkulation

Während in den Zelten um Punkt zwölf noch die Ruhe vor dem abendlichen Sturm herrscht, brummt draußen das eigentliche Herzstück der Cannstatter Verpflegungskultur. In den Biergärten, etwa in der Almhütte Royal, wird der „Tageskracher“ zum Gradmesser der Volksfest-Stimmung. Für 15,90 Euro wandert hier das Ensemble aus Haxe oder Göckele samt Kaltgetränk über den Tresen – ein Preis, der fast wie eine nostalgische Zeitreise wirkt, bevor die Abendkarte das Regiment übernimmt. Milos Vujicic, kulinarischer Kopf der Almhütte, weiß um die Magnetwirkung dieser Offerten: In Zeiten, in denen überall an der Preisschraube gedreht wird, ist Verlässlichkeit die härteste Währung auf dem Wasen.

Dass man in Stuttgart nicht erst zur Prime-Time erscheint, ist ohnehin eine Frage der Ehre. Festwirt-Urgestein Karl Maier erteilt den Überlegungen, die Zelte aus Kostengründen erst später zu öffnen, eine klare Absage. Sein Credo: „Um halb zwölf will der Schwabe essen.“ Beim Göckelesmaier glühen die Grills deshalb schon ab elf Uhr vor. Mit einem Kampfpreis von 9,90 Euro für das halbe Hähnchen vor 15 Uhr setzt Maier ein Zeichen gegen den allgemeinen Teuerungs-Trend. Dass er die gestiegenen Züchterpreise nicht eins zu eins an die Gäste weitergibt, ist mehr als nur Marketing – es ist die schwäbische Antwort auf die Inflation: Ein strategischer Verzicht, um die Schwelle zum Festzelt für alle Schichten so niedrig wie möglich zu halten.

Flexibel und störungsfrei

Auch organisatorisch läuft vieles rund. Kurzfristige Ausfälle einzelner Fahrgeschäfte konnten kompensiert werden, neue Attraktionen sprangen ein. Größere Zwischenfälle? Fehlanzeige. Entsprechend fällt die Zwischenbilanz durchweg positiv aus.

Besonders im Festzelt Beim BENZ fällt das Fazit sehr positiv aus. Ein ausgebuchtes Eröffnungswochenende, sehr gute Stimmung, stabile Reservierungszahlen und ein insgesamt friedlicher Verlauf prägen die erste Hälfte. Bereits am ersten Wochenende kamen laut Veranstalter in.Stuttgart mehr als 200.000 Besucher auf den Wasen.

„Wir sind mit der ersten Hälfte des Frühlingsfestes sehr zufrieden“, sagt Festwirt Marcel Benz. „Der Auftakt war stark, die Stimmung im Zelt vom ersten Tag an hervorragend und wir erleben ein sehr positives, friedliches Fest.“

Auch bei den Reservierungen konnte das Zelt im Vergleich zum Vorjahr zulegen – ein Signal für die anhaltend hohe Nachfrage. Auch Nina Renoldi von der Almhütte Royal freut sich über einen spürbaren Anstieg der Gäste. 

Programm, Highlights und Konstanz

Nach dem Auftakt folgte eine Reihe gut besuchter Programmtage: Narrentag, Vereinstag, Handball-Event und verschiedene Afterwork-Formate sorgten für kontinuierliche Besucherströme und gute Atmosphäre.

Besonders auffällig sei in diesem Jahr die Konstanz, so Benz: nicht nur einzelne Spitzen, sondern viele gut besuchte Tage hintereinander.

Ein Höhepunkt war der VfB-Abend, bei dem Ermedin Demirović persönlich im Zelt Freibier ausschenkte – ein symbolträchtiger Moment für die enge Verbindung zwischen Region, Verein und Wasen.

München holt auf – Vergleich wird spannender

Zum Vergleich: Die Marke von rund einer Million Besucherinnen und Besuchern wurde in München in der Vergangenheit im Schnitt nach zwei Wochen erreicht. Ob dieser Wert auch in diesem Jahr gilt, ist allerdings noch offen. Durch die erstmals verlängerte Laufzeit auf drei Wochen bleibt abzuwarten, wie sich die Gesamtbilanz entwickelt und ob das Münchner Frühlingsfest damit tatsächlich näher an das Stuttgarter Frühlingsfest heranrückt oder es sogar übertrifft.

Offenes Rennen um den Titel

Damit entsteht ein neues Spannungsfeld: Stuttgart geht mit dem Anspruch ins Rennen, weiterhin das größte Frühlingsfest der Welt zu sein. München hingegen hat erstmals den Zeitvorteil auf seiner Seite.

Ob dieser reicht, bleibt offen – denn der Wasen punktet nicht nur mit Größe, sondern auch mit gewachsener Struktur, stabiler Nachfrage und einem klaren Profil zwischen Festzeltkultur, Familienangebot und regionalem Charakter.

Die zweite Hälfte verspricht daher nicht nur gute Stimmung auf dem Wasen – sondern auch ein spannendes Rechenspiel zwischen zwei Volksfest-Standorten, die sich so nahe sind wie selten zuvor.

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