Uwe Bogen

Stadtgeschichte

Stuttgarts berühmtester Mythos wird saniert: Das Café Weiß soll bleiben, wie es immer war

25. Juni 2026

Die Angst vor dem Aus war nach dem Verkauf des Hauses groß. Doch der neue Eigentümer will das Café Weiß beim Hans-im-Glück-Brunnen so erhalten, wie es immer war. Gerade wird die historische und denkmalgeschützte  Fassade aufwendig gereinigt. Der Mythos lebt weiter. EchtStuttgart war vor Ort.

Alle Spuren von Graffiti werden gerade vom Café Weiß entfernt. Foto: Uwe Bogen

Auf der Leiter vor der Fassade des Café Weiß steht Ralf Rößler, Chef der Baureinigungsfirma, im weißen Schutzanzug. Sein  Hochdruckreiniger zischt. Die Hauswand, die Rollläden und der Eingang waren wild mit Graffiti beschmiert.  Nun wird Stück für Stück die historische Oberfläche freigelegtt. Die Geräusche hallen durch die Geißstraße – ein ungewohnter Anblick an einem Ort, der gerade zwischen Vergangenheit und Zukunft neu geordnet wird.

Das Café Weiß, das der frühere Chef der Gaststättenbehörde mal als „Weltkulturerbe“ bezeichnet hat, war ein Ort zwischen Halbwelt und Halbhöhe, zwischen Rotlichtgeschichte und Kulturtreff. Ein Ort, auf dem sich gesellschaftliche Gegensätze getroffen haben und der seit Jahrzehnten Geschichten produziert, die in der Stadt gern weitererzählt werden.

Ralf Rößler ist mit seiner Firma auf die Reinigung historischer Fassaden spezialisiert. Foto: Uwe Bogen

Die Zukunft dieser Institution stand zeitweise in Frage. Der Enkel des ersten Weiß-Wirts wollte aus gesundheitlichen Gründen das Haus verkaufen. Die Sorge war groß, dass ein Stück Stadtgeschichte verloren gehen könnte: Kommt ein „Schickimicki-Laden“? Wird aus dem Mythos ein beliebiges Lokal?

Der Gemeinderat beschloss mit seiner öko-sozialen Mehrheit, das  Vorkaufsrecht der Stadt zu nutzen, um das Gebäude zu sichern und das Kultlokal in seiner bisherigen Form zu erhalten. Doch die Stadtkasse ist leer – daraus wurde also nichts.. Stattdessen übernahm ein neuer Eigentümer, der anonym bleiben will, das Haus – verbunden mit der Zusage, um die zwei Millionen Euro in den Erhalt zu investieren.

Schutzschicht wird aufgetragen, damit Graffiti leicht zu entfernen sind 

Nun wird das traditionsreiche Haus an der Geißstraße umfassend saniert – und soll weitgehend in den Originalzustand zurückgeführt werden. Das klare Ziel ist, den Charakter des Gebäudes zu bewahren. Über dem Eingang prangt weiterhin die alte Aufschrift „ERSTES KRUMBACHER“, mehr als 100 Jahre alt. Daneben finden sich noch Spuren längst verschwundener Marken und Werbeschilder – Relikte einer anderen Zeit.

Alle Maßnahmen erfolgen in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz. Das Gebäude steht unter Schutz, jede Veränderung muss behutsam erfolgen. Zusätzlich wird eine nahezu unsichtbare Schutzschicht aufgetragen, die künftig das Entfernen von Graffiti erleichtern soll.

Ausgeführt werden die Arbeiten vom Fachbetrieb Die Baureiniger, einem Unternehmen, das auf die Reinigung und Restaurierung historischer Fassaden spezialisiert ist.

Alois Weiß hat das erste Café Weiß geführt. Foto: privat

Mit dem Blümchenmuster auf samtigen Tapeten, der Skulptur eines dicken Mönchs auf dem Tresen und einem Kronleuchter, der Pufflicht im Raum schummrig verteilt, hat das Café Weiß nur geringe Chancen auf einen Platz im Magazin „Schöner Wohnen“. Schon immer war das Lokal beim Hans-im-Glück-Brunnen der Gegenentwurf zum Zeitgeist, es war der Ort, an dem Mythen entstehen. Unvergipst erinnert ein Einschussloch an längst abgelaufene Rotlicht- und Ganoventage. Es scheint, als sei der plüschige Charme des alten Stuttgarts in den schweren Vorhängen hängen geblieben.

 
Die Zeit hat keine Macht über diese Räume, nur über die Menschen. Der erste Chef, Alois Weiß, ist 1977 mit 67 gestorben, der zweite Chef, Heinz Weiß, 2010 mit 74. Der Enkel Bernhard Weiß hatte mehrere Pächter, der letzte macht unter dem neuen Eigentümer weiter. Trotz der aufwendigen Sanierung am Tag läuft der Gastrobetrieb abends normal weiter.  Bekannt war die Instituion immer auch für Lesungen und besondere Feste.
Viele fröhliche Gäste trafen sich im Café Weiß. Foto: privat

Alois  Weiß war ein nobler Herr, meist vornehm gekleidet und mit guten Manieren. Auf alten Fotos sieht er ein bisschen aus wie ein Schauspieler aus Hollywood. Sein Beruf: Schneidermeister. An der Oberen Bachstraße (die heute vom Schwabenzentrum überbaut ist) führte er eine Schneiderei, die nicht allein berühmt für gute Stoffe und Schnitte – hier trafen sich im Nebenzimmer heimlich  Homosexuelle zum Tanz.

1961 übernahm Alois Weiß das Erste Kulmbacher beim Hans-im-Glück-Brunnen, aus der das bis heute plüschig konservierte Café Weiß geworden ist. Dank Verhandlungsgeschick gab es eine der damals noch raren Sperrzeitverkürzungen. Man erzählt sich, dass Weiß wie auch die findigen Chefs der Nachtclubs der Vereinigten Hüttenwerke den damaligen Leiter des Ordnungsamte diskret auf dessen dunkle Vergangenheit als SS-Mann in besetzten Gebieten hingewiesen haben, weshalb es mit der Sperrzeitverkürzung problemlos klappte. Kein anderes Lokal im Viertel dürfte so lange aufbleiben.

So sah es früher aus. Foto: privat

Im Café Weiß trafen sich weiterhin Schwule – doch auch Damen fanden sich nun ein. Denn der menschenverachtende Paragraf 175 verlangte Raffinesse. Chef Weiß holte Prostituierte ins Haus. So konnte man der Ordnungsmacht keinen Vorwand liefern, um einzuschreiten. Nach Streichung dieses Paragrafen wurde das Lokal immer mehr zum kulturellen Treff. So viele waren da: Rainer Werner Fassbinder, Campino, John Cranko, WalterBuchhändler Wendelin Niedlich, sogar Willy Brandt sowie die italienischen WM-Helden von 1974.

Die Prominenz ihres Freiers, des Torwarts Dino Zoff, soll eine Dame so sehr die Sinne vernebelt haben, dass sie vergaß, ihre Gage zu kassieren. Dann habe sie sich bei ihm beschwert – dieses Zitat erzählt man sich heute noch gern: „Dass du da Verstand zwischa de Füeß hosch, han e jo g’wisst. Aber dass dees so wenig isch, hätt‘ e ned denkt.“

Diese kuriosen Geschichten vom Café Weiß müssen also nicht enden. Der neue Eigentümer will an die Tradition anknüpfen und sie in die Zukunft führen. Die Sanierung hilft, dass ein  Stück  Stuttgarter Identität weiterlebt.



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