Uwe Bogen

Wie Musik zwei Leben verband

Von der Favela nach Feuerbach: Die unglaubliche Freundschaft von MC Gringo und DJ Gus

16. Mai 2026

Dies ist die Geschichte einer Freundschaft, die klingt, als habe sie ein Filmautor erfunden – aber sie ist echt. Börni aus Feuerbach und Gustavo aus einem Armenviertel von Rio verbindet ein Leben voller Musik, Zufälle, Triumphe  und Tiefschläge. Jetzt stehen MC Gringo und DJ Gus ausgerechnet in Feuerbach auf der Bühne.

MC Gringo alias Börni Weber (links) und DJ Gus haben sich vor 25 Jahren in Rio kennengelernt. Am 30. Mai spielen sie gemeinsam in Feuerbach. Foto: privat

Es gibt Zufälle im Leben, die sind so schön, als habe man sie erfunden. Die Geschichte von MC Gringo, auch Gringo de Janeiro genannt und DJ Gus ist genau so eine: eine Mischung aus Glück, Musik, Leidenschaft – und einer Männerfreundschaft, die über Jahrzehnte und Kontinente hinweg gehalten hat.

Vor mehr als 25 Jahren lernten sich die beiden in Rio de Janeiro kennen. Der eine: MC Gringo, bürgerlich Bernhard „Börni“ Weber, ein Junge aus Feuerbach, der Anfang der 2000er nach Brasilien auswanderte und dort als MC Gringo bekannt wurde. Der andere: Gustavo, heute DJ Gus (46 Jahre), ein Brasilianer mit bescheidenem Hintergrund, aber großer musikalischer Begabung.

Börni Weber zog bewusst und freiwillig in eine Favela

Damals führte das Leben die beiden in die Welt des Baile Funk – jener Musik aus den Favelas von Rio, roh, laut, ehrlich und voller Energie. Börni Weber hatte sich 2007 nach den ersten fünf Jahren Brasilien bewusst entschieden, selbst in eine Favela zu ziehen. Trotz seiner Erfolge als Musiker wollte er die Kultur nicht nur beobachten, sondern wirklich Teil davon werden.

Über ein Radioprojekt lernte er Gustavo kennen. „Er wohnte zwar nur am Eingang der Favela Pereirão, konnte mir aber einen Vermieter vermitteln“, erinnert sich der Stuttgarter, der aus seiner Zeit in Feuerbach bis heute mit dem früheren Fußballprofi Kevin Kuranyi befreundet ist. Aus dieser Begegnung in Rio wurde schnell mehr als eine musikalische Zusammenarbeit. Weber lud seinen neuen Freund immer wieder in die Favela ein, wo sie gemeinsam Songs schrieben, auflegten und Nächte voller Musik verbrachten.

Die Friends vor etlichen Jahren in Rio. Foto: privat

Auch zu seiner Einladung beim größten brasilianischen Talkmaster aller Zeiten, Jo Soares auf TV Globo, nahm Weber seinen Freund Gustavo mit.  Beim Tim Festival 2007 standen sie gemeinsam vor tausenden Menschen auf der Bühne. Insgesamt, schätzt Weber, hätten sie weit über hundert gemeinsame Shows gespielt.

Doch wie so oft veränderte das Leben die Richtung. Beide gründeten Familien, kümmerten sich um ihre Kinder, verfolgten eigene Projekte. Der Kontakt riss trotzdem nie ab.

Als Börni Weber zum Beispiel bei einem Job für Kay One in Rio de Janeiro noch einen Fahrer brauchte, rief er wieder seinen alten Freund. 

In der Pandemie zog Börni mit seiner Familie von Rio  nach Berlin

Dann kam Corona und Touristenführer Weber flüchtete vor der Besucherflaute nach Deutschland. Kurz darauf zog es auch DJ Gus dank portugiesischer Verwandtschaft nach Europa. Über Lissabon kam er schließlich nach Berlin – zunächst mit nichts weiter als einem Koffer und der Hoffnung auf einen Neuanfang. Vier Wochen schlief er bei Weber auf der Couch.

Dann begann seine zweite Karriere.

Heute gehört DJ Gus zu den gefragtesten brasilianischen Party-DJs in Deutschland. Ob Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Freiburg oder Dresden – überall dort, wo brasilianische Musik gefeiert wird, kennt man seinen Namen – und sogar in Berlins Touristendisco Nummer eins, dem Matrix an der Warschauer Strasse, hat er sich als Resident-DJ etabliert. Er lernte Deutsch, holte seine Familie nach Europa und machte sich als Latin-Kommerz-DJ einen Namen.

Börni Weber und der frühere Fußballprofi Kevin Kuranyi sind best buddies. Foto: privat

Weber arbeitet heute als Behindertentaxifahrer in Berlin

Der 57-jährige Weber hingegen arbeitet heutzutage in Festanstellung als Behindertentaxifahrer und hat sich nach seiner Karriere als erster Baile Funk-MC das Ziel gesetzt, in seiner Freizeit die brasilianische Musikrichtung Piseiro unter dem Pseudonym ,Gringo do Forró´, auch mit dem Titel ,Schwäbischer Piseiro´ populärer zu machen. ,Piseiro kann allein oder als Paar getanzt werden, ist in Brasilien mittlerweile die populärste Musikrichtung und verdient mehr Bekanntheit´.

Jüngst kam nun dieser Moment, den sich kein Drehbuchautor besser hätte ausdenken können.

Vor kurzem erzählte DJ Gus seinem Freund, er habe einen Auftritt für die beiden in Stuttgart organisiert. Als Börni die Adresse sah, konnte er es kaum glauben: Grazer Straße in Feuerbach. Nur wenige Straßen entfernt von der Klagenfurter Straße, wo er seine komplette Jugend verbracht hatte.

„Das Ganze ist keine fünf Minuten von dem Ort entfernt, wo ich aufgewachsen bin“, sagt Börni. „Jetzt kann Gus endlich sehen, wo ich herkomme. Keine Favela – aber ein ehrlicher, schöner Vorort Stuttgarts, den ich immer im Herzen getragen habe.“

Für beide schloss sich in diesem Moment ein Kreis.

Gemeinsamer Auftritt am 30. Mai im Monroe in Feuerbach

Am 30. Mai , Beginn 22 Uhr, stehen MC Gringo und DJ Gus deshalb gemeinsam im Monroe an der Grazer Straße 27 gmeinsam auf der Bühne. Nicht einfach als zwei DJs. Sondern als Freunde, die sich in den Armenvierteln von Rio gefunden, sich im Leben nie verloren und sich am Ende ausgerechnet in Feuerbach wiedergefunden haben.

 
Vielleicht ist genau das die schönste Seite dieser Geschichte: Dass wahre Freundschaft manchmal jede Entfernung überlebt – selbst zwischen Favela und Feuerbach. zwischen Copacabana und Killesberg, zwischen Rio und Stuttgart. Und dass Musik manchmal Menschen verbindet, lange bevor sie selbst verstehen, wie besonders diese Verbindung einmal werden wird.
 
Das Leben hat ihnen harte Schläge verpasst, eine Musikerkarriere in Rio ist nix für Weicheier. Doch das hat sie nur immer noch stärker gemacht. Und zeigt,wie schön dein Leben ist, wenn du einen guten Freund an deiner Seite hast.
Börni während der Fußball-WM in Brasilien 2914 mit dem Weltmeister Deutschland. Foto: privat

Achtung, privat! Zum Schluss noch was Persönliches vom Schreiber:

Mensch Börni, wir kennen uns jetzt seit fast 30 Jahren. Du warst damals Praktikant bei den Stuttgarter Nachrichten, ich saß als Redakteur zwei Schreibtische weiter. Der damalige Lokalchef – wir nennen besser keine Namen – hat dich sich regelmäßig vorgeknöpft, und ich habe versucht, dich zu verteidigen.

Unvergessen: Einmal wolltest du früher raus aus dem Pressehaus, um als Model aufzutreten. Die Kollegen waren sicher: Das erlaubt der Chef nie! Aber er ließ dich gehen. Lag wohl am Kickersschal, der plötzlich über der Redaktionstrennwand hing. Als der Kollege Joe Bauer dich fragte, ob du Fan  von den Kickers oder dem VfB sei, hast du gut reagiert:  „I mog boide.“

Dann bist du plötzlich nach Rio gezogen. Erst wegen der Liebe, dann wegen des Lebens mit der Musik. Du hast mich immer wieder auf dem Laufenden gehalten – auch, als du freiwillig in eine Favela gezogen bist, dort Musik gemacht hast und Touris zum Sightseeing der Armut geführt hat. „Mensch Kerle“, so begannen meist deine Sprachnachrichten an mich.  Später kamen eine zweite große Liebe und Kinder dazu.

Und aus dem Feger aus Feuerbach wurde ein Mann, der sich für seine Familie durchgekämpft hat. Deine Geschichten klangen für mich oft wie aus dem Abenteuerland.  Favela, Bühne, Fernsehen, Rio bei Nacht – und mittendrin immer du.

Respekt, dass du all das durchgezogen hast, oft auf deine schnoddrige Art mit coolen Sprüchen. Respekt, dass du heute fest angestellt bist als Taxifahrer für Behinderte, Verantwortung übernommen hast und trotzdem nie aufgehört hast, Musik zu machen. Du gehst deinen eigenen Weg, und bist doch der Typ von früher geblieben. 

Willkommen daheim, Börni. In Stuttgart gibt’s garantiert noch etliche, die wissen, wer DJ Mouse war – das warst nämlich du. Vielleicht schließt sich manchmal genau dann ein Kreis, wenn man merkt, dass Heimat nie ganz verschwunden war. Und dass man trotzdem immer neugierig bleibt auf Neues.. 

Börni als Talkgast bei Wolfgang Heim in SWR1-Leute. Foto: SWR

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