Phil Hagebölling
Pressekonferenz in Stuttgart
Felix Sturm: Der Mann, der die Zeit ausknocken will
8. Juni 2026
Felix Sturm bittet am 11. Juli in der Stuttgarter Porsche-Arena zum finalen Akt seiner Karriere. Gegen einen 18 Jahre jüngeren Gegner sucht der fünfmalige Weltmeister nicht nur den sportlichen Abschied – sondern den Sieg über die eigene Vergänglichkeit. Ein Blick hinter die Kulissen einer bemerkenswerten Inszenierung.
Pressekonferenz in der Porsche Arena © Foto: Fabian Grumann
© Sturm Boxing
Das Dekret der Nostalgie
Mustafa Göktas leitete als Moderator durch das mediale Schaulaufen, führte Regie zwischen den Vertretern von Boulevard und Fachpresse und versuchte, dem Ganzen den würdevollen Rahmen zu geben, den diese Karriere zweifellos verdient. Doch die spannendsten Zwischentöne lieferte Sturm selbst. Auf die Frage, warum der letzte Vorhang ausgerechnet in Stuttgart fallen soll, flüchtete sich der Altmeister in eine fast schon royale Sentimentalität: „Hier bin ich zum vierten Mal Weltmeister geworden. Tolle Stadt, tolle Verbindung, tolle Erinnerungen.“
Sturm ging sogar noch einen Schritt weiter, legte die emotionale Rüstung ab und bezeichnete den Kessel als sein „zweites Zuhause“, sprach von einer großen Community und engen Freunden vor Ort. Er liebe diese Stadt.
Man muss diese Aussage historisch sezieren: Es war der 7. Dezember 2013, direkt nebenan in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, als Sturm den Briten Darren Barker demontierte und sich den IBF-Gürtel griff. Stuttgart war für ihn damals der emotionale Rettungsanker nach bitteren Rückschlägen. Dreizehn Jahre später soll die Stadt nun als Kulisse für das finale Kaddisch seiner Karriere herhalten. Es ist ein rührender, aber auch riskanter Versuch, den emotionalen Code von damals zu reaktivieren, um die Gegenwart zu überschreiben. Dem Ring ist es am Ende völlig egal, welche Erinnerungen ein Kämpfer in ihm abgelegt hat.
Felix Sturm © Sturm Boxing
Ein Stein im Getriebe
Auf der anderen Seite des Podiums saß Granit Stein. 29 Jahre alt, gelerntes Supermittelgewicht, hungrig und mit jener Respektlosigkeit gesegnet, die man nur besitzt, wenn man die großen Schlachten des Gegenübers bloß aus dem Fernsehen kennt. „Ein Sturm kann einem Stein nichts anhaben“, diktierte der Jüngere in die Mikrofone der Journalisten. Ein simpler Satz für die Schlagzeilen, der dennoch den wunden Punkt dieser Inszenierung trifft.
Stein steigt für diesen Kampf eine Gewichtsklasse auf. Er opfert dafür potenziell seine Schnelligkeit, gewinnt aber die Chance, als der Mann in die Geschichte einzugehen, der das Denkmal Felix Sturm endgültig vom Sockel gestoßen hat. Für Stein ist der Abend in der Porsche-Arena das Karriere-Sprungbrett; für Sturm ist es die Schließung der Akte. Das birgt eine enorme psychologische Sprengkraft: Der eine hat alles zu gewinnen, der andere sein gesamtes Vermächtnis zu verlieren.
Granit Stein © Foto: Torsten Helmke
Zwischen Hochamt und Hochpreis-Spektakel
Natürlich ist dieser 11. Juli auch ein gigantisches Wirtschaftsunternehmen. Wer im Innenraum der Arena hautnah mitschauen will, zahlt bis zu 464 Euro. Es wird mit Showacts und einer „Veranstaltung für die Geschichtsbücher“ geworben. Das riecht nach Las Vegas im NeckarPark, nach viel Lametta für ein sportliches Fragezeichen. Kann ein 47-Jähriger, der in den letzten Jahren seltener im Ring stand als vor Gericht oder in den gesellschaftlichen Schlagzeilen, noch einmal jene Härte aufbringen, die das Halbschwergewicht verlangt?
Sturm hat in seiner Vita alles stehen: fünf WM-Titel, schillernde Millionen-Gagen, aber auch Doping-Sperren und eine Gefängnisstrafe. Er ist der letzte Überlebende des großen deutschen Box-Booms der Nullerjahre. Doch der härteste Gegner, dem er sich in Stuttgart stellen muss, wartet am Ende nicht in der blauen Ecke. Er heißt Zeit.
Am späten Abend des 11. Juli werden wir wissen, ob die Porsche-Arena für Felix Sturm wieder zum Ort des Triumphs wird – oder zum Schauplatz einer Tragödie in zwölf Runden. Die Kulisse steht. Der Vorhang hebt sich.
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