Uwe Bogen
Stuttgart-Album über die Neunziger
30 Jahre nach der letzten Party: Wie das Unbekannte Tier Stuttgart verändert hat
26. Mai 2026
An der Decke hing eine Kirchturmsuhr, auf dem Klo pinkelten die Herren gegen einen Wasserfall: Das Unbekannte Tier ist eine Party-Legende. Vor 30 Jahren war nach heftigem Feiern Schluss. Wir haben nach dieser langen Zeit mit Mitgründer Johannes Zeller über einen Ort gesprochen, der Stuttgart verändert hat.
Stuttgart in den 90ern – der Kleine Schlossplatz bekommt eine Freitreppe, der Fall der Berliner Mauer wirkt nach und im Aquarium einer neu eröffneten Bar im Metropol-Gebäude schwimmen echte Welse. Dass die Location Das Unbekannte Tier heißt, hat nichts mit den Fischen zu tun, die ohnehin nicht lange bleiben. Gäste beschweren sich, dass die laute Umgebung nichts für die Tiere seien. Von nun an bleibt das Aquarium leer – für sechs aufregende Jahre.
Der Name Unbekanntes Tier entstand aus einem Gefühl heraus. Johannes Zeller und seine Mitstreiter verwandelten 1990 einen ehemaligen Wienerwald in eine der schrägsten Locations in Stuttgart – aus der Hähnchenbraterei wurde ein legendärer Club. Gesucht war ein Name, der auffällt, neugierig macht und sich mit Absicht nicht eindeutig erklären lässt. Genau das machte den Reiz einer Legende aus.
Vor genau 30 Jahren wurde die letzte Party im Tier gefeiert
Am 30. Mai 1996 wurde im Tier die letzte Party gefeiert, also vor genau 30 Jahren. Damit endete ein Phänomen, das sich auch heute noch nicht eindeutig erklären lässt.
Vielleicht war das eigentliche Wunder der Neunziger nicht das Nachtleben selbst, sondern dass ausgerechnet Stuttgart eines bekam. Die Stadt der Häuslebauer. der Streber und Frühaufsteher lernte, nachts durchzumachen.
Heute verantwortet Johannes Zeller die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stuttgarter Hafen GmbH. Mit einem Abstand von 30 Jahren sagt er: „Das Tier hat nicht nur mein Leben geprägt, voller Energie haben wir damals auch unsere Stadt und das Lebensgefühl einer Generation geprägt.“
Ein Ort, der Stuttgart selbstbewusster machte
In einem bewusst provisorischen Setting im Metropol-Gebäude, dessen Zukunft zu dieser Zeit ungewiss war, entstand Anfang der 1990er Jahre ein Ort, an dem Stuttgart experimentell und selbstbewusst aufblühte.
Statt perfekter Clubästhetik setzte das Tier auf Brüche, Improvisation und Überraschung – und genau daraus zog es seine Wirkung. Was ist aus all den wundersamen Dingen geworden, die das Tier an der Ecke Lautenschlager-/Bolzstraße so besonders machten? Die kreisenden Räder vom Schankraum etwa, die Kirchturmuhr oder die schwarzen Installationen des fischlosen Aquariums? Das Stadtpalais wäre glücklich, bekäme es die Inneneinrichtung eines einst zukunftweisenden Clubs fürs Stuttgart-Museum. „Wir haben nichts aufbewahrt“, sagt Zelle, „alles kam auf den Schrottplatz.“
Geschichtsträchtig ist das Areal, um dessen Nutzung damals gerungen wurde. Auf dem Gelände stand zwischen 1848 und 1922 der Hauptbahnhof. Einige Torbögen in der Fassade erinnern daran. 1925 entstand hier der Ufa-Palast. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Haus fast komplett aus. Ende der 1940er Jahre wurde es nach dem Wiederaufbau in den „Metropol-Palast“ mit Café, Kinosaal und Varieté umgewandelt.
Anfang der 1980er kauften die TWS das Gebäude, um ihre Hauptverwaltung zu erweitern. Der Denkmalschutz aber stoppte die Abrisspläne. Die Eigentümer versuchten, das Haus loszuwerden – doch es fand sich kein Käufer. Schließlich wurde das Bankhaus Ellwanger und Geiger beauftragt, ein Gesamtmietkonzept zu entwickeln. Teile des Metropol-Gebäudes standen nun lange leer.
Die „Einarmige“ ist bis heute unvergessen
Was tun? Wie wär’s mit einem Provisorium? Am 17. Mai 1990 eröffnete das Unbekannte Tier – und wurde Teil des Magischen Dreiecks, wie man es nannte, bestehend aus dem Palast der Republik, der Bierbar im früheren Toilettenhäuschen, und einem Schnellimbiss mit dem vielsagenden Namen Zum Zum.
Im Zum Zum, das im Jahr 2004 abgerissen wurde, arbeitete die Serbin Grubor, die bei einem Unfall einen Arm verloren hat. Manche sagen, sie habe dies mit Handicap eifriger getan als Menschen, die mit zwei Armen alle Hände voll zu tun haben. Rekordverdächtig zerteilte sie Currywürste und gab gleichzeitig das Geld raus – in der Erinnerung immer noch schneller. Die beliebte Milanka Grubor, genannt die „Einarmige“, zählt zu den Legenden der 90er, die irgendwann zurück nach Belgrad gezogen ist.
„Wir haben das Lebensgefühl einer Generation mit geprägt“, sagt Johannes Zeller, „das erfüllt einen schon mit einem gewissen Stolz.“ Heute freut er sich, „genauso an engagierten Menschen die ihre Ideen und Ziele vorantreiben und sich ins städtische Geschehen mit einbringen“. Denn es brauche Engagement und den Willen. Veränderungen voranzutreiben – eine Lehre aus seiner früheren Clubzeit. Stillstand oder rückwärtsgewandte Ideologien führten dagegen zurück in finstere Zeiten. wanrt Zeller, Engagement, gegenseitiger Respekt und Optimismus seien gefragt.
Die Boomer denken gern zurück
30 Jahre später.. Natürlich verklärt Erinnerung vieles. Die Neunziger waren nicht nur Freiheit. Es wurde geraucht wie verrückt, man kam mit stinkenden Klamotten nach Hause, nachts fuhr längst nicht überall ein Bus, und manche Clubs wirkten, als würden sie bei der nächsten Bassdrum zusammenbrechen. Aber gerade diese Improvisation machte die Nächte lebendig. Die Generation der Boomer denkt sehr gern zurück.
Wer in einer Runde von Stuttgartern, die über 50 sind, am besten 60, das Wort Unbekanntes Tier fallen lässt, sieht entzückte Gesichter. Sie teilen die schöne Erinnerungen an eine Zeit, in der Stuttgart plötzlich begann, an sich selbst zu glauben.
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