Uwe Bogen
Stuttgart-Album
Was „Sloggi“ backstage erlebte: Das Konzert der Rolling Stones vor 50 Jahren im Neckarstadion
28. Mai 2026
Als die Rolling Stones am 19. Juni 1976 erstmals im Neckarstadion spielten, schrieb Stuttgart Musikgeschichte. Clublegende Werner „Sloggi“ Find war vor 50 Jahren backstage dabei. User unseres Stuttgart-Albums erinnert sich an Hitze, Exzesse und „Liebesakte auf dem Rasen“.
Es war der 19. Juni 1976, ein heißer Samstagabend in Stuttgart – und ein Datum, das sich tief in die Erinnerung vieler Musikfans eingebrannt hat. Zum ersten Mal in der Geschichte des Neckarstadions erlaubte die Stadt ein Rockkonzert. Die Rolling Stones kamen nach Stuttgart. Für viele wurde es ein unvergesslicher Abend. Für einige aber auch ein akustischer Wahnsinn Und für die Polizei war’s ein Einsatz mit bemerkenswertem Protokoll.
Schon Wochen davor war der Widerstand groß. Konservative Stimmen warnten vor einer „Zweckentfremdung des Neckarstadions“. Sechs Jahre zuvor hatte es beim Stones-Auftritt auf dem Killesberg bereits Diskussionen um Drogen, Chaos und Exzesse gegeben. Doch das Rathaus setzte sich über die Bedenken hinweg. Exakt 42.102 Karten wurden verkauft. Die Tickets kosteten zwischen 15 und 20 D-Mark.
Warum „Sloggi“ zehn Wassereimer für Mick Jagger besorgen musste
Einer, der damals mitten im Geschehen war, ist die Stuttgarter Clublegende Werner „Sloggi“ Find. Im Auftrag des legendären Konzertveranstalters Fritz Rau kümmerte er sich um die Organisation des Konzerts. Kurzfristig musste Sloggi zehn Wassereimer für Mick Jagger organisieren. Die Hälfte wurde mit Wasser gefüllt, in die andere Hälfte kam Konfetti, das Jagger später ins Publikum schleuderte.
Sloggi war nicht nur beim Aufbau dabei, sondern auch beim Barbecue für die Band und die Helfer. Besonders gut erinnert er sich daran, wie nah die Weltstars plötzlich wirkten. „Mick Jagger saß fünf Meter von mir entfernt“, erzählt er heute. Autogramme habe damals kaum jemand gesammelt. Handys oder Selfies gab es ohnehin noch nicht. Backstage standen dafür reichlich alkoholische Getränke bereit. Später chauffierte Sloggi sogar den Sänger John Miles, der im Vorprogramm auftrat, zum Flughafen. Miles, der 2021 starb, blieb vielen Besuchern ebenfalls in Erinnerung.
Taschentücher ins Ohr gesteckt
Die Verstärkeranlage hatte gewaltige 250.000 Watt Leistung. Für Günther Ahner eindeutig zu viel. Der damals 27-Jährige erinnert sich im Stuttgart-Album daran, dass er sich Taschentücher in die Ohren stopfte und das Konzert weit vorne als „mitreißend“ erlebte. Nach dem Auftritt glaubte er allerdings, den improvisierten Hörschutz entfernt zu haben. Erst als sein linkes Ohr tagelang schmerzte und sogar blutete, stellte ein HNO-Arzt fest, dass noch ein Stück Taschentuch im Ohr steckte.
Polizeieinsatzchef Günther Rathgeb sprach später dennoch von einem „harmonischen Verlauf“. Der Polizeibericht registrierte 79 Festnahmen wegen Drogenmissbrauchs – und vermerkte außerdem trocken „den einen oder anderen Liebesakt auf dem Rasen“.
Über einen Freund, der bei einer Schallplattenfirma arbeitete, kam auch Lothar Escher damals in den Backstagebereich der Stones. Im Stuttgart-Album schreibt er, man habe Zugang zum „Raucherzimmer“ gehabt. Allein der kurzfristige Aufenthalt dort sei bereits „stimulierend“ gewesen. Selbst habe man „gar nichts“ anzünden müssen. Hinter der Bühne sei ohnehin einiges los gewesen, erinnert er sich augenzwinkernd. Die eigentliche Performance der Stones sei dabei fast in den Hintergrund gerückt. Besonders lebhaft erinnert er sich an Groupies, Exzesse und die Atmosphäre hinter den Kulissen.
John Miles spielte „Music“
So schreibt Birgit Slenzka im Stuttgart-Album, dass sie eigentlich nie ein großer Stones-Fan gewesen sei. Trotzdem sei die Atmosphäre im Stadion „ein unvergessliches Erlebnis“ geblieben. Besonders gut erinnere sie sich an John Miles und dessen Hit „Music“. Damals sei sie 20 Jahre alt gewesen, und auf der Tribüne habe drückende Hitze geherrscht.
Henning Frier wiederum konnte sich den „exorbitanten Eintrittspreis“ nach eigener Aussage nicht leisten. Gemeinsam mit Freunden verfolgte er das Konzert deshalb von der Grabkapelle auf dem Württemberg aus. Dort sei es zwar deutlich leiser gewesen, aber schließlich gelte bei den Stones ohnehin: „It’s only Rock’n’Roll but I like it.“
Petra Niccoli verpasste den Abend dagegen nur denkbar knapp. Sie wurde erst einen Tag später volljährig. Ihre Eltern erlaubten ihr deshalb den Konzertbesuch nicht.
Nicht alle Erinnerungen an den Abend sind allerdings verklärt. Der Musikproduzent Hans Derer urteilt rückblickend vernichtend. Der Sound sei miserabel gewesen, Mick Jagger und Keith Richards hätten „wahrscheinlich stoned“ gewirkt. Kein Gesangseinsatz sei auf den Punkt gekommen, Richards’ Gitarrenspiel eine „einzige Katastrophe“. Jahre später habe er Gelegenheit gehabt, mit Keyboarder Billy Preston über das Konzert zu sprechen. Auch dieser habe es als eines der schlechtesten Stones-Konzerte bezeichnet. Immerhin sei John Miles als Vorgruppe stark gewesen.
„Die Stones waren nicht gut drauf“
Ähnlich kritisch erinnert sich Thomas Fischer. Er war damals 18 Jahre alt und stand im Innenraum des Neckarstadions. Die Bühne sei weit entfernt gewesen, der Sound schlecht und die Band aus seiner Sicht „nicht gut drauf“. Obwohl er später rund 250 Konzerte besucht habe, sei der Juniabend 1976 sein erstes und zugleich einziges Stones-Konzert geblieben.
Fest steht: Der Abend vom 19. Juni 1976 bleibt ein Stück Stuttgarter Musikgeschichte. Zwischen übersteuerten Lautsprechern, Konfettieimern, Drogenfunden und Rock’n’Roll-Ekstase erlebte Stuttgart seine erste große Stadionrocknacht – und freute sich noch Jahrzehnte später darüber.
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