Uwe Bogen

Schräggastronomie in Stuttgart

ReBoots gewinnt den Goldenen Cowboyhut für die höchste Gagdichte pro Quadratmeter

5. Juni 2026

Lederstiefel  und Pumps an der Decke, sprechende Toiletten, Piña Colada in der Badewanne und Wände, die vor lauter Witzen kaum noch Luft bekommen. Die Westernbar ReBoots zählt zu den originellsten Orten des Kessels. EchtStuttgart verleiht den Machern  den Goldenen Cowboyhut für extrem hohe Gagdichte.

Geburtstagskinder werden im ReBoots ganz besonders gefeiert. Foto: Klaus Schnaidt

An den Wänden hängen Sprechblasen wie aus Comics-Heften. Auf einer steht die klare Aufforderung: „Nimm sofort die Hand aus meiner Hose. Ich zähle bis tausend.“

Eins, zwei, drei – wer ist dabei? Das reBoots an der Bopserstraße ist keine gewöhnliche Westernbar. Diese Location unterhalb der Olgastraße ist ein begehbarer Witz, ein liebevoll eingerichtetes Kuriositätenkabinett und vermutlich einer der originellsten Orte, die Stuttgart gastronomisch zu bieten hat.

Selbstironisch und herrlich überdreht

Wanted-Steckbriefe an den Wänden entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Danksagungen an Unterstützer der Bar. Das Personal trägt Sheriffsterne und Cowboyhüte, der Chef dazu noch eine Superman-Kappe – ohne dabei wie eine Karnevalstruppe zu wirken. Alles wirkt charmant, selbstironisch und herrlich überdreht.

Die Tester von EchtStuttgart ziehen den Cowboyhut, den sie leider vergessen haben.Würde es einen Kessel-Grammy für die höchste Gag-Gastro-Dichte pro Quadratmeter geben – wir würden ihn an die Macher Sascha Diener und Tobias Schoob  verleihen. Wow! Boah! Yeah! Bämm!

Und unbedingt wie Hans-guck-in-die-Luft nach oben schauen! Denn an der Decke hängen Schuhe, Schuhe, nichts als Schuhe – Boots eben,  alles zwischen Pumps und Cowboystiefeln, als hätten sie beschlossen, einfach schwerelos durch den Raum zu schweben. Sind alles Geschenke von Gästen, die da oben nun kleben, also ihre Schuhe, nicht die Gäste.

An der Decke hängen Cowboystiefel und Pumps - lauter Geschenk von den Gästen. Foto: Klaus Schnaidt

Allein die Toiletten hätten einen eigenen Artikel und eigenen Award verdient.

Während anderswo ein stilles Örtchen seinen Namen völlig zu Recht trägt, geht es auf den Toiletten des reBoots deutlich lebhafter zu.

Nichtsahnend betrittst du das Männer-WC, hoffst auf einen kurzen, unspektakulären Aufenthalt, ohne dass du einen Mitpinkler neben dir antriffst – und wirst prompt eines Besseren belehrt. Über deinem Kopf beginnt sich eine Discokugel zu drehen, und plötzlich ertönt eine Stimme, die vielen Stuttgartern vertraut vorkommen dürfte.

Es ist Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder alias Elfriede Schäufele.

Selbst der Toilettengang wird zum Teil des Entertainments

Vom Band erklärt dir die Schäufele  mit schwäbischer Strenge, dass sie gerade erst alles geputzt habe und du deshalb bitteschön ordentlich zielen mögest. Ja, also, wow: Selbst der Toilettengang ist im reBoots Teil des Unterhaltungsprogramms.

Und wer glaubt, das sei schon alles, hat die berühmten Knöpfe an der Wand noch nicht entdeckt.

Drückt man darauf, erklingen Sprüche, die zwar gelegentlich unter die Gürtellinie gehen, aber so charmant und pointiert daherkommen, dass man schmunzelnd wieder herauskommt.

Manche Gäste verbringen dort vermutlich mehr Zeit  als an der Bar. Dabei wäre das eigentlich schade. Denn auch dort gibt es genug zu entdecken.

Die Piña Colada wird in der schrägen Westernbar nicht im Glas serviert, sondern in der Mini-Badewanne samt Quietsche-Entchen. Foto: Klaus Schnaidt

Man kann auf klassischen Barhockern sitzen. Auf Sofas. Auf gemütlichen Sesseln. Oder ganz stilecht auf einem echten Pferdesattel, auch wenn das Pferd fehlt, was beim Schlürfen der Cocktails auch besser ist.

Das Team serviert die Getränke mit einem Augenzwinkern und der leichten Sorge, etwas verschütten zu können. Denn die Piña Colada kommt nicht einfach  nur in einem Glas daher.Nein. Sie wird in einer kleinen Badewanne gebracht – inklusive Quietscheente.

Eigentlich gehört die komplette Einrichtung als Dauerleihgabe ins StadtPalais. Denn das reBoots ist mehr als eine Bar. Es ist gelebte Stuttgarter Subkultur.

Vom Stammgast zum Barchef – das sind die schönsten Gastrostorys

Als die ehemalige Boots-Westernbar vor fünf Jahren vor dem Aus stand, weil sich die bisherigen Betreiber altersbedingt verabschiedeten, wollte der langjährige Stammgast Sascha Diener nicht zulassen, dass dieser besondere Ort verschwindet.

„Stuttgart würde ohne diesen Platz nicht dasselbe sein“, dachte er sich damals.

Gemeinsam mit seinem  Weggefährten Tobias Schoob – nein, die beiden sind entgegen einer weitverbreiteten Vermutung kein Paar –, mit Freunden und der Familie verwandelte Sascha Diener das alte Boots in das heutige reBoots mit völlig neuer Dekoration und neuem Ansatz. Wo früher nur Männer reindurften und wo ein  Darkroom beheimatet war, entstand ein offener, bunter Treffpunkt für alle.

Der Neustart war keine leichte Aufgabe. Die Technik war veraltet, Wände und Heizung sanierungsbedürftig, das gesamte Inventar in die Jahre gekommen.

Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Das reBoots versteht sich als open-minded. Hier ist jede, jeder und jedes willkommen. Denn sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität sind zwar wichtig  – für die Frage, ob man gemeinsam einen großartigen Abend verbringt, spielen sie keine Rolle. Im reBoots wird miteinander gefeiert, gelacht und das Leben genossen.

ReBoots-Chef Sascha Diener (links) mit dem Singer und Songwriter Clou Simon sowie mit dessen Schwester Daniela Chlouba. Foto: Klaus Schnaidt

Wer eine Fotobox, eine fünfstöckige Geburtstagstorte, einen roten Teppich oder andere ausgefallene Ideen für seine Feier sucht, ist hier ebenfalls richtig. Im reBoots  scheint fast nichts unmöglich.

Selbst unter den Mitarbeitenden finden sich bekannte Gesichter. So arbeitet hier unter anderem Schauspieler Ruben Dietze, der gemeinsam mit Sascha Diener in der gefeierten Produktion „La Cage aux Folles“ im Theater der Altstadt auf der Bühne stand.

Andere finden kein Personal – hier gibt’s eine Warteliste für Bewerber

Bemerkenswert ist auch etwas anderes. Während viele Gastronomen händeringend Personal suchen, berichtet Sascha Diener von einer Warteliste von Menschen, die gerne im reBoots arbeiten möchten. In Zeiten des Fachkräftemangels klingt das fast wie eine urbane Legende.

Doch wer einen Abend dort verbringt, versteht schnell warum.

Das Team wirkt nicht wie Personal. Es wirkt wie eine Familie.

Auch die Räume erzählen. Der heutige Nebenraum war früher einmal ein Friseursalon. Jahrelang dauerte es, bis er gastronomisch genutzt werden durfte. Früher soll er der Darkroom gewesen sein.  Heute präsentiert er sich als farbenfrohes Comiczimmer voller Sprechblasen, Illustrationen und Überraschungen.

Wem es zu heiß ist, wird vom Chef persönlich geholfen. Sascha Diener verteilt  Regenbogen-Fächer an die Gäste. Darauf steht: „Ich fächere nicht – ich beeindrucke.“

Schauspieler Ruben Dietze. Foto: Klaus Schnaidt

Sascha Diener arbeitet hauptberuflich bei der Strotmanns Magic Lounge, Europas erfolgreichstem Magie-Close-Up-Theater im Römerkastell, davor war er Betriebsleiter im Cinemaxx. Seine Erfahrung im Entertainment-Bereich merkt man dem gesamten Konzept an. Hier wird nicht einfach Gastronomie betrieben. Hier werden Erinnerungen geschaffen. „Wenn du in zwei Wochen wiederkommst, ist viele anders“, sagt Sascha Diener. 

Mitbetreiber Tobias Schoob brachte  seine langjährige Erfahrung aus dem Ehrenamt beim CSD Stuttgart ein. Seine Vision war es, einen Treffpunkt zu schaffen, der Menschen verbindet. Einen Ort ohne Vorurteile.

Immer wieder finden hier schräge Events, Mottopartys und besondere Abende statt, wie jüngst die Release-Party des neuen Albums von Sänger Clou Simon.

Und während viele Städte verzweifelt versuchen, Charakter und Individualität zu bewahren, hat Stuttgart einen Schatz in der Kategorie Schräggastronomie bereits, auch wenn ihn viele noch nichts kennen.

Eins, zwei, drei – bis 1000 haben wir noch nicht gezählt. Müssen also wieder kommen. 

Unser Autor Uwe Bogen bei der Lektüre der ReBoots-Klowände. Foto: Klaus Schnaidt

Ob das Reboots schon einen Gastropreis  gewonnen hat, haben wir Sascha Diener gefragt. Seine Antwort: Nein! Und wir: Das kann nicht sein! Also haben wir uns beim Bier einige Awards ausgedacht, die wir gern verleihen würden: 

🏆 Goldener Cowboyhut für die höchste Gag-Dichte pro Quadratmeter

🏆 Orden der überraschendsten Toilette Baden-Württembergs

🏆 Auszeichnung für vorbildliche Zweckentfremdung von Badewannen im Cocktailbereich

🏆 Goldene Quietscheente für außergewöhnliche Getränkekultur

🏆 Stuttgart-Award für gelebte Verrücktheit

🏆 Ehrenpreis für kreative Innenarchitektur ohne Rücksicht auf Konventionen

🏆 Goldener Sheriffstern  für die beste Mischung aus Wildem Westen und Regenbogen

🏆 Auszeichnung für den mutigen Umgang selbst  mit schlechten Witzen

🏆 Stuttgarts bester Ort zum Sitzen auf einem Pferdesattel ohne Reitkenntnisse und ganz ohne Pferd.

🏆 Goldener Fächer für spontane Sommerrettung mit Stil

🏆 Auszeichnung für das charmanteste Chaos der Stadt

🏆 Preis für die meisten Gesprächsanfänge durch Einrichtungsgegenstände

🏆 Ehrenpreis für die kulturelle Rettung eines Stuttgarter Originals

🏆 Lebenswerkpreis für die friedliche Koexistenz von Cowboystiefeln und Pumps

Unser Autor auf dem echten Pferdesattel im ReBoots. Foto: Klaus Schnaidt

AKTUELLES

Social Media

Illustration von Stuttgart
Newsletter

Echt Stuttgart. Jede Woche frei Haus.

Abonniere unseren Newsletter und verpasse keine wichtigen Geschichten, Events und Insides aus Stuttgart.

Wöchentliche Highlights direkt ins Postfach
Exklusive Inhalte nur für Abonnenten
Kostenlos & jederzeit abmeldbar
100 % sicher. Kein Spam, keine Weitergabe.