Uwe Bogen
CSD feiert Jubiläum
Bunter, stärker und „Make Metal Gay Again“: Das passiert bei der XXL-Pride in Stuttgart
20. Juli 2026
Es wird laut, bunt und politisch: Zum 25-Jahr-Jubiläum wird das Stuttgarter Pride-Wochenende vom 24. bis zum 26. Juli erstmals an drei Tagen gefeiert. Mit dabei: TV-Star Riccardo Simonetti und „Make Metal Gay Again“. Stammgast Cem Özdemir fehlt diesmal.
Als die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart im Jahr 2001 gegründet wurde, lautete das erste Motto: „Stuttgart ist bunt“. Doch so bunt durfte der CSD damals gar nicht sein. Travestie-Legende Frl. Wommy Wonder, die seit der ersten Parade dabei ist, erinnert sich an schriftliche Vorgaben einzelner Politiker. Man solle darauf achten, hatten deren Referenten vorab verlangt, dass „keine Halbnackten“ neben ihnen stehen oder auf Fotos zu sehen seien.
Ein Vierteljahrhundert später wirkt diese Zeit weit entfernt. Heute gehören Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft selbstverständlich zum CSD. Ein Stammgast wird in diesem Jahr allerdings fehlen: Ministerpräsident Cem Özdemir kann laut den CSD-Organisatoren diesmal nicht an der Demonstration teilnehmen. Vertreten wird die Landesregierung durch Sozialminister Oliver Hildenbrand, der offen homosexuell lebt. Auch die CDU ist wieder mit einem eigenen Truck bei der Parade vertreten, nachdem sie im vergangenen Jahr pausiert und deshalb viel Kritik gehört hat.
Erstmals startet die Hocketse zur Pide bereits am Freitag auf dem Markt- und Schillerplatz und macht das Jubiläum zum bisher längsten Pride-Wochenende in Stuttgart. Das Programm ist vielfältig – mit Konzerten und Open-Air-Disco.
Am Samstag zieht die CSD-Demonstration von 14 Uhr an vom Feuersee durch die Innenstadt bis zum Schlossplatz. Mit knapp 160 Formationen sind es zwar etwas weniger als im vergangenen Jahr, dennoch wird wieder ein starkes Zeichen für Vielfalt und Akzeptanz gesetzt. Mit dabei sind unter anderem Influencer Riccardo Simonetti, der auf dem ersten Truck mitfährt, sowie die neue Fußgruppe „Make Metal Gay Again“, die zeigen will, dass auch die Heavy-Metal-Szene bunt und vielfältig ist.
Viele große Unternehmen reihen sich ein
Wie sehr sich der CSD verändert hat, zeigt nicht nur der Blick auf die Politik. „Damals war es extrem schwierig, überhaupt Sponsoren zu finden“, erinnert sich Wommy Wonder. Heute ist das Gegenteil der Fall: Nahezu alle großen Unternehmen der Region unterstützen die Stuttgart PRIDE und beteiligen sich mit eigenen Trucks – darunter Mercedes-Benz, Bosch, Breuninger, Hugo Boss oder Daimler Truck.
Unter anderem mit dabei: Der Dehoga (Startnummer 26), Theaterhaus (28), Bundesagentur für Arbeit (35), DJV (41), Oma gegen Rechts (61), Landesbank (108), Mercedes Benz Pride (121), LSU und CDU (128), Porsche (135), Hugo Boss (137), Staatstheater (143), VfB und Stuttgarter Junxx (144), HP (148), Breuninger (153).
Auch die Schirmperson setzt ein Zeichen. In diesem Jahr übernimmt Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, diese Aufgabe. Die IG CSD Stuttgart versteht ihre Berufung als bewusstes Signal der Solidarität zwischen Kultur und queerer Community – gerade in Zeiten angespannter kommunaler Haushalte.
Feiern – und Forderungen stellen
So ausgelassen die Stimmung am Jubiläumswochenende sein wird: Der CSD versteht sich nach wie vor als politische Demonstration. Das diesjährige Motto „Ohne uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark.“ soll deutlich machen, dass queere Menschen selbstverständlich zur Gesellschaft gehören – und ihre Rechte weiter verteidigt werden müssen.
Denn nach Einschätzung der Organisatoren geraten queere Beratungsstellen, Vereine und Bildungsangebote zunehmend unter Druck. Kommunale Sparmaßnahmen träfen häufig zuerst soziale und kulturelle Projekte. „Gerade diese Angebote sind unverzichtbar“, sagt CSD-Vorstandsmitglied Betina Starzmann. Wer hier kürze, gefährde Teilhabe und Menschenwürde.
Hasskriminalität nimmt zu
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht der IG CSD der Anstieg queerfeindlicher Hasskriminalität in Baden-Württemberg. Die Zahl der registrierten Straftaten stieg von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024 – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Der Verein fordert deshalb eine konsequentere Erfassung und Strafverfolgung sowie die Aufnahme der sexuellen und geschlechtlichen Identität in Artikel 3 des Grundgesetzes
Wenn Frl. Wommy Wonder heute an die schriftlichen Kleiderregeln für Politiker zurückdenkt, wirkt das wie aus einer anderen Zeit. Ganz vorbei ist der Kampf um Gleichberechtigung jedoch nicht. Deshalb gilt auch im Jubiläumsjahr: Es wird gefeiert – laut, bunt und mit einer klaren Botschaft.
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