Uwe Bogen

Gib mir ein W wie Wittwer

Abrissdebatte um das Wittwer-Haus – drei Buchstaben sind längst gerettet

22. Juni 2026

Abriss oder Erhalt? Ganz Stuttgart diskutiert über das Wittwer-Haus am Schlossplatz. Drei  Buchstaben des einstigen Schriftzugs „Wittwer Buchhaus“ sind indes längst gerettet – und stehen im Garten  der Künstlerin Christa Winter. Mit Freunden feiert sie ihre neue Serie „Kunst am Bau“. 

Die Künstlerin Christa Winter mit dem W vom Wittwer-Gebäude. Foto: Andreas Engelhard

Gib mir ein W. Ein W wie Wittwer.

Ein W, ein A und ein C stehen heute in einem Garten in Stuttgart-Sillenbuch. Jahrzehntelang hingen die drei Buchstaben an einer der bekanntesten Fassaden der Stadt. Sie waren Teil des großen blauen Schriftzugs „Wittwer Buchhaus“ am Schlossplatz.

Heute sind die Buchstaben ein Stück Stuttgarter Stadtgeschichte – gerade jetzt, da die ganz Stadt über die Zukunft des Wittwer-Gebäudes diskutiert und streitet..

2018 verschwanden die Buchstaben von der Fassade. Nach über 150 Jahren verkaufte die Familie Wittwer ihre Traditionsbuchhandlung an Thalia. Das legendäre „Wittwer Buchhaus“ wurde Geschichte. Die blauen Buchstaben mussten runter, neue mit der Aufschrift Thalia  wurden montiert.

An drei der Originalbuchstaben kam damals der bekannte Stuttgarter Fotograf Conny J. Winter. Er rettete sie, bevor sie vermutlich im Sondermüll gelandet wären, und brachte sie nach Hause. Wie genau ihm das gelungen ist, hat er seiner Frau, der ebenfalls renommierten Künstlerin Christa Winter, nie verraten. Conny Winter starb 2019. 

Auch Rainer Bartle, Geschäftsführer von Thalia/Wittwer, von uns dazu befragt, kann die Geschichte nicht aufklären. Er besitzt allerdings selbst einen Buchstaben aus dem alten Schriftzug: ein W, das heute ebenfalls bei ihm zuhause steht.

Die Fassadenschrift befand sich ganz oben am Wittwer-Gebäude. Foto: Wittwer
Alle drei Wittwer-Buchstaben im Garten des Atelierhauses von Christa Winter.

Dass die Buchstaben heute noch existieren, ist deshalb fast ein kleines Wunder.

Das W steht für Winter. Das C für Conny und Christa. Das A dient als eine Art Und-Zeichen zwischen beiden. Conny J. Winter hat die Buchstaben neu bemalt. Ursprünglich waren sie blau, so wie sie jahrzehntelang ganz oben am  Wittwer-Gebäude hingen. Heute leuchten sie in neuen Farben zwischen  Lampions und Pflanzen im Typogarten seiner Frau, der Künstlerin Christa Winter.

Stille Zeugen einer vergangenen Epoche

Während ganz Stuttgart über die Zukunft des ehemaligen Wittwer-Gebäudes diskutiert, stehen die Buchstaben dort wie stille Zeugen einer vergangenen Epoche.

Denn ausgerechnet das Gebäude, von dem sie stammen, sorgt derzeit für hitzige Debatten. Die Familie Wittwer verkaufte nicht nur die Buchhandlung, sondern auch das Gebäude an die Dinkelacker AG. Nun gibt es Pläne für einen Abriss. Für die einen ist das Haus ein bedeutendes Zeugnis der Nachkriegsmoderne, für die anderen ein wirtschaftlich und technisch überholter Bau.

EchtStuttgart hat die KI befragt, wie das Wittwer-Gebäude erhalten und doch erneuert werden konnte. Hier klicken zum Nachlesen.  

Christa Winter mit ihrer Kunst am Bau: Das erste Werk dieser Serie hängt an ihrem Atelierhaus in Sillenbuch. Foto: Andreas Engelhard

Christa Winter betrachtet die Entwicklung mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Gelassenheit, Humor und Neugier. Wer sie kennt, weiß: Mit ihr wird es selten langweilig.

Das zeigte sich auch bei ihrem jüngsten Gartenfest. Anlass war ihre neue Serie „Kunst am Bau“. Typisch Christa schickte sie ihre Gäste allerdings nicht zuerst in den Garten, sondern in den Keller. Dort wurde bei angenehmen zwölf Grad angestoßen – eine willkommene Abkühlung an einem hochsommerlichen Tag. Erst danach ging es wieder hinaus in die Hitze.

Mit „Kunst am Bau“ verfolgt die Künstlerin eine klare Idee: Häuserfassaden sollen schöner werden. Es müssen nicht unerwünschte Graffiti sein, selbst ausgewählte Kunst ist doch viel besser.

Bei der Sommerhitze bittet Gastgeberin Christa Winter erst einmal in ihren kühlen Keller. Foto: Andreas Engelhard

Anders als Graffiti lassen sich ihre Arbeiten jederzeit wieder entfernen. Ausgewählte Motive können in unterschiedlichen Größen produziert, wetterfest gemacht und anschließend an Hausfassaden montiert werden. Ein Beispiel hängt bereits am Atelierhaus von Christa Winter in Sillenbuch.

Die Arbeiten von Christa Winter bewegen sich zwischen unmittelbarer Zugänglichkeit und konzeptioneller Tiefe, zwischen Üppigkeit und Minimalismus, zwischen Sinnlichkeit und Konzeptkunst. „Kunst soll auch immer ein physisches Erlebnis sein, mit intensiver Verführungskraft, da ein solches Erlebnis tiefer greift als die reine intellektuelle Auseinandersetzung“, sagt sie.

Im Keller bei zwölf Grad lässt sich's aushalten. Die Gäste stoßen hier unten an. Foto: Uwe Bogen

Studiert hat Christa Winter bei Professor Kuno Gonschior in Münster. Ihre Werke befinden sich heute in zahlreichen privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter die Staatsgalerie Stuttgart, das Kunstmuseum Stuttgart, die Daimler Kunst Sammlung, die L-Bank, die EnBW AG, der Deutsche Sparkassenverlag und Jenoptik in Jena.

Geboren wurde sie in Duisburg. Heute lebt und arbeitet sie in Stuttgart.

Und während die Stadt darüber streitet, ob das Wittwer-Gebäude bleiben darf oder verschwinden muss, haben drei seiner Buchstaben längst ein neues Zuhause gefunden.

Ein W, ein A und ein C.

Manchmal bleibt von einer Stadtgeschichte eben mehr übrig als Abrisssteine..

Christa Winter in ihrem Atelier. Foto: Uwe Bogen
Christa Winter am Buchstabe W wie Winter und Wittwer mit unserem Autor Uwe Bogen. Foto: Andreas Engelhard

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