Uwe Bogen

EchtStuttgart visualisiert die Debatte

So könnte das Wittwer-Haus ohne Abriss aussehen – Was sagen die Eigentümer dazu?

6. Mai 2026

Kann das Wittwer-Haus  klimaschonend  erhalten – und zugleich deutlich aufgewertet werden? Die Immobilie, die seit 60 Jahren das Stadtbild prägt, sorgt für hitzigen Streit. EchtStuttgart hat  Zukunftsszenarien per KI visualisieren lassen und den Eigentümern vorgelegt. Wie bewerten sie die Alternativen? 

So könnte das Wittwer-Haus an der Königstraße beim Erhalt nach einem Umbau aussehen Foto: Visualsierung von KI generiert

Der Streit erinnert an das Kronprinzenpalais vor über 60 Jahren beim Königsbau: Abriss oder Erhalt?  Am Ende haben die Befürworter des Abrisses obsiegt. Nun also geht es um ein Haus, das sich ganz in der Nähe des früheren Streitfalls befindet  – die Debatte wird ebenso emotional wie einst geführt.

Die Denkmalschutzbehörde lehnt es ab, den Abriss des Wittwer-Gebäudes zu verbieten. Mit seinen 60 Jahren ist die markante, gewiss nicht schöne Immobilie kein Kulturdenkmal. Für viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter ist sie ein Ort des Erwachsenwerdens, des ersten eigenen Buches, des Blätterns zwischen Regalen, also quasi Teil ihrer Jugend.

EchtStuttgart bringt Bilder in die Debatte 

Gleichzeitig  gilt das Gebäude als  Statement  einer brutalistischen Architektur, deren Fokus in den 1960ern mit rohem Beton auf Funktionalität und Struktur lag. Die Bausubstanz, so sagen die Eigentümer von der Dinkelacker AG, die das Gebäude von der Familie Wittwer erworben haben, verlangt ganz dringend  nach einer Sanierung. Die wäre aber viel zu aufwendig, so dass man an einen Neubau denkt, der ein neues architektonisches Zeichen in der City setzen könnte wie nebenan das Kunstmuseums.

EchtStuttgart bringt nun Bilder in die Debatte, damit sie nicht nur abstrakt geführt wird.. Wir haben Zukunftsszenarien von KI genieren lassen.  Die Idee hinter den Entwürfen: kein Abriss, sondern Transformation. Ein Weiterbauen im Bestand, kombiniert mit neuen architektonischen Elementen und nachhaltigen Konzepten.

Eine weitere Vision für das Wittwer-Haus, von KI generiert.

Inspiriert von internationalen Vorbildern wie dem begrünten Hochbunker in Hamburg (Grüner Bunker St. Pauli) oder dem lebendigen Markthallen-Konzept des Time Out Market Lisboa zeigen die Visualisierungen, wie aus dem in die Jahre gekommenen Gebäude ein moderner, identitätsstiftender Ort werden könnte – mit Fassadenbegrünung, neuen Nutzungskonzepten und einer architektonischen Öffnung zur Stadt.

Was sagen die  Eigentümer?

Wir haben den Eigentümern diese Visualisierungen vorgelegt. Die Reaktion von Elias D’Angelo, dem CEO der Dinkelacker AG,  fällt diplomatisch aus.

Man befinde sich weiterhin „in einer sehr frühen Phase“ des Projekts, erklärt er auf unsere Anfrage. Der Vorstand habe beschlossen, die Planungen für eine Neuentwicklung des Standorts fortzuführen.  Die konkrete architektonische Ausgestaltung solle erst im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens entstehen, dessen Start für das zweite Quartal 2026 vorgesehen sei.

Vor diesem Hintergrund könne und wolle man „einzelne Entwürfe oder Ideen derzeit nicht im Detail bewerten“ – weder hinsichtlich ihrer architektonischen Machbarkeit noch ihrer wirtschaftlichen Umsetzung.

Zugleich zeigt D’Angelo Verständnis für die öffentliche Diskussion. Es sei „nachvollziehbar, dass das Gebäude und seine Zukunft in der Stadt intensiv diskutiert werden“. Konkrete Planungen für einen möglichen Neubau lägen derzeit noch nicht vor – genau dafür sei das Wettbewerbsverfahren gedacht, um unterschiedliche architektonische und städtebauliche Ansätze zu erarbeiten.

Zu den Visualisierungen sagt er also nichts. Zwischen den Zeilen kann man aber lesen, dass der Erhalt des Gebäude eher nicht mehr mitgedacht wird. 

Wittwer und Kleiner Schlossplatz in den 1970ern.Sammlung Wibke Wieczorek-Becker

Mitten im Herzen von Stuttgart, zwischen Königstraße und Kleiner Schlossplatz, steht das über 60 Jahre alte Wittwer-Gebäude – für viele ein vertrauter Orientierungspunkt in der Innenstadt  Kritiker des Abrisses warnen nicht nur vor einen architektonischen Einschnitt, sie sehen auch einen ökologischen und kulturellen Verlust.

Die CO₂-Bilanz eines Neubaus sei  erheblich: Bis zu 5000 Tonnen könnten entstehen – das entspricht etwa 3000 Flügen von Stuttgart nach Mallorca. In Zeiten des Klimawandels wirke ein solcher Schritt für viele kaum vertretbar, zumal eine Weiternutzung grundsätzlich möglich wäre, hört man in der Debatte.

Doch bei den Gegnern der Abrissplänen geht um mehr als Zahlen. Das Wittwer-Gebäude ist Teil der kollektiven Erinnerung der Stadt – ähnlich wie der Stuttgarter Hauptbahnhof oder das Altes Schloss. Sein Verlust, so die Kritiker,  würde nicht nur das Stadtbild verändern, sondern auch ein Stück Identität auslöschen.

Machbar – aber gewollt?

Auch Fachleute sehen Potenzial, aber auch Hürden. Fassadenbegrünungen etwa gelten als technisch anspruchsvoll und wartungsintensiv. Aufstockungen in Glas seien  möglich, aber ebenfalls aufwendig und nicht wirklich nachhaltig.

Bei einer kleinen  Umfrage von EchtStuttgart unter Architekten bringt es einer von ihnen pragmatisch auf den Punkt: „Möglich ist das alles schon. Meist scheitert so etwas am Geld und am Mut.“ Der Erhalt sei jedenfalls „nicht die schlechteste Idee für Stuttgart“.

Eine Architektin warnt davor, sich von reinen Visualisierungen blenden zu lassen. Ohne durchdachtes Konzept blieben solche Bilder oft oberflächlich.

So sah das Kronprinzenpalais aus. Foto: Sammlung Stuttgart-Album

Ein Déjà-vu der Stadtgeschichte

Der Streit um das Wittwer-Gebäude ist kein Einzelfall – er fügt sich ein in eine lange Reihe städtebaulicher Grundsatzentscheidungen in Stuttgart. Ein Blick zurück zeigt: Genau an diesem Ort wurde schon einmal heftig darüber gestritten, wie viel Vergangenheit eine moderne Stadt verträgt.

Direkt neben dem Königsbau stand einst das Kronprinzenpalais – ein klassizistisches Gebäude und Wohnsitz des württembergischen Kronprinzenpaars. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war das Gebäude zwar beschädigt, aber keineswegs verloren. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen.

Damals dominierte die Idee der autogerechten Stadt

Doch in den 1950er- und 60er-Jahren dominierte ein anderer Geist: Fortschritt, Mobilität und die Idee der autogerechten Stadt. Die Meinungen gingen weit auseinander, doch am Ende setzten sich die Befürworter des Abrisses durch – allen voran der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett.

Das Palais musste weichen. Straßenbahnen und Autos erhielten eine neue Verbindung in den Westen, darüber entstand der Kleiner Schlossplatz – eine Art Stadtbalkon, der zunächst als modern galt, später jedoch selbst in die Kritik geriet.

Schließlich verschwand auch dieser – und machte Platz für das Kunstmuseum Stuttgart, das heute als architektonisch gelungen gilt und den Ort neu definiert.

Die Parallelen zur Gegenwart sind unübersehbar. Wieder steht Stuttgart vor der Entscheidung: Abriss oder Weiterbauen? Doch diesmal entscheidet der Eigentümer darüber, nicht der Gemeinderat. Die Transformation des Wittwer-Gebäudes könnte ein Signal sein – für nachhaltiges Bauen, für den Erhalt von Identität und für den Mut, Bestehendes weiterzuentwickeln.

Ob dies gewollt ist? Aus der Antwort des CEO der Dinkelacker AG auf  unsere Anfrage geht hervor: eher nicht. Denn im Vordergrund steht die Suche nach den Plänen für einen Neubau. 

2002 ist der Kleine Schlossplatz abgerissen worden. Foto: Ahner

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