Uwe Bogen
CSD, Henkersfest, Bohnenviertelfest
Stuttgart feiert ein Mega-Wochenende – doch im Leonhardsviertel regt sich heftige Kritik
22. Juli 2026
In Stuttgart brummt und brodelt es am Wochenende an allen Ecken. Neben dem CSD und dem Süd-Areal-Fest feiern Henkersfest und Bohnenviertelfest erstmals gleichzeitig. Rund um den neuen Feier-Standort an der Leonhardskirche regt sich aber heftige Kritik.
Ein Mega-Wochenende mit Mega-Power que(e)r durch die City steht Stuttgart bevor. Es ist das letzte Wochenende vor den Schulferien, da wollen alle noch einmal so richtig aufdrehen – und auch das Wetter scheint in Hochstimmung zu sein.
- CSD-Demo am Samstag vom Feuersee bis zum Schlossplatz und der Hocketse samt Konzertbühne und Open-Air-Disco auf dem Markt- und Schillerplatz von Freitag bis Sonntag
- Das Sommerfest „inside AREAL SÜD“ feiert am Freitag Premiere und macht die obere Tübinger Straße zum Treffpunkt für Kultur, Kreativität und Begegnung. Unter dem Motto „Open House“ öffnen rund 20 Kreativbüros, Shops und Gastronomien ihre Türen.
- Auch rund um die Leonhardskirche und im Bohnenviertel geht es hoch her.
Gleich zwei Traditionsfeste finden erstmals am selben Wochenende statt: Das Henkersfest startet bereits am Mittwoch um 16 Uhr am Leonhardsplatz, das Bohnenviertelfest folgt am Donnerstag. Beide liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt – in einem Stadtgebiet mit gemeinsamer Geschichte: der ehemaligen Leonhardsvorstadt.
Was nach einem gemeinsamen Festwochenende quer durch die Altstadt klingt, ist allerdings nicht frei von Spannungen.
Kritik am neuen Nachbarn
Der Umzug des Henkersfests an den Leonhardsplatz hat im Viertel nicht gerade Begeisterung ausgelöst. Einige Barbetreiber und Anlieger hätten sich gewünscht, stärker in die Planung einbezogen zu werden. Sie haben sich deshalb an EchtStuttgart gewandt.
Ihre Kritik: Gewerbetreibende und die Zufahrt von Anwohnern werden blockiert. Man habe die Betroffenen nicht darüber informiert. Aus dem neuen Standort hätte eine gemeinsame Veranstaltung mit allen werden können – mit den bestehenden Lokalen, der Gastronomie und den Angeboten des Viertels als Teil eines gemeinsamen Konzepts.
Ein Anwohner sagt: „Wir werden überrollt, man hat nicht mit uns geredet. Wir wollen das Henkersfest nicht bei uns – denn da gehört es nicht hin!“
Auch im Jazzclub BIX, der direkt am Leonhardsplatz liegt, gibt es kritische Stimmen. Wegen des Festes müsse der Club auf seine Außenbewirtung verzichten – ein Punkt, der für die Betreiber wirtschaftliche Auswirkungen hat.
Henkersfest-Veranstalter Michael Helmstädter verweist dagegen darauf, dass man versucht habe, Rücksicht auf die Nachbarschaft zu nehmen und Lösungen zu finden. So habe man im vergangenen Jahr für Anwohner 40 Stellplätze im Züblinparkhaus finanziert, um die Parkplatzsituation während des Festes zu entspannen.
In diesem Jahr soll die Zufahrt zur Tiefgarage des Viertels für Anwohner möglich bleiben: Dafür werden die Poller so gestellt, sagt er, dass die Bewohner ihre Stellplätze weiterhin erreichen können.
„Wir wollen zusätzliche Belastungen vermeiden“
Auch beim Programm habe man den Austausch mit der Nachbarschaft gesucht, betonen die Henkersfest-Macher. Das Musikprogramm sei mit Blick auf den Spielplan des BIX abgestimmt worden, um Überschneidungen und zusätzliche Belastungen möglichst zu vermeiden.
Trotz dieser Maßnahmen bleiben die unterschiedlichen Interessen bestehen: Während die Veranstalter das Henkersfest am neuen Standort etablieren wollen, wünschen sich Teile der Nachbarschaft im Leonhardsviertel mehr Mitsprache und eine stärkere Einbindung. Aus der räumlichen Nähe ist bisher noch kein gemeinsames Konzept entstanden.
Neustart am Leonhardsplatz
Nach 32 Jahren am Wilhelmsplatz musste das Henkersfest im vergangenen Sommer seinen angestammten Ort verlassen. Der Grund waren Sicherheitsanforderungen: Der Platz könne nicht ausreichend gegen mögliche Anschläge geschützt werden – etwa gegen ein Fahrzeug, das gezielt in eine Menschenmenge gelenkt wird.
Am neuen Standort an der Leonhardskirche sind nie Köpfe gerollt. Die historische Verbindung des Henkersfests bleibt der Wilhelmsplatz. Dort befand sich einst Stuttgarts zentraler Richtplatz. Der Neustart war für die Veranstalter ein Risiko – aber es blieb ihnen nichts anderes übrig.
Rote Zahlen 2025 am neuen Standort geschrieben
Im vergangenen Jahr schrieb das Henkersfest am neuen Standort rote Zahlen. Aber da hat es auch geregnet. Diesmal soll das Fest weiterentwickelt werden: mit einem erweiterten Angebot und längeren Öffnungszeiten. Am Freitag und Samstag darf bis 24 Uhr gefeiert werden. Das soll auch dazu beitragen, den Umsatz zu steigern.
Streit um die Zusammenarbeit
Gerade die Nähe zu den bestehenden Lokalen im Leonhardsviertel hätte aus Sicht einiger Barbetreiber eine große Chance sein können. Ihre Kritik: Man hätte sie stärker in das Henkersfest einbinden können.
Helmstädter hält dagegen: Jeder habe gewusst, dass das Henkersfest erneut an der Leonhardskirche stattfinde. Auch aus dem Viertel heraus hätte man Vorschläge für eine Zusammenarbeit machen können.
Ein besseres Miteinander gibt es nach Angaben der Henkersfest-Macher mit dem Bohnenviertelfest. Dass beide Feste erstmals zeitgleich stattfinden, sei sogar eine Idee des Henkersfests gewesen. Ziel sei nicht Konkurrenz, sondern eine gegenseitige Verstärkung: Mehr Menschen sollen die beiden Innenstadtviertel besuchen.
Wo einst die Köpfe rollten
Der Name Henkersfest erinnert an den früheren Richtplatz am Wilhelmsplatz. Von 1581 bis 1811 wurden dort Hinrichtungen vollzogen. Die Hauptstätter Straße erinnert noch heute an den Weg zur ehemaligen Hinrichtungsstätte.
Einer der dokumentierten Fälle ist der des 16-jährigen Hans Jacob Weißschädel aus Feuerbach. Ihm wurde ein schweres Vergehen vorgeworfen, das in den damaligen Akten als „Sodomiterei mit einem Schweine“ bezeichnet wurde. Ob die Anschuldigung tatsächlich stimmte oder eine Denunziation war, lässt sich heute nicht mehr klären. Das Urteil endete dennoch mit seinem Tod.
1811 wurde am Wilhelmsplatz die letzte Hinrichtung vollzogen. Danach verlagerte man den Richtplatz auf die Feuerbacher Heide.
Heute erinnert das Henkersfest an diese Vergangenheit, feiert aber vor allem die Gegenwart: Musik, Begegnung und das Leben in der Innenstadt.
Vom Mittwoch an verwandelt das Henkersfest den Leonhardsplatz in eine mehrtägige Festmeile. Drinks, Streetfood – von italienischen Spezialitäten bis Flammkuchen – und Live-Musik auf der Bühne gehören zum Programm.
Umfangreiches Live-Programm am Übehaus
Zwischen Henkers- und Bohnenviertel wird das Übehaus zu einer weiteren Live-Bühne und präsentiert an allen Festtagen regionalen Künstlerinnen und Künstlern sowie DJs. Die Bühne soll sowohl Nachwuchstalenten als auch etablierten Acts Raum geben und die lokale Musikszene sichtbar machen.
Was für ein Mega-Weekend! Stuttgart brummt und brodelt! Nach der CSD-Demo werden Tausende weiterfeiern – und ihnen kann man nur empfehlen: Schaut in der Altstadt vorbei! Da gibt es tolle Bars, die es nicht immer leicht haben, aber an so einem Wochenende zeigen können, wie gut sie sind, wie vielfältig Stuttgart auch beim Feiern ist.
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