Thomas Diehl

Genuss-Kolumne

Heimweh rückwärts: Was man über Stuttgart erst von außen lernt

5. April 2026

Zwischen der Pho in Vietnam und Reben bei Rotenberg erkennt Thomas Diehl sein Privileg: das Familienweingut weiterzuführen. Für uns schreibt einer der eifrigsten Netzwerker der Stadt, was man über Stuttgart erst versteht, wenn man weg war. 

Thomas Diehl mit friends in Vietnam. Foto: Diehl
Mit siebzehn Jahren bin ich das erste Mal von zu Hause weg, ohne Familie, ohne Freunde, aber mit großen Perspektiven. Internat in Salem, dann Studium an der Zeppelin-Uni, beides weit weg von zu Hause. Stationen in Berlin, über Hamburg bis nach Zürich. Und schließlich Vietnam.
 
Zwischendurch immer zurück in den Kessel, nie lange. Stuttgart war nur Stopp, nie Ziel. Vietnam, 2018, irgendwo zwischen dem Hotel und einem dieser gesichtslosen Bürokomplexe in Ho-Chi-Minh-Stadt. In der Hitze der Stadt lief ich brav im Anzug, weißes Hemd, Lackschuhe, ab und an sogar mit Krawatte.

Bin das wirklich ich?

Und der Gedanke, der mich begleitete: Bin das wirklich ich? Ein Leben zwischen Excel und PowerPoint? Entsandt durch einen Stuttgarter Mittelständler, um dessen Tochtergesellschaft zu unterstützen.
 
Lange Tage, kurze Nächte und kaum Zeit für private Aktivitäten. Was nützt einem eine pulsierende Metropole, wenn man sie nicht wirklich erleben kann?
 
Auf meinem täglichen Weg vom Hotel ins Büro beobachtete ich die Menschen und das Treiben der Stadt. Diese fleißigen, wuseligen, lebensfrohen Menschen. Die mit Freude zur Arbeit gehen. Weil sie weiterkommen wollen, nicht nur arbeiten, damit man gearbeitet hat. Mit echter Freude, mit echtem Hunger.
 

Viele haben zwei, drei Jobs parallel

Auch am Abend in den Gesprächen mit den Hotelangestellten erzählten sie mir fast beiläufig, dass die meisten von ihnen zwei, drei Jobs parallel hatten. Um das Studium zu finanzieren, um die Familie zu versorgen, um voranzukommen. Kein Jammern, kein Hadern. Nur diese stille, selbstverständliche Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen.
 
Genuss in Ho-Chi-Minh-Stadt. Foto: Diehl

Oft saß ich da, mit meiner Pho (vietnamesische Nudelsuppe), schaute auf das Treiben und dachte an zu Hause. Für wen mache ich das gerade? Für mich? Für meinen Arbeitgeber? Für meine Karriere?

Dann traf mich ein Gedanke mit voller Wucht. Ich habe ein Privileg, das nicht jeder hat: Ein Familienunternehmen, das über Generationen aufgebaut wurde und eine Geschichte, die darauf wartet, weitergeschrieben zu werden. Mein Großvater und mein Vater, beide Winzer mit großer Liebe zum Handwerk. Ich dagegen in Vietnam, mit Krawatte am Schreibtisch.

In diesem Moment wusste ich: Ich komme nach Hause, nicht weil ich muss, sondern weil ich bereit bin, die Geschichte in die nächste Generation zu tragen. Also kündigte ich meinen sicheren Beraterjob, stieg ins Flugzeug und kam nach Hause. Nach Stuttgart. In meine Heimat.

Straßenszene in Ho-Chin-Minh-Stadt. Foto: Diehl
Mein erster Stopp nach der Rückkehr war ein vertrauter Ort: Nicht das Weingut, nicht das Büro, sondern das Knausbira Stüble in Hedelfingen bei meinem guten Freund Gabriel. Heimische Maultaschen, ein gutes Glas Wein. Weit weg von Meetings, Agendas und To-dos. Ein Gefühl, das dir kein Co-Working-Space in Berlin und kein Rooftop in Hamburg bieten kann.
 
Viele hatten nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt zurückkomme. Den Laptop gegen die Rebschere tausche oder die Krawatte gegen die Gummistiefel. Aber Stuttgart hat mich zurückgeholt. Eine Stadt in einer Region mit dem Motto: „Schaffe, spare, Häusle baue.“. 
Durch meine Erfahrung in Vietnam und mit Blick auf dieses Motto habe ich mir vorgenommen, etwas zu verändern. Kein stumpfes Weiterführen der Tradition, sondern ein zukunftsfähiges Weingut mit der Liebe zum Handwerk.
 
Ein Sprichwort besagt: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Also musste ich Fuß fassen und aktiv werden. Mehr Strategie, mehr Marketing, mehr Außendarstellung, mehr Netzwerke. Vertrauen gewinnen und zeigen: Ich bin zurück und ich übernehme Verantwortung.
 

Vieles versteht man erst, wenn man lange weg war 

Auch in Stuttgart gibt es Lautsprecher und Selbstinszenierung, aber die meisten fallen vor allem deshalb auf, weil sie den Erfolg mit Fleiß und Leistung selbst erarbeitet haben. Man schießt hier in aller Regel nicht von null auf hundert, ohne etwas dafür getan zu haben. Ich sehe das bei den Gastronomie- und Unternehmerpersönlichkeiten dieser Stadt, die ich bewundere: Sie haben nicht irgendwann angefangen, bekannt zu sein. Sie haben angefangen, gut zu sein.
 
Und genau darum soll es künftig in dieser Kolumne für EchtStuttgart gehen: Um Geschichten rund um Gastfreundlichkeit. Um Gesichter, die zu Persönlichkeiten wurden und um echte Inspiration. Einfach um Stuttgart. Eine Stadt, die schon immer für Werte wie Unternehmertum, Innovation und Fleiß steht. Vieles versteht man erst, wenn man lange Zeit weg war und aus der Ferne zurückkommt.
 
Stuttgart muss sich nicht neu erfinden. Stuttgart muss sich nur endlich selbst erkennen.
Im Anflug auf Ho-Chin-Minh-Stadt. Foto: Diehl

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