Uwe Bogen

Queere Community

Zwei Leben, ein Mensch: Stuttgarts Drag-Szene im Doppelblick

9. April 2026

Drag ist Kunst, Rebellion und Haltung. In Stuttgart wird die queere Szene immer stärker und selbstbewusster. In seiner neuen Fotoserie „In and out of Drag“ zeigt Wilhelm Betz, wer hinter den Bühnenfiguren steckt – und wie wichtig Vielfalt ist. 

Veronica Mont Royal. Foto: Wilhelm Betz

Drag ist weit mehr als Glitzer, High Heels und Drama. Drag ist vor allem Rebellion – und ein meist knallbuntes Zeichen dafür, wie wichtig Vielfalt, Offenheit und Toleranz für eine Gesellschaft sind.

Was heute auf Bühnen, in Clubs oder auf roten Teppichen gefeiert wird, begann einst als Akt des Widerstands. Drag war ein lautes, buntes und bewusst überzeichnetes Statement gegen Ausgrenzung und gegen starre Rollenbilder.

Und genau diese Kraft macht Drag bis heute zu einer wichtigen kulturellen Stimme einer Stadt.

Stuttgarts Drag-Szene wächst immer weiter

Was viele gar nicht ahnen: Stuttgart besitzt eine starke und immer weiter wachsende Drag-Szene – sowohl in puncto Qualität als auch in der Zahl der Künstlerinnen und Künstler.

Wilhelm Betz widmet sich mit seiner neuen  Fotoserie „In and out of Drag“ dieser besonderen Kunstform – und vor allem den Menschen dahinter. Der frühere IBM-Mann aus Sindelfingen, der mit 60  plus in der Alterszeit Foto-Design studiert hat, um noch mal neu durchzustarten, ist für seine einfühlsamen, intensiven  Arbeiten bekannt. Seine Porträts  sind der Gegenentwurf zum oberflächlichen Konsum im Selfie-Wahn.  Für seine Perfektion benötigt Betz ein großes Equipment, das kaum was dem Zufall überlässt.

Mit seiner Buchreihe Charakterköpfe hat er bereits mehrfach gezeigt, wie vielfältig die Gesichter dieser Stadt sind.  Jetzt richtet er den Blick auf eine Szene, die längst Teil der urbanen Kultur ist – aber oft noch missverstanden wird.

Denn Drag ist eine Kunstform. Sie hat nichts mit der sexuellen Orientierung einer Person zu tun und auch nichts mit Transidentität. Drag stammt aus der queeren Community und wird zunehmend auch außerhalb davon wertgeschätzt.  Es geht um Inszenierung, Überzeichnung, Spiel mit Rollen – und um eine Bühne für Persönlichkeit.

Zwei Welten, ein Mensch

Die Idee zur Serie entstand während der Arbeit am Fotobuch „Charakterköpfe – Buntes Stuttgart“. Damals fotografierte Betz bereits einige Drag-Künstlerinnen und -Künstler. Vor der Kamera standen sie mit einer Ausstrahlung, die sofort deutlich machte: Drag ist Kunst.

Der entscheidende Moment kam später bei der Ausstellung der Porträts im StadtPalais. Einige der Porträtierten stellten sich spontan vor ihr eigenes Drag-Bild. Plötzlich standen sich zwei Erscheinungen derselben Person gegenüber: der Mensch und die Kunstfigur.

Dieser Moment habe ihn nachhaltig fasziniert, erzählt Betz. Die Begegnung von Alltag und Bühne sei zum Ausgangspunkt der neuen Serie geworden. Seine Idee: beide Seiten eines Menschen in einem einzigen Bild sichtbar zu machen – die Diva und der womöglich   unscheinbare Mann, die Rampensau und der vielleicht schüchterne Kerl, der einfach seine Ruhe haben will.

Das Making of mit großem Equipment im Zentrum Weissenburg. Foto: Wilhelm Betz

Bühne in Farbe, Alltag in Schwarzweiß

Das visuelle Konzept ist klar. In den Bildern treffen zwei Welten aufeinander: Die Dragfigur erscheint in Farbe, die Person dahinter in Schwarzweiß.

Mal begegnen sich beide über Spiegelungen, mal durch digitale Bildkomposition. Immer aber im selben Bild. Bühne trifft Alltag, Inszenierung trifft  Privatheit, ja, mitunter sogar Intimität. 

Die Gestaltung folgt dabei einer Designidee von Tom Moog: Ordnung, Kontrast, Reduktion. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen öffentlicher Performance und privater Person.

Neun Drags vor der Kamera

Der Kontakt zur Szene entstand über Florian Müller, der bereits im Buch „Charakterköpfe – Buntes Stuttgart“ porträtiert wurde. Von dort führte ein Gespräch zum nächsten.

Anfang dieses Jahres standen schließlich neun Drag-Künstlerinnen und -Künstler vor der Kamera – jeweils zweimal: einmal als Privatperson und einmal als Dragfigur.

Emily Island. Foto: Wilhelm Betz

Die Shootings fanden in einem Raum der Weissenburg e.V., dem Zentrum LSBTIQA+ Stuttgart, statt. Mit seinem mobilen Studio setzte Betz seine charakteristische Lichtführung um. Die Bilder konnten die Beteiligten sofort auf einem Notebook sehen und so aktiv am Prozess teilnehmen.

Am Ende wurde gemeinsam entschieden, welche Aufnahmen die stärksten sind.

Mit dabei sind: Bently Bentäga, Cherry Bliss, Cindy Jenner, Didi Divalicious, Emily Island, Henni, Holey Father, MissPerm und Veronica Mont Royal.

„Ein Add-on zu unserem Leben“

Veronica Mont Royal beschreibt die Idee des Projekts so: Hinter der Dragfigur stehe immer ein Mensch wie jeder andere auch. Drag sei „ein Add-on zum eigenen Leben“ – ein schönes und herausforderndes zugleich, das den Künstlerinnen und Künstlern eine besondere Stimme gebe.

Miss Perm. Foto: Wilhelm Betz

Auch Emily Island sieht in der Serie eine Einladung zum genaueren Hinsehen: auf das Sichtbare – und auf das, was oft verborgen bleibt. Die Bilder seien ein visuelles Statement über Identität, Transformation und persönliche Schönheit.

Mehr als eine Verkleidung

Genau das macht Betz’ Serie deutlich: Drag ist keine Verkleidung. Es ist eine Transformation.
Aus dem Menschen entsteht eine Kunstfigur – und doch gehören beide untrennbar zusammen. „In and out of Drag“ zeigt genau diesen Moment.

Die Serie wird erstmals in der Ausstellung „STUTT Goes ART“ des Stuttgarter Künstlerbunds im Kunstgebäude Stuttgart präsentiert.

Die Ausstellung läuft vom 23. Mai bis 18. Juni 2026, die Vernissage findet am 27. Mai statt. Wer hingeht, sieht üppige  Perücken, spektakuläre Kleider und schwindelerregend hohe High Heels in Farbe – und die Personen in Schwarz-Weiß, ohne die das alles nicht möglich wäre.

Vor allem aber sieht man Menschen – und mit ihnen eine Stadt, die zeigt, wie bunt sie  ist und wie gut ihr diese Vielfalt tut. 

 
Queen Henni. Foto: Wilhelm Betz
Dragqueen Cindy. Foto; Wilhelm Betz

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