Uwe Bogen

Kolumne Stadtleben

In Stuttgart wird der Nachmittag zur neuen Primetime für die Party

12. April 2026

Day-Dance statt Door-Policy: In Stuttgart wird der Nachmittag zur neuen Prime-Time zum Feiern. Zwischen Kosmo im Comodo und Open-Air-Party im Dorotheen-Quartier beim Street-Art-Festival erlebt unser Stadtleben-Kolumnist den Kessel in Bestform. 

Partytimw am Samstagnachmittag im Dorotheen-Quartier. Foto: Bogen

Samstag gegen 16 Uhr in Stuttgart. Während Deutschland zum Partymachen gerade erst in den Tag startet,  kocht der Kessel schon und ist mittendrin – im Feiern, im Treiben, im Frühling. Day-Partys sind der Trend, und selten hat er sich so gut angefühlt wie an diesem sonnigen Samstag zwischen Dorotheen-Quartier und den Comodo Studios hinter dem Rathaus.  Stell dir vor, in der Stadt ist Streetart-Festival – und alle gehen hin!

 

Kein Warten aufs Stimmungshoch bis nachts um zwei, kein „Lass noch kurz vorglühen“ – stattdessen Beats am Nachmittag, Drinks in der Sonne und das gute Gefühl, später trotzdem noch rechtzeitig ins Bett zu kommen.

Kosmo: Offen für alle, mitten am Tag

In den Comodo Studios feiert an diesem Samstag eine der spannendsten Reihen der Stadt: die  Kosmo, die sich zum Publikumsmagneten entwickelt hat. Hinter dem Konzept steht Konstantin Wulle, der sich mit  Open-Mind-Partys, die mitten am Tag beginnen, längst einen Namen gemacht hat.
 
Was im vergangenen Sommer unterhalb des Hohen Asperg begann, also außerhalb von Stuttgart, um die neue Idee erst mal ohne Großstadtpublikum zu testen, ist inzwischen mitten in der City angekommen – und trifft hier einen Nerv.
 
„Ich bin kein Fan von Labels“, erklärt der Architekt, der früher queere Party mitorganisiert hat,„zu mir können alle kommen – egal mit welcher Sexualität.“  Und genau so fühlt sich die Crowd an: gemischt, entspannt, generationenübergreifend. Keine Szene für sich, sondern ein Raum für alle.
Die Kosmo-Gäste feiern bereits nachmittags gern, wie hier im Commodo. Foto: Bogen
Kosmo-Veranstalter Konstantin Wulle (links) mit Kunsthändler Frank Zimmrmann. Foto: Bogen
Am Music-Pult: DJ Soulstar. Sein Sound liefert genau das, was die Kosmo-Community liebt – tanzbar, aber nicht überdreht. Über 600 Gäste feiern, tanzen, lachen. Auffällig: Die Musik bleibt deutlicher als sonst im Hintergrund. Nicht aus Zufall – im Comodo gelten Dezibel-Grenzen, die an diesem Tag von der Stadt auch kontrolliert werden.
 
Und vielleicht ist genau das der Trick: genug Energie zum Tanzen, genug Luft zum Reden.

Dorotheen-Quartier: Ausnahmezustand in der City

Ein paar hundert Meter weiter sieht die Welt anders aus. Hier scheint die Stadt kein Lautstärke-Limit zu verlangen. Im Dorotheen-Quartier drängen sich die Menschen durch die Gassen. Street-Art-Festival, House-Beats, Sekt und Aperol Spritz zu go.  DJ Johnny Leoni, den man etwa aus dem Zubrovka kennt, legt auf – inklusive einer tanzbaren Version von „Gimme, Gimme“ von Abba. 
 
Hier gibt es zeit- und stellenweise  kaum  ein  Durchkommen mehr, und lauter geht kaum noch. Stuttgart im Ausnahmezustand.
 
Mittendrin: der Künstler Romulo Kuranyi, der erneut einen Popup-Store im Dorotheenquartier hat. Für ihn ist Street Art vor allem eines: Freiheit. Keine Grenzen, keine Regeln – nur Kreativität. . Mit dem Publikum bemalt er einen riesigen Pinsel, der aussieht wie eine XXL-Flasche, aber ein Marker sein soll.  Romu macht übrigens mit bei der Benefiz-Aktion von EchtStuttgart für „8000 Km live“ von John Müller, über den wir mehrfach berichtet haben. 
 
Auch kulinarisch wird gepunktet:  Der Schwabengarten  aus Leinfelden feiert mit seinem neuen Foodtruck City-Premiere. Tacos statt Maultaschen – und sie gehen weg wie nichts. „Voll verrückt, was da los war“, sagt der Gastronom Nico Tratz am späten Abend, der mit den Blanco-Brüdern David und Juan den Schwabengarten betreibt. 
Premiere des neuen Schwabengarten-Foodtrucks in der City. Foto: Bogen
Gedanklich zieht die Party schon weiter in  Richtung Frühlingsfest. Dort  organisiert Andreas Müller erneut die Regenbogenalm in der Almhütte Royal. Bei der Kosmo berichtet er,  wie supergut der Vorverkauf gelaufen ist.  Sämtliche Platzreservierungen sind bereits  ausgebucht – das gab es bei dieser noch jungen Reihe noch nie. Aber es sind auch noch reichlich  Stehplätze für Kurzentschlossene vorhanden, die Verzehrbons vor Ort kaufen können.
 
Wirtin Nina Renoldi wird am Sonntag, 19. April, das Fass für den Regenbogen gegen 16 Uhr anstechen – eigentlich sollte es passend zum Anlass rosafarben angestrichen sein. Doch die Brauerei hatte Bedenken. Das Holzfass müsse wiederverwendet werden. Ob der nächste Kunde den queeren Anstrich will? Jetzt  wird das Fass mit reichlich rosafarbenem Blumenschmuck dekoriert, erzählt der Andi.
 
Dass queere Partys längst  selbstverständlich zum Wasen gehören, ist ein gutes Zeichen dafür, dass – trotz der Hate-Kommentare im Netz –   doch was besser geworden ist. Was früher provozierte, ist heute ein Partyhit  für alle, die sich nicht mehr verstecken müssen  – inklusive besserem Trinkgeld fürs Personal.

Stuttgart kann auch Tag

Dieser Samstag zeigt, was passiert, wenn alles zusammenkommt: gutes Wetter, gute Musik, offene Konzepte – und eine Stadt, die Lust hat.
 
Die Kosmo bringt die Szene zusammen, das Dorotheen-Quartier die Massen. Dazwischen: unzählige kleine Geschichten, Begegnungen, Wiedersehen, Day-Drinks and Day-Dance. Der kurze Regenschauer am frühen Abend stört keinen.  
 
Stuttgart feiert. Und wartet  nicht erst auf die Nacht. Sondern feiert dann, wenn es am schönsten ist: mitten bei Sonnenwetter. Stuttgart kann auch Tag. War ein richtiger schöner Samstag im Kesselfieber. 

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