Uwe Bogen
Avantgardist Horst Wanschura
Nach 40 Jahren als Modehändler gibt er noch mal richtig Gas
18. Februar 2026
Andere freuen sich in seinem Alter auf den Lehnstuhl – doch Horst Wanschura gibt nach über 40 Jahren als Modehändler noch mal richtig Gas. Stuttgart ist keine stilistische Leere Das verdankt die Stadt Mode-Enthusiasten wie ihm.
Die große Liebe seines Lebens ist die Mode. Auch nach über vier Jahrzehnten hat Horst Wanschura ungebrochene Freude daran, Stuttgart modisch voranzubringen. Und es mangelt ihm nicht an Mut: In einem Alter, in dem andere den Ruhestand planen, startet er noch einmal mit einem neuen, noch größeren Store durch.
Und doch ist Mode für ihn nicht alles – das beweist er bei der Opening-Party im Neubau an der Calwer Straße. An diesem Abend verschenkt Horst Wanschura 300 kleine Gläser seiner selbstgemachten Marmelade aus Quitten, die aus seinem eigenen Garten stammen.
Küsschen, Umarmungen, Schampus-Gläser klirren. Viele Gäste sind extravagant gekleidet. Die Bussi-Gesellschaft gilt als Münchner Erfindung. Doch Stuttgart ist keine stilistische Leere, was die Stadt Mode-Enthusiasten wie Horst Wanschura verdankt, die allen Stürmen trotzen.
Seine treue Fangemeinde feiert ihn
„Wenn du älter wirst, hast du nur zwei Möglichkeiten“, sagt er. „Entweder du hockst dich in den Lehnstuhl – den ich gar nicht habe – oder du gibst noch mal Gas.“ Wanschura liebt das Tempo: Nach 41 Jahren als selbstständiger Modehändler eröffnet er ein neues Ladengeschäft an der Calwer Straße 34. Schon von seiner Mutter habe er gelernt, dass es wichtigere Dinge gebe als das Alter. Die Opening-Party feiert er mit einer treuen Fangemeinde, prominenten Gästen und jeder Menge Herzblut für Mode.
An diesem Abend trägt der alterslos wirkende Modehändler, dessen Augen noch immer jugendlich-verschmitzt blitzen, Schwarz mit Rot. 1985 eröffnete er seine erste Boutique an der Kronprinzstraße, nachdem er im Modehaus Beate Mössinger den Beruf des Einzelhandelskaufmanns erlernt hatte. Die Königstraße kam für ihn nie infrage: Dort regieren die Ketten. Ein exklusives Geschäft brauche einen exklusiven Standort, findet Horst Wanschura. Die Calwer Straße werde immer attraktiver, beobachtet er, weshalb er sich dort deutlich mehr Laufkundschaft verspricht.
Der Umzug war für ihn eine wirtschaftliche Notwendigkeit in Zeiten, da immer mehr Modegeschäfte in Turbulenzen und Insolvenzen geraten. Seit das Möbelhaus Habitat die Kronprinzstraße verlassen hat, fehle dort die Frequenz. Wanschuras 1997 an diesem Standort eröffnete Boutique büßte an Umsatz ein. Auch wenn viele Stammkunden von weit her anreisen, ist er auf Passanten angewiesen. Wer im Schaufenster etwas Schönes entdeckt, betritt spontan das Geschäft – früher auf zwei Etagen mit Damenmode unten und Herrenmode oben. Am neuen Standort präsentiert er sich großzügig im Erdgeschoss.
Seine Mode darf nie aus der Mode kommen
Auf rund 400 Quadratmetern ist die neue Boutique nun größer, offener und im neuen Look gestaltet. Wanschura muss nicht mehr zwischen Stockwerken trennen, sondern zeigt seine Kollektionen zusammenhängend. Die Preise sind gehoben, sagt eine Stammkundin. „Aber dafür hält die Kleidung 20 Jahre und länger.“
Genau darauf setzt der Boutique-Chef. Er orientiert sich nicht an kurzlebigen Trends, sondern sucht bei internationalen Designern nach zeitlosen Stücken. In Paris wählt er Mode aus, die eine zentrale Eigenschaft haben muss: Sie darf nie aus der Mode kommen. Langlebigkeit ist sein Erfolgsrezept.
Bei der Eröffnung wird deutlich, wie sehr diese Haltung geschätzt wird. Die Gäste stöbern, plaudern, entdecken. Überwiegend Schwarz hängt an den Stangen – Entwürfe etablierter Designer ebenso wie Arbeiten von Nachwuchstalenten aus Berlin. Wäre an diesem Abend ein Preis für das bunteste Herrenoutfit vergeben worden, hätte ihn Ralf Elsässer gewonnen: von Kopf bis Fuß kunterbunt gekleidet. Vierzig Jahre lang habe er für seine Arbeit auf dem Flughafen blaue oder dunkle Anzüge tragen müssen, erzählt er. Jetzt, im Ruhestand, genieße er die Freiheit. Die Reaktionen auf seine Kleidung? Meist positiv. Einmal allerdings habe ihm jemand hinterhergerufen: „Wie schwul muss man sein, um so rumzulaufen?“
Astrid Fünderich freut sich auf ihren Kästner-Abend im Renitenz-Theaters
Unter den Gästen ist Schauspielerin Astrid Fünderich, seit 16 Jahren Chefin der „Soko Stuttgart“ im ZDF. „Ich kaufe bei Horst Wanschura immer dann ein, wenn er Sonderverkäufe macht – sonst kann ich mir das nicht leisten“, sagt sie mit einem Lächeln. Bald beginnen die Dreharbeiten zur nächsten Staffel. Außerdem freut sie sich auf ihren gemeinsamen Erich-Kästner-Abend am kommenden Mittwoch mit Kollege Mike Zaka Sommerfeld im Renitenztheater. „Dort lernt man den Frauenfreund Kästner kennen, wie ihn viele wahrscheinlich gar nicht kennen“, sagt sie.
Mode von Jean Paul Gaultier aus Paris, Comme des Garçons aus Japan oder Dietmar Sterling aus New York gehört zum Sortiment. Viele Kundinnen sind mit Wanschura älter geworden und halten ihm die Treue. Etwas Beständigkeit im Leben tut gut.
Ein Neustart – aber nicht aus Nostalgie
Der Abend zeigt: Etliche, die in den wilden 1980er-Jahren ihre Karriere begonnen haben, sind immer noch da – und denken nicht daran, leiser zu werden. Unter den Gästen ist auch Mirca Gönner, die ihr Haus der Schönheit 1981 eröffnete. Eine Besucherin bringt es auf den Punkt: „Wanschura ist mein absoluter Lieblingsladen in Stuttgart. Wenn man nicht nach Paris, New York oder Tokio reisen kann, ist das die perfekte Adresse.“
Ein Neustart also – nicht aus Nostalgie, sondern aus Lebensfreude und aus der unstillbaren Sehnsucht nach modischen Statements. Horst Wanschura, dessen Alter ein Geheimnis bleibt, gibt noch einmal Gas. Und seine Generation gleich mit.
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