Uwe Bogen
Stuttgart-Album
Der kleinste Palast der Welt – ein Klohäuschen schreibt Stadtgeschichte
2. Februar 2026
1926 als Toilette gebaut, heute Hotspot schöner Sommernächte. Der Palast der Republik ist die kurioseste Anlaufstellstelle der Stadt. Ein Blick auf die Geschichte dieses kleinen Rundbaus.
Vor einem Klo Schlange stehen – man kennt’s sonst von den Mädels bei Großveranstaltungen. Nachts an der Friedrichstraße gibt es dieses Bild regelmäßig – vor einem früheren Klohäuschen, in dem heute die Zapfanlage lockt. .
Vor allem im Sommer gehört der kleine Rundbau in der City zu den beliebtesten Orten des jungen Stuttgart: Hunderte sitzen auf dem Asphalt, trinken Bier, reden, lachen – und machen den Palast der Republik zum Open-Air-Wohnzimmer der Stadt.. Es ist der wohl kleinste Palast der Welt.
Ein Name mit Ironie
Der Name ist ebenso legendär wie das Lokal selbst. „Palast der Republik“ – das klingt nach Staatsmacht, nach Glanz und Prunk. Tatsächlich ist der Stuttgarter Palast das genaue Gegenteil. Die kleine, runde Bar verdankt ihren Namen einem Augenzwinkern der Geschichte: 1989, ein Jahr vor der deutschen Wiedervereinigung, tauften zwei Wirte das Lokal ironisch nach dem ostdeutschen Prestigegebäude in Ostberlin, das im Volksmund „Erichs Lampenladen“ hieß.
Seit 1992 führt Stefan Schneider den Palast – und denkt noch lange nicht ans Aufhören. „Mindestens 20 Jahre“ wolle er die besondere Bar noch weiter betreiben, sagt er.
Günstiges Bier und klare Prinzipien
Seit über 30 Jahre lang bezieht Schneider sein Bier von Schwabenbräu. Immer wieder klopfen andere Brauereien an und wollen mit ihm ins Geschäft kommen.
Die Geschichte des Gebäudes beginnt lange vor der Kneipe. 1926 ließ die Stadt Stuttgart den kleinen Rundbau als öffentliche Bedürfnisanstalt errichten. Die Toiletten im Keller existieren bis heute – der Palast steht unter Denkmalschutz. Eigentümerin des Gebäudes ist bis heute die Stadt.
In den 1930er Jahren pachtete die Familie Wittwer den Raum über den Toiletten und eröffnete dort einen Kiosk für Zeitungen und Zeitschriften. Nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg, die das eigentliche Geschäft von Wittwer zerstörten, wurde der kleine Laden sogar vorübergehend zum Buchladen.
Später zog das Unternehmen an die Königstraße um, wo Wittwer über Jahrzehnte zu den bekanntesten Buchhandlungen der Stadt aufgestiegen ist. Der Kiosk über dem Männer- und Frauenklo blieb jedoch bestehen – bis in die 1980er Jahre.
Vom „Musentempel“ zum Kultlokal
Erst danach zog Gastronomie in das Gebäude ein. Die Kneipe, die zunächst „Musentempel“ hieß, blieb allerdings eher unscheinbar. Der Durchbruch kam erst mit den neuen Wirten, die dem Lokal den Namen Palast der Republik gaben.
Bald entwickelte sich der kleine Bau zu einem festen Bestandteil des Stuttgarter Nachtlebens. Zusammen mit dem Club „Unbekanntes Tier“ im Metropolgebäude – bis 1996 aktiv – und dem Imbiss „Zum Zum“ an der Bolzstraße bildete der Palast einst ein legendäres Dreieck der Nacht. Geschichten aus dieser Zeit, etwa über die einarmige Currywurstverkäuferin des Viertels, werden noch heute mit Begeisterung erzählt.
Gerüchte, Legenden und dunkle Zeiten
Auch aus früheren Jahrzehnten kursieren Geschichten über den Ort an der Ecke Bolzstraße/Lautenschlagerstraße. Eine besonders skurrile Legende besagt, Adolf Hitler habe bei einem Stuttgart-Besuch in den 1930er Jahren plötzlich ein dringendes Bedürfnis verspürt und die Toilette im heutigen Palast der Republik aufgesucht. Manche nennen das Gebäude deshalb bis heute ironisch das „braune Klo“.
Eine andere Geschichte verweist auf dunklere Kapitel: Als gleichgeschlechtliche Liebe noch strafbar war, diente die öffentliche Toilette als sogenannte „Klappe“, also als Treffpunkt für homosexuelle Männer. Besucher mussten Besucher vorsichtig sein, denn immer wieder mischten sich Polizisten in Zivil unter die Suchenden.
Treffpunkt für Nachtschwärmer – und Geschäftsleute
Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Der Palast der Republik steht für ein ganz anderes Stuttgart: offen, bunt und lebendig. Die kleine Bar ist meist überfüllt, ihre Gäste sitzen draußen auf der Straße, plaudern bis tief in die Nacht – oft bis drei oder vier Uhr morgens.
Und das Publikum ist so bunt wie die Stadt selbst. Neben Studierenden und Nachtschwärmern sieht man hier immer wieder Geschäftsleute im feinen Zwirn, die von der nahen Börse herüberkommen. Auch Touristen schauen vorbei: Gäste des nahegelegenen Maritim-Hotels werden von Hotelangestellten gern hierher geschickt – schließlich gilt der Palast längst als kleine Sehenswürdigkeit.
So zeigt der Palast bis heute, dass ein erfolgreicher Treffpunkt nicht groß oder luxuriös sein muss. Manchmal reicht eine kleine runde Bar, günstiges Bier und ein Ort, an dem Menschen gerne zusammenkommen. Und vielleicht ist genau das der wahre „Palast“ mitten in Stuttgart.SS
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