Uwe Bogen
Guerilla-Marketing für das Weindorf
Ein Abschlepper sorgt für Aufsehen: Dieser Abend hinter dem Rathaus hat einen Haken
18. Juni 2026
Mtten in der Stuttgarter City sorgt ein Abschleppeinsatz für Aufsehen: Hinter dem Rathaus wird am Donnerstagabend ein VW-Van auf einen ADAC-Laster geladen. Zahlreiche Passanten bleiben stehen, machen Fotos. Eine Panne, ein Falschparker? Nein, es ist Guerilla-Marketing. Wer dahinter steckt.
Falschparken kann in Stuttgart teuer werden. Wer sein Auto an der falschen Stelle abstellt, riskiert nicht nur einen Strafzettel, sondern auch den Abschleppwagen. Trotzdem nehmen es manche Autofahrer mit den Parkregeln nicht allzu genau – vor allem nicht vor den brummenden Bars hinter dem Rathaus, dort sogar in der Fußgänerzone.
Am Donnerstagabend scheint sich ein solcher Fall an der Eichstraße unweit von Malo und Tati abzuspielen. Ein VW-Van wird von einem ADAC-Abschleppwagen aufgeladen. Passanten bleiben stehen, schauen zu und zücken ihre Smartphones.
Aufschrift: „We in Dorf“
Ist hier ein Falschparker erwischt worden? Ist aber gar keine Polizei zu sehen. Oder hat das Fahrzeug womöglich eine Panne?
Für zusätzliche Verwirrung sorgt die auffällige Aufschrift auf dem Van: „We In Dorf“. Während der Wagen langsam auf die Ladefläche gezogen wird. rätseln Schaulustige.
Guerilla-Marketing! Es ist Guerilla-Marketing! Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu erzeugen und für Gesprächsstoff. Erst live vor Ort – später über Social Media.
Hinter der Aktion stehen die Brüder Pascal und Marcel Jehle aus Tübingen, die später die Szene im Netz posten werden. Die beiden betreiben das Restaurant 1821 im historischen Museumsgebäude an der Wilhelmstraße und feiern in diesem Jahr eine Premiere: Vom 20. August bis 5. September sind sie erstmals mit einer eigenen Laube mit dem Nam 1821 auf dem Stuttgarter Weindorf vertreten.
Ihr Motto lautet also „We in Dorf“. Frei übersetzt: „Wir sind im Dorf.“ So nennen es die Brüder aus dem kleineren Tübingen, wenn sie künftig auf dem Weindorf im viel größeren Stuttgart ausschenken. Entweder sind die beiden bemerkenswert selbstbewusst unterwegs – oder sie haben eine ziemlich gute Werbeagentur. Für Aufmerksamkeit sorgt der Spruch jedenfalls schon jetzt.
Die Brüder haben das Restaurant 1821 Ende 2022 nach umfangreichen Umbauarbeiten im ehemaligen Restaurant Museum in Tübigen eröffnet. Der Name verweist auf das Gründungsjahr der Museumsgesellschaft, die das klassizistische Gebäude errichten ließ. Heute verstehen die Betreiber ihr Konzept als Mischung aus Tradition und Moderne. Auf der Speisekarte finden sich schwäbische Klassiker ebenso wie moderne, vegetarische und vegane Gerichte. Zum Restaurant gehören außerdem eine Bar, ein großer Biergarten und ein direkter Zugang zum Kino Museum.
Über die Kosten der Abschlepp-Aktion hüllen sich die Brüder allerdings in Schweigen. Wie viel der ungewöhnliche Marketing-Stunt mit Abschleppwagen, Fahrzeugbeschriftung und Inszenierung gekostet hat, wollen Pascal und Marcel Jehle nicht verraten.
Hilft Frechheit beim Siegen?
Fest steht: Die Rechnung könnte aufgegangen sein. Als Neulinge auf dem ohnehin hart umkämpften Stuttgarter Weindorf reicht es nicht, einfach nur dabei zu sein – man muss sichtbar werden. Aufmerksamkeit entsteht dort, wo man sich traut, einen Schritt weiterzugehen als erlaubt, also als die anderen. Hilft Frechheit beim Siegen?
Und wenn die beiden Brüder aus Tübingen später gefragt werden, was sie an diesem Mittwochabend in Stuttgart gemacht haben, könnten sie mit einem Grinsen antworten: nicht gerade Frauen, aber erfolgreich Aufmerksamkeit „abgeschleppt“.
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