Stadtentwicklung in Stuttgart
12.000 Fahrzeuge täglich, schmale Gehwege und viel Durchgangsverkehr: Die Gablenberger Hauptstraße soll sich verändern. Tempo 30 und weniger Verkehr sind erste Schritte. Doch wie wird aus der Verkehrsachse wieder die lebendige Mitte Gablenbergs?
Wer durch die Gablenberger Hauptstraße geht, erlebt einen ungewöhnlichen Teil Stuttgarts. Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Friseure, Gastronomie, Dienstleister und kleinere Fachgeschäfte reihen sich entlang der Straße. Mit dem Schmalzmarkt, der Petruskirche, dem Friedhof, einer Schule und dem Bezirksmuseum MUSE-O bildet sie das historisch gewachsene Zentrum Gablenbergs.
Gleichzeitig ist die Straße eine wichtige Verkehrsverbindung durch Stuttgart-Ost. Rund 12.000 Fahrzeuge fahren hier täglich. Mehr als die Hälfte davon durchquert den Stadtbezirk, ohne dort ein Ziel zu haben. Damit treffen in der Gablenberger Hauptstraße zwei Funktionen aufeinander: Sie ist Ortsmitte und Durchgangsstraße zugleich.
Gablenberg hat sich innerhalb von Stuttgart-Ost einen besonderen Charakter bewahrt. Die Stadt Stuttgart bezeichnet den Stadtteil als denjenigen im Osten, der seinen dörflichen Charakter am stärksten erhalten hat. Besonders deutlich wird das entlang der Gablenberger Hauptstraße.
Das städtische Einzelhandels- und Zentrenkonzept führt Gablenberg als sogenanntes D-Zentrum – ein kleineres Stadtteilzentrum, dessen primäre Aufgabe die Nahversorgung der Anwohner ist. Der zentrale Versorgungsbereich erstreckt sich über rund 700 Meter und umfasst mehr als 20 Einzelhandelsbetriebe.
Ihre Bedeutung geht deshalb weit über die Funktion einer Verkehrsachse hinaus. Sie ist Einkaufsstraße, Treffpunkt und Mittelpunkt des täglichen Lebens in Gablenberg.
Genau diese Funktion steht im Widerspruch zur heutigen Verkehrsbelastung. Eine Verkehrsuntersuchung der Stadt aus dem April 2026 zeigt, dass Stuttgart-Ost besonders stark vom Durchgangsverkehr betroffen ist. Auf den untersuchten Hauptverkehrsstraßen liegt dessen Anteil je nach Straße zwischen 50 und mehr als 70 Prozent.
Die Stadt will deshalb zunächst die Verkehrsmenge im gesamten Bezirk reduzieren. Der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik hat am 6. Oktober beschlossen, die Ampelsteuerungen an den Einfahrten nach Stuttgart-Ost testweise anzupassen. Durch geänderte Grünzeiten soll der Durchgangsverkehr stärker auf die leistungsfähigere B14 gelenkt werden. Ziel ist eine Reduzierung der in den Stadtbezirk gelenkten Verkehrsmenge um rund 25 Prozent.
Für die Gablenberger Hauptstraße kommt eine weitere Veränderung hinzu: Zwischen Wagenburgstraße und Schmalzmarkt soll schon ab Mitte Oktober Tempo 30 gelten. Die neue Regelung wird unter anderem mit den entlang der Straße liegenden Schul- und Betreuungseinrichtungen begründet.
Damit sollen zwei Probleme gleichzeitig angegangen werden: die Geschwindigkeit auf der Straße und die Zahl der Fahrzeuge, die den Stadtteil lediglich durchqueren.
Wie die Hauptstraße künftig aussehen soll, ist dagegen noch offen. Bei einer Online-Beteiligung im Sommer und einer öffentlichen Planungswerkstatt im Oktober konnten Bürgerinnen und Bürger ihre Vorstellungen einbringen.
Besonders deutlich wurde der Handlungsbedarf bei den Gehwegen. Sie sind an einigen Stellen nur rund 1,10 Meter breit. Als Orientierungswert für zeitgemäße Gehwege gelten 2,50 Meter. Auch bessere Möglichkeiten zum Überqueren der Straße wurden gefordert.
Diskutiert wurden unter anderem Zebrastreifen, Ampeln und Mittelinseln. Eine mögliche Einbahnstraßenregelung könnte zusätzliche Flächen für Fußgänger schaffen, würde aber neue Fragen zur Verkehrsführung und zum Streckenverlauf der Buslinien 42 und 45 aufwerfen.
Die künftige Gestaltung wird deshalb verschiedene Interessen miteinander verbinden müssen. Die Straße soll weiterhin mit Auto und Bus erreichbar bleiben, gleichzeitig aber mehr Raum für Fußgänger und Aufenthaltsflächen bieten.
Die Verkehrsberuhigung soll letztlich nicht Selbstzweck sein. Sie ist Teil eines größeren Ziels: Gablenbergs Zentrum soll als Geschäfts- und Nahversorgungsstandort erhalten und gestärkt werden.
Wie wichtig ein funktionierendes Umfeld ist, zeigt der Schmalzmarkt. Der dortige Wochenmarkt hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung verloren. Die Zahl der Händler ist stark zurückgegangen. Gleichzeitig konzentriert sich die verbliebene Nahversorgung vor allem entlang der Gablenberger Hauptstraße.
Straße und Schmalzmarkt sind deshalb eng miteinander verbunden. Ein attraktiverer öffentlicher Raum könnte die Aufenthaltsqualität und damit auch die Bedingungen für Geschäfte und Markt verbessern.
Die Diskussion über eine Aufwertung der Gablenberger Hauptstraße ist nicht neu. Das Sanierungsgebiet Stuttgart 30-Gablenberg wurde bereits 2014 beschlossen. Schon damals gehörten Verkehrsbelastung, Aufenthaltsqualität und die Sicherung der Nahversorgung zu den zentralen Themen.
Nach verschiedenen Planungsansätzen und Beteiligungsverfahren soll es nun konkreter werden. Die Ergebnisse der aktuellen Bürgerbeteiligung werden ausgewertet und anschließend in den politischen Gremien beraten.
Die eigentliche Herausforderung wird darin liegen, die unterschiedlichen Interessen und Ziele miteinander zu verbinden. Denn die Gablenberger Hauptstraße wird auch künftig eine wichtige Verkehrsverbindung bleiben. Sie muss Anwohner, Busse, Lieferverkehr und Besucher aufnehmen können.
Gleichzeitig könnte eine geringere Verkehrsbelastung die Chance eröffnen, die Straße wieder stärker als das zu entwickeln, was sie ihrem Charakter nach längst ist: die lebendige Mitte von Gablenberg.
Geboren 1980 in Kirchheim unter Teck, heute Stuttgart-Fan aus tiefstem Herzen: Patrick Mikolaj hat aus einer originellen Idee ein echtes Stadtphänomen gemacht. Was der Blogger im Sommer 2012 mit dem Unnützen Stuttgartwissen begonnen hat, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Stuttgart-Projekte in den sozialen Medien. Dieser Erfolg zog weite Kreise: Seine Bücher im Lokalteil Verlag wurden zu regionalen Bestsellern. Zusammen mit Uwe Bogen und Manuel Kloker hat er zuletzt das Buch „Stuttgart – Kleine Geheimnisse einer großen Stadt“ herausgebracht. Mikolaj beschränkt sich nicht auf das geschriebene Wort, so verantwortet er mehrere erfolgreiche Stadtführungen.
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