Phil Hagebölling
Stuttgarts Startup- und Gründerszene
Sattelfest für die Zukunft: Wie viel Einhorn steckt im Stuttgarter Rössle?
6. Mai 2026
In der Startup-Welt ist ein „Einhorn“ (Unicorn) weit mehr als ein Fabelwesen: Es bezeichnet jene seltenen Jungunternehmen, die eine Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar erreichen. Viele davon schießen wie Raketen in den Bewertungshimmel – befeuert durch Risikokapital. Unser Blick auf Stuttgarts Gründerszene.
Wer an einem lauen Maiabend vom Killesberg auf den Stuttgarter Kessel hinabblickt, sieht mehr als nur den feinen Dunst und die leuchtenden Insignien der alten Automobil-Dynastien. Unten, zwischen den Dauerbaustellen und den hippen Co-Working-Spaces am Marienplatz, brütet eine neue Generation von Unternehmern. Sie riechen nicht mehr nach Schmieröl, sondern nach Algorithmen. Doch während in der Republik das Gründungsfieber so heiß brennt wie seit Jahren nicht, drängt sich im Ländle eine unbequeme Frage auf: Sind wir noch die unangefochtenen Könige der Tüftler, oder verwalten wir bloß noch mit zittrigen Händen unser Erbe?
Wir nennen einige Namen, die man kennen sollte, wenn man über das „Rössle“ spricht, das zum Fabelwesen wird:
1. Die Unicorns (Milliarden-Bewertung)
In der Region Stuttgart gibt es derzeit vor allem Unternehmen, die den Unicorn-Status bereits erreicht haben oder kurz davor stehen:
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AnyDesk (Stuttgart): Das Software-Unternehmen für Fernwartung gilt als eines der Aushängeschilder. Im Zuge einer Finanzierungsrunde wurde es mit über einer Milliarde US-Dollar bewertet. Es ist das Paradebeispiel für ein Stuttgarter Startup, das global skaliert hat.
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Instagrid (Ludwigsburg/Stuttgart): Ein heißer Kandidat. Sie bauen tragbare Hochleistungs-Batteriespeicher für die Industrie. Mit massiven Finanzierungsrunden (über 120 Mio. USD) galoppieren sie mit Riesenschritten Richtung Unicorn-Status und verkörpern perfekt den Hardware-Fokus der Region.
2. Die Zentauren (Substanz & Umsatz)
Ein „Zentaur“ ist in Stuttgart fast die natürlichere Spezies, da hier oft erst das Produkt und der Umsatz kommen, bevor die große Show startet:
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Flip (Stuttgart): Die Mitarbeiter-App für Unternehmen ohne Schreibtisch-Arbeitsplätze. Sie haben zwar noch nicht offiziell die Milliarden-Bewertung geknackt, wachsen aber bei den Umsätzen und Nutzerzahlen (u.a. Porsche, Bosch, Rewe) so massiv, dass sie die Kriterien für hohe Marktsubstanz voll erfüllen.
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GFT Technologies (Stuttgart/Echterdingen): Eigentlich schon ein „Oldie“ und börsennotiert, aber im Herzen die Blaupause für einen Zentauren: Tief in der IT-Beratung verwurzelt, Milliardenbewertung an der Börse und hunderte Millionen Umsatz.
3. Die „Raketen“ am Startplatz (Kandidaten)
Diese Firmen schießen gerade technologisch durch die Decke und könnten die nächsten Schlagzeilen liefern:
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Sereact: KI-gesteuerte Robotik für die Logistik. Ein klassisches Deep-Tech-Thema, das genau in die Stuttgarter Fertigungs-DNA passt.
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Q.ANT: Ein Ableger von Trumpf, der an Quantencomputern arbeitet. Wenn das zündet, reden wir nicht nur über ein Einhorn, sondern über eine technologische Super-Rakete.
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ATMOS Space Cargo: Passend zur Raketen-Metapher – sie bauen Rückkehrkapseln für Fracht aus dem Weltraum. Mehr „Rakete“ geht wortwörtlich nicht.
Zuletzt wurde auf dem Gründerwasen mit der Politik angestoßen. Gibt es immer noch ein Prosit?
Das Riesenrad auf dem Wasen mag sich im Kreis drehen – Stuttgarts Gründerszene indes hat die Kurve Richtung Zukunft längst genommen. Der Geist von Gottlieb Daimler ist doch wohl hoffentlich noch da. Bringt die künftige Landesregierung neuen Schwung für Startups?
v.l. Karin Pfister (Vorständin Startup Stuttgart), Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut (Wirtschaftsministerin), Frank Nopper (Oberbürgermeister), Johannes Ellenberg (Vorstand Startup Stuttgart) Foto: Fabian Grumann, Gründerwasen
Doch während das Riesenrad verlässlich oben ankommt, nur um wieder unten zu landen, soll es für die Stuttgarter Wirtschaft jetzt nur noch eine Richtung geben: steil nach oben. Wir haben das Kapital, wir haben die Ingenieurskunst im Blut, und wir haben – das ist die bittere Pille – eine Verwaltung, die Innovation oft noch mit dem Faxgerät buchstabiert. Doch das neue Sondierungspapier von Grünen und CDU verspricht nun den großen Befreiungsschlag.
Der nationale Rausch
Die nackten Zahlen der letzten zwei Jahre lesen sich wie das Skript eines unerwarteten Wirtschafts-Märchens. Nach den tristen Krisenjahren hat sich die deutsche Gründerszene eindrucksvoll freigeschwommen. Das Jahr 2025 markiert einen historischen Höchststand: Mit über 3.500 neu gegründeten Startups erblickten bundesweit so viele junge Unternehmen das Licht der Welt wie nie zuvor – ein satter Zuwachs von 29 Prozent gegenüber 2024, der selbst den Rekord aus der Corona-Zeit pulverisiert. Die Treiber dieses Booms? Nicht mehr der nächste hippe Lieferdienst für Hafermilch, sondern Künstliche Intelligenz, DeepTech und smarte industrielle Software. Ist das die neue Kragenweite unserer baden-württembergischen Ingenieurs-DNA?
Heidelberger Sternstunden und schwäbische Solidität
Baden-Württemberg steht im Kern glänzend da. Erinnern wir uns an den Paukenschlag aus dem Jahresreport 2024: Die Universitätsstadt Heidelberg deklassierte bei der Gründungsdichte pro Kopf kurzerhand die lauten Metropolen Berlin und München. Und auch Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim haben sich als verlässliche, leise Maschinenräume im nationalen Top-20-Ranking festgebissen. Hier, im gravitativ schweren Schatten von Bosch, Porsche und Daimler, gründet man nicht für den schnellen Exit auf der nächsten Party in Berlin-Mitte. Man gründet für die Industrie. B2B-Modelle dominieren, die Vernetzung mit dem klassischen Mittelstand ist unser Goldstandard. Stuttgarter Startups bauen die Software, die die Fabriken der Welt am Laufen hält. Das ist solide. Vielleicht zu solide.
Die bayerische Breitseite
Denn wenn wir auf die frisch aggregierten Daten für 2025 blicken, müssen wir den Stuttgarter Lokalpatriotismus kurz hinunterschlucken. Während wir verlässlich wachsen, explodiert der Süden jenseits der Landesgrenze. Ein Plus von sagenhaften 46 Prozent bei den Neugründungen im Freistaat – fast jedes fünfte neue deutsche Startup sitzt heute in Bayern. München hat Berlin als Pro-Kopf-Spitzenreiter abgelöst und baut den Vorsprung gnadenlos aus. Auch Sachsen und Nordrhein-Westfalen ziehen mit massiven Wachstumsraten mächtig an. Die Luft für den Standort Stuttgart wird in der Spitzengruppe merklich dünner.
Der Ruf nach dem digitalen Vorschlaghammer
Das frisch vorgelegte Papier der Landesregierung liest sich wie eine Kampfansage an den eigenen Status Quo. Das Ziel: die „24-Stunden-Gründung“. Ein ambitioniertes Versprechen in einem Land, in dem man für eine Dachgaube oft länger wartet als für ein ganzes Leben. Es geht um mehr als nur Breitbandausbau; es geht um die Transformation einer Stadtverwaltung, die lernen muss, dass Tempo im globalen Wettbewerb eine eigene Währung ist.
Die Marschrichtung der Koalition ist klar: Der Fokus verschiebt sich weg von der reinen App-Ökonomie hin zu Deep Tech und industrieller KI. Stuttgart soll nicht das nächste Berlin werden, sondern das globale Kraftzentrum für Technologie, die man anfassen kann. Dafür soll der Landesbeteiligungsfonds gestärkt und der Zugang zu Wagniskapital radikal vereinfacht werden.
Der Stuttgarter Werkzeugkasten: Startrampen für den Erfolg
Wer in der Region den Sprung wagt, landet eigentlich in einem der dichtesten Fördernetzwerke der Republik. Hier wird nicht nur mit warmen Worten, sondern mit harter Währung und echtem Marktzugang hantiert. Ein kleiner Einblick in das relevante Koordinatensystem:
Start-up BW (Wirtschaftsministerium)
Die Dachmarke des Landes.
Bündelt alle Angebote und bietet mit Start-up BW Pre-Seed Finanzierungen bis zu 640.000 € (inkl. Co-Investment).
L-Bank
Die Förderbank des Landes.
Der finanzielle Arm. Hier laufen Kredite und Beteiligungsprogramme wie der Innovationsgutschein zusammen.
WRS & Stadt Stuttgart
Die lokalen Türöffner.
Die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) und das städtische Pendant fungieren als Türöffner zu Flächen, Clustern und internationalen Delegationen
Bürgschaftsbank BW
Die Risiko-Puffer.
Die MBG ist der stille Riese. Wenn die Hausbank zuckt, springen sie mit Beteiligungskapital ein, um den Cashflow zu sichern.
Cyber Valley (Tübingen/Stuttgart)
Die akademische Speerspitze.
Einer der größten Forschungskooperationen für KI weltweit – die Brutstätte für Deep-Tech-Unicorns.
NXTGN
Die Innovations-Schmiede.
Die Plattform für Corporate Innovation. Sie bringen Startups direkt in die Lieferketten des Mittelstands – Realitätscheck inklusive.
Gründerbank
Der finanzielle Sparringspartner.
Sparringspartner.Spezialisiert auf die Bedürfnisse junger Unternehmen. Hier spricht man „Startup“ statt nur „Kreditantrag“.
Startup Stuttgart e.V.
Die Stimme der Szene.
Eines der größten und einflussreichsten Netzwerke der Region. Hier vernetzt sich die Community jenseits von Behördenfluren – von Gründern für Gründer.
Das Kapital: Wo die „Deep Pockets“ sitzen
Geld ist im Kessel vorhanden, aber es ist von Natur aus diskret und anspruchsvoll. Während in anderen Metropolen oft auf schnelle Klicks gewettet wurde, sucht man in Stuttgart die technologische Tiefe. Lokale VCs wie Grazia Equity stehen potent da. Sie investieren in Substanz statt in Hype. Ergänzt wird dies durch Frühphasen-Investoren wie beispielsweise Panda Ventures, die den „Founder-First“-Ansatz leben und dort investieren, wo das Risiko noch nach Schweiß und Gründerschmiede riecht.
Dass dieser Wandel nicht nur auf dem Papier existiert, zeigte sich auch in den letzten Wochen beim „Gründerländ“-Event der Gründerbank. In den Räumen der Volksbank Stuttgart wurde deutlich: Die Community ist optimistisch. Wenn Banken, Politik und Gründer so eng zusammenrücken, verliert der „Bürokratie-Dschungel“ seinen Schrecken.
Foto: Gründerländ, Gründerbank Stuttgart
Das Dilemma des Perfektionismus
Wie schätzt man die Bedingungen bei uns also ein? Die Infrastruktur ist doch eigentlich exzellent, die Fraunhofer-Institute und Universitäten der Region liefern brillante Köpfe am Fließband. Doch das Stuttgarter Ökosystem krankt möglicherweise an seinem eigenen Perfektionismus. Manch einer munkelt: Der schwäbische Gründer plant das Produkt bis zur absoluten Marktreife im stillen Kämmerlein, während der Berliner oder Münchner mit einem unfertigen, aber clever verkauften Prototypen bereits die erste zweistellige Millionenrunde an Risikokapital einsammelt. Nur ein Klischee? Mag sein. Venture Capital fließt an den Neckar noch immer viel zu zögerlich. Wir haben das gewaltige Kapital in den Stiftungen und den elitären Family Offices der Region, aber es fehlt oft der unbedingte Mut zum hochriskanten Wurf. Ein Teilnehmer auf dem Gründergrillen in der Schankstelle meint zu diesem Thema: „Man investiert hier lieber in Blech und Beton als in skalierbare Luftschlösser, die erst in fünf Jahren Rendite abwerfen.“
Das Riesenrad auf dem Wasen mag sich im Kreis drehen – die Stuttgarter Gründerszene hat die Kurve Richtung Zukunft längst genommen. Der Geist von Gottlieb Daimler und Co ist sicherlich noch da. Wir müssen ihn nur endlich aus dem Amtszimmer lassen und ihn auf das richtige Pferd satteln.
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