Stuttgart-Album
Pestfriedhof, letzte Ruhestätte berühmter Stuttgarter und später Gartenschau-Kulisse: Der Hoppenlaufriedhof wird 400 Jahre alt. Seine Grabsteine erzählen von Dichtern und Künstlern – und davon, wie sich Stuttgarts Umgang mit den Toten verändert hat.
Versteckt zwischen Liederhalle, Hotelkomplexen und viel befahrenen Straßen liegt ein Stück Stuttgart, in dem die Zeit langsamer zu vergehen scheint. Alte Bäume überschatten verwitterte Grabsteine, Namen und Inschriften erzählen von längst vergangenen Generationen. Der Hoppenlaufriedhof ist heute eine grüne Oase mitten in der Stadt. Angefangen hat seine Geschichte allerdings unter denkbar düsteren Umständen: mit der Pest.
Vor 400 Jahren, 1626, wurde vor den Toren der damaligen Stadtmauer der „Äußere Spitalfriedhof“ angelegt. Eine Pestepidemie hatte Stuttgart erfasst, und für die vielen Toten wurde zusätzlicher Begräbnisplatz benötigt. Damals lag der Gottesacker noch weit außerhalb der dicht bebauten Stadt. Seinen heutigen Namen erhielt er erst um 1800 – nach dem nahe gelegenen Gewann Hoppenlau.
Mit dem Wachstum Stuttgarts rückte die Stadt immer näher an den Friedhof heran. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte er sich zur bevorzugten Begräbnisstätte der wohlhabenden Vorstadt. Wer heute zwischen den Grabsteinen spaziert, begegnet deshalb zahlreichen Namen, die zur Kulturgeschichte Stuttgarts gehören.
Hier ruhen der Märchendichter Wilhelm Hauff, der Schriftsteller und Pfarrer Gustav Schwab, der Dichter und Publizist Christian Friedrich Daniel Schubart, der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und die Sängerin und Komponistin Emilie Zumsteeg. Ihre Grabmäler machen den Friedhof zu einem steinernen Personenlexikon der Stadt.
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Auch für die jüdische Geschichte Württembergs besitzt der Hoppenlaufriedhof besondere Bedeutung. 1843 wurde auf dem Gelände ein jüdischer Friedhof angelegt – der erste in einer württembergischen Stadt, der unmittelbar an einen städtischen Friedhof angeschlossen war.
Mit der Eröffnung des Pragfriedhofs im Jahr 1873 verlor der Hoppenlaufriedhof allmählich seine Funktion als zentrale Begräbnisstätte. 1880 fand die letzte Sargbestattung statt, zwei Jahre später wurde die Anlage entwidmet. Einzelne Urnenbestattungen gab es allerdings noch bis 1951.
Damit begann ein neues Kapitel – und eines, das aus heutiger Sicht nicht immer zimperlich mit dem historischen Bestand umging.
In den 1950er-Jahren wurde das Gelände erstmals verkleinert. Für den Bau des Studentenwohnheims, des heutigen Max-Kade-Hauses, ging ein Teil des alten Friedhofs verloren. Noch einschneidender veränderte die Bundesgartenschau 1961 das Erscheinungsbild.
Aus dem ehemaligen Gottesacker sollte nun auch eine zeitgemäße Grünanlage werden. Zahlreiche Grabsteine wurden von ihren ursprünglichen Standorten entfernt und neu gruppiert. Brunnen, Wege und Skulpturen kamen hinzu. Der Friedhof wurde gewissermaßen selbst zum Ausstellungsstück einer modernen Gartengestaltung.
Damit überlagern sich auf dem Hoppenlaufriedhof bis heute verschiedene Vorstellungen davon, wie eine Stadt mit ihren Toten und ihrer Vergangenheit umgeht: der Gottesacker des 17. Jahrhunderts, der repräsentative bürgerliche Friedhof des 19. Jahrhunderts und die öffentliche Parkanlage des 20. Jahrhunderts.
Dass so viel erhalten geblieben ist, ist keineswegs selbstverständlich. Einst befanden sich auf dem Gelände mehr als 7.000 Gräber. Heute gehören die erhaltenen Grabdenkmäler zu den bedeutendsten Zeugnissen historischer Grabmalkunst in Stuttgart.
Seit 1986 steht der Hoppenlaufriedhof als Gesamtanlage unter besonderem Schutz. Die Bewahrung der alten Steine ist jedoch eine Daueraufgabe. Wind, Regen, Frost, Pflanzenbewuchs und Luftverschmutzung haben insbesondere dem Sandstein zugesetzt.
Nach früheren Sanierungen begann auf Grundlage einer Schadensanalyse von 2012 noch einmal ein groß angelegtes Konservierungsprojekt. Bis 2024 wurden insgesamt 1674 Grabmale bearbeitet. Im Mittelpunkt standen die behutsame Reinigung der Oberflächen, die Sicherung gefährdeter Partien und die Reparatur größerer Schäden. Ziel war dabei nicht, die Steine wieder wie neu aussehen zu lassen. Ihre Altersspuren sollten erhalten bleiben – und mit ihnen die Geschichte, die sie erzählen.
Zum 400. Geburtstag rückt der Hoppenlaufriedhof nun selbst in den Mittelpunkt. Vom 10. bis 14. Oktober 2026 würdigt die Stadt Stuttgart das Kulturdenkmal mit einem Jubiläumsprogramm in und an der Liederhalle. Dazu gehören Führungen, Informationen über die Restaurierungsarbeiten, eine digitale Fotoausstellung und die Kunstinstallation „Das Unerhörte – unaufhörlich“.
Vier Jahrhunderte nach der Pest ist aus dem Friedhof vor den Toren der Stadt längst ein Ort mitten in Stuttgart geworden. Zwischen Hotels, Kulturgebäuden und Straßenverkehr erinnern seine Grabsteine daran, dass Stadtgeschichte nicht nur in Rathäusern, Schlössern und Archiven aufbewahrt wird.
Manchmal liegt sie unter alten Bäumen – und trägt Namen aus Stein.
Geboren 1980 in Kirchheim unter Teck, heute Stuttgart-Fan aus tiefstem Herzen: Patrick Mikolaj hat aus einer originellen Idee ein echtes Stadtphänomen gemacht. Was der Blogger im Sommer 2012 mit dem Unnützen Stuttgartwissen begonnen hat, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Stuttgart-Projekte in den sozialen Medien. Dieser Erfolg zog weite Kreise: Seine Bücher im Lokalteil Verlag wurden zu regionalen Bestsellern. Zusammen mit Uwe Bogen und Manuel Kloker hat er zuletzt das Buch „Stuttgart – Kleine Geheimnisse einer großen Stadt“ herausgebracht. Mikolaj beschränkt sich nicht auf das geschriebene Wort, so verantwortet er mehrere erfolgreiche Stadtführungen.
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