Uwe Bogen

Vernissage im Kunstgebäude

Drags und ganz viel Stuttgart: „Stutt goes Art!“ wegen Überfüllung zeitweise geschlossen

27. Mai 2026

Sommerliche Temperaturen, volles Haus und ein gesperrter Aufgang wegen Überfüllung: Die Vernissage von „Stutt goes Art!“ wird zum Fest der Kunstszene und queeren Community. Der Künstlerbund zeigt eine emotionale Ausstellung mit überraschender Perspektiven – von Drag-Einblicken bis zur KI-Fotografie.

Cherry Bliss bei ihrem Auftritt im Kunstgebäude Foto: Klaus Schnaidt

Wenn in einem Städtenamen bereits das Wort „Art“ steckt, dürfte es kaum überraschen,  dass Kunst in Stuttgart zuhause ist. Doch was sich bei der Vernissage der Ausstellung „Stutt goes Art!“ im Kunstgebäude abspielt, übertrifft selbst optimistische Erwartungen: Bereits kurz nach der ersten Rede wird der Aufgang zur Galerie wegen Überfüllung gesperrt. Voller kann es an diesem sommerlich warmen Abend kaum werden. Stuttgarts Kunstszene und queere Community trifft sich und hat, zum Teil fächerwedelnd,  viel zu besprechen.

Fünf Fotografen des Stuttgarter Künstlerbundes zeigen ihren ganz persönlichen Blick auf die Stadt und sorgen für ein rappelvolles Haus – und für einen Abend, der so vielfältig ist wie die Kunst selbst. Zwischen sommerlich-elegantem Vernissage-Publikum, jungen Kreativen, älteren Kunstliebhabern, Drag-Queens, mutig gekleideten Modefans und kurzbehosten Flaneuren entsteht genau jene Mischung, die eine Stadt mit Art im Namen drin verdient hat. 

Drei Drags treten auf

Besonders im Mittelpunkt steht Wilhelm Betz mit seiner neuen Fotoserie „In and out of Drag“. Der frühere IBM-Mann nähert sich darin Menschen, die zwei Seiten haben und sich dabei treu bleiben: Alltag und Bühne, Privatperson und Kunstfigur. Seine Porträts zeigen die Diva ebenso wie den oft zurückhaltenden Mann dahinter – die Rampensau genauso wie den vielleicht schüchternen Kerl, der sich privat lieber zurückzieht.

Drei Drags liefern an diesem Abend starke Performances: Cherry Bliss, Queen Henni und MissPerm. So wird ein heißer Sommerabend  noch heißer. Mega-Wow und stürmischer Applaus!

Fotograf Wilhelm Betz mit den Drags (von links) bei der Vernissage des Künstlerbundes im Kunstgebäude: Queen Henni, Cherry Bliss und MissPerm. Foto: Klaus Schnaidt

Drag ist dabei weit mehr als Glitzer, High Heels und Drama. Drag ist Rebellion, ein bewusst überzeichnetes, meist knallbuntes Zeichen dafür, wie wichtig Vielfalt, Offenheit und Toleranz für eine Gesellschaft sind. Was heute auf Bühnen, in Clubs oder auf roten Teppichen gefeiert wird, war einst ein Akt des Widerstands gegen Ausgrenzung und starre Rollenbilder. Genau diese Kraft macht Drag bis heute zu einer wichtigen kulturellen Stimme der Stadt.

Und Stuttgart besitzt inzwischen eine bemerkenswert starke und stetig wachsende Drag-Szene – sowohl in der Qualität als auch in der Zahl ihrer Kunstschaffenden. Wie lebendig diese Szene ist, offenbart die Vernissage.

Die Galerie des Künstlerbundes lockt viele Menschen an. Foto: Klaus Schnaidt

Wilhelm Betz startete mit über 60 noch einmal neu durch und studierte Foto-Design. Heute ist er für seine intensiven, einfühlsamen Arbeiten bekannt. Seine Porträts wirken wie ein Gegenentwurf zur schnellen Oberflächlichkeit des digitalen Selfie-Zeitalters. Betz arbeitet mit großem technischen Aufwand und überlässt nur wenig dem Zufall – jedes Bild wirkt präzise komponiert und zugleich emotional offen.

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Auch EchtStuttgart ist dabei: Manuel Kloker (Zweiter von links) und Uwe Bogen (rechts), zwei Macher dieses Online-Magazins, mit Marco Mangold (links) und Kunsthändller Frank Zimmermann. Foto: Klaus Schnaidt

Ganz anders, aber ebenso eindrucksvoll, sind die Arbeiten von Richie Böhmer. Seine Fotografien entstehen an besonderen Orten in Stuttgart und werden kreativ bearbeitet. Farben, Kompositionen und digitale Eingriffe verschmelzen zu Bildwelten mit fast malerischem Charakter.

Dieter Meissner richtet seinen Blick auf das Stuttgarter Kammerorchester. Seine Serie „Orchesterprobe“ zeigt intensive Nahaufnahmen von Musikerinnen und Musikern während der Arbeit. Die Bilder machen sichtbar, mit welcher Konzentration, Hingabe und Präzision Musik entsteht – und wie viel Emotion in einem einzigen Probenton liegen kann

Didi Divalicious vor seinem Bild der zwei Perspektiven. Foto: Klaus Schnaidt
Queen Henni vor ihrem Bild, das sie als Diva und ganz privat zeigt. Foto:: Klaus Schnaidt

Bernd Mückenhaupt schaut dagegen buchstäblich nach unten. Seine Fotografien zeigen Böden und Oberflächen verschiedener Orte in und um Stuttgart. Über GPS-Daten bleiben die Orte identifizierbar. Die Serie stellt dabei fast philosophische Fragen: Schauen wir überhaupt auf den Boden, auf dem wir stehen? Oder bemerken wir oft gar nicht mehr, wo wir leben und uns bewegen?

Michael Paus bewegt sich schließlich im Spannungsfeld zwischen inszenierter People-Fotografie und künstlicher Intelligenz. Seine Arbeiten spielen mit der Grenze zwischen Realität und digitaler Veränderung – hochaktuell und manchmal bewusst irritierend.

MissPerm tanzt im Kunstgebäude. Foto: Klaus Schnaidt

Interessant auch: Diesmal stellen ausschließlich Männer aus (bis zum 18. Juni) In der nächsten Ausstellung des Künstlerbundes werden dann nur Frauen vertreten sein. Die aktuelle Schau versteht sich deshalb auch als Teil eines größeren Dialogs über Perspektiven, Rollen und Sichtbarkeit.

Der älteste Künstlerbund Deutschlands mit kreativer Kraft

Die Ausstellung ist zugleich ein starkes Zeichen für den Stuttgarter Künstlerbund selbst. Nach der Sanierung des Kunstgebäudes freut sich der traditionsreiche Verein über seine neue, deutlich schönere Galerie im ersten Stock direkt über dem Isopi-Café. Der 1898 gegründete Künstlerbund gilt als ältester Künstlerbund Deutschlands – und zeigt mit „Stutt goes Art!“, dass Tradition und Gegenwart in Stuttgart gut zusammenpassen. Die  Gegenwart wäre nichts ohne Vergangenheit, und aus beidem zieht man Lehren für die Zukunft. 

Und vielleicht zeigt diese Vernissage vor allem eines: In Stuttgart steckt nicht nur im Namen  Art, sondern auch in ihren Menschen, ihren Ideen und ihrer Offenheit für neue Perspektiven. Die zeitweise wegen Überfüllung geschlossene  Vernissage im Kunstgebäude macht deutlich, wie experimentierfreudig und vielfältig die Kunstszene der Stadt  ist. „Stutt goes Art!“ ist deshalb weit mehr als nur ein Ausstellungstitel – es ist ein  treffendes Statement.

Heike Ellwanger überreicht für ihre Stiftung als Sponsorin des Künstlerbundes einen Scheck über 1000 Euro. Auf dem steht: "Kunst ist die Stimme unserer Zeit". Foto: Klaus Schnaidt

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