Conny Mertz

Laden der Lust

Lasst Frau Blum nicht verblühen!

4. April 2026

Die Stuttgarter Erotique Boutique Frau Blum kämpft erneut ums Überleben – trotz  Neustart im Leonhardsviertel. Die Gründerinnen bitten ihre Community um Solidarität. EchtStuttgart blickt auf den Laden der Lust – und seine harte Realität.

Partytime bei Frau Blum im Leonhardsviertel. Foto: Frau Blum

„Sexualität ist die stärkste Energie, die wir haben“, sagt Alexandra Steinmann. Für sie ist das keine steile These, sondern der Kern dessen, was sie seit 13 Jahren mit ihrer Schulfreundin Mascha Hülsewig  voller Herzblut betreibt: die Erotique Boutique Frau Blum.

Jetzt kämpfen die beiden erneut ums Überleben. Und wieder bitten sie die Stadt um Solidarität.

Alexandra und Mascha kennen sich seit der dritten Klasse. Beide gingen gemeinsam auf die Waldorfschule in Stuttgart, beide hatten früh die Idee, irgendwann einmal etwas Eigenes aufzubauen. Heraus kam 2013 ein Laden, der bewusst anders sein wollte als klassische Sexshops: hell, wohnzimmerartig, neugierig statt anzüglich.

Toys für Vulva, Penis, Anal

Frau Blum versteht sich  als eine Art Institut für sexuelle Bildung. Hier geht es nicht nur um Vibratoren oder Dessous, Toys für Vulva, Penis und Anal, sondern auch um Gespräche, Workshops, Vorträge und den Versuch, Sexualität erfüllend auszuleben.

„Sexualität macht uns glücklich und friedlich“, sagt Steinmann.

 

Alexander Steinmann (links) und Mascha Hülsewig. Foto: Alex Klein

Eine ihrer Lieblingsgeschichten erzählt sie gern. Eines Tages kam eine ältere Dame in den Laden, irgendwo zwischen 70 und 80. Sie sah sich lange um, betrachtete neugierig die Toys und Accessoires. Dann sagte sie etwas, das beide Betreiberinnen nicht mehr vergessen haben: Sex habe sie in ihrem ganzen Leben niemals als lustvoll erlebt.

Ihr Mann war inzwischen gestorben. Und sie hatte beschlossen, sich zum ersten Mal einen Vibrator zu kaufen.

Solche Begegnungen sind für die beiden Blums der Beweis, dass ihr Konzept funktioniert. In ihrer  Boutique, die sich seit einem Jahr im Leonhardsviertel befindet, wird ganz selbstverständlich über Lust gesprochen, weil Lust einfach zum Leben gehört. 

Eine Frage hören die beiden immer wieder: Ob Männer es mögen, wenn ihre Partnerinnen Sexspielzeug besitzen? Mascha sagt: „Paare können Toys in ihre Liebesspiele einbauen. Und für viele Männer ist es  erregend zu sehen, was ihre Partnerin erregt.“

Missionieren wollen sie  niemanden. Wenn ein Paar ohne Sex glücklich sei, sei das genauso in Ordnung.

Schon einmal gab es eine Welle der Solidarität

Als die Betreiberinnen  vor über einem Jahr, damals noch mit Ladengeschäft im Stuttgarter Westen,  öffentlich erklärten, dass der Umsatz nicht mehr zum Überleben reiche, löste das eine Welle der Solidarität aus. Viele Fans kauften Gutscheine, unterstützten Veranstaltungen oder überwiesen Geld ohne Gegenleistung.  

Gleichzeitig kam ein neuer Trend in Stuttgart an: sexpositive Partys. Dort gelten klare Dresscodes – Latex, Leder, transparente Outfits. Und vieles davon gibt es bei Frau Blum. Die Boutique wurde Partner solcher Veranstaltungen. Das sorgte kurzzeitig für Aufwind.

Die strukturellen Probleme verschwanden trotzdem nicht.

 

Für die Kinky-Party können sich auch Männer bei Frau Blum ausstatten. Foto: Frau Blum

Der Umzug aus dem  Westen zur Hauptstätter Straße im Leonhardsviertel sollte zum Aufschwung führen. Die Lage ist zentraler, unweit des Rotlicht, die Miete kalkulierbarer, die Möglichkeiten größer.

Doch alles wurde teurer als gedacht. Dazu kamen Renovierungen, die sich länger hinzogen als gedacht. Mehrere Monate lang konnten kaum Veranstaltungen stattfinden – ein wirtschaftlicher Stillstand. Hinzu kommt, dass der stationäre Handel gegen Online verliert. Was viele nicht wissen: Auch bei Frau Blum kann man alles im Netz bestellen. 

Es fällt ihnen schwer, um Hilfe zu bitten

Jetzt wenden sich die  Betreiberinnen erneut an ihre Community. Sie bitten um Spenden, um Einkäufe im Laden, um Gutscheinkäufe, um Unterstützung bei Veranstaltungen – kurz: um alles, was hilft, damit Frau Blum weiter existieren kann.

„Es fällt uns unglaublich schwer, um Hilfe zu bitten“, schreiben sie auf ihrer Homepage, „aber  es ist die letzte Option.“

Online funktioniert „Sex sells“ wohl besser:  Bilder, Videos, Clickbait – alles, was neugierig macht oder Lust weckt, zieht Traffic. Die Anonymität des Internets senkt Hemmungen, und Menschen können impulsiv kaufen.

Frau Blum funktioniert nicht über reine Provokation oder Reize, sondern über Vertrauen und Atmosphäre. Die Betreiberinnen  lieben ihre Arbeit und sind überzeugt, dass sie zutiefst sinnvoll ist. Sich mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen, sich weiterzubilden und frei zu machen, trage dazu bei,  ein zufriedenerer und glücklicherer Mensch zu werden. Mascha Hülsewig darf schon mal träumen und sagt: „Ja, das ist ein Stück weit Friedensarbeit. Was wäre nur, wären alle Menschen sexuell zufrieden?“

 Stell dir vor, alle haben guten Sex – und keiner will Krieg!

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