Tiefgaragen-Vernissage

Oszillation im Kessel: Christophe Tebar und die hohe Kunst des Desillusionismus


Phil Hagebölling ·10. August 2026 ·3 Min. Lesezeit Kultur

Pariser Schule, spürbares spanisches Temperament und schwäbische Erdung: In einer Tiefgarage am Fuße der Stuttgarter Halbhöhe feierte ein exklusiver Kreis geladener Gäste die Sommer-Vernissage von Christophe Tebar.

Der Begründer des Desillusionismus bewies am gestrigen Abend, wie aus Beton, Fluchtlinien und 19 verkauften Werken ein echtes Statement gegen die Beliebigkeit entsteht.

Wenn Stuttgart feiert, spaltet sich die Stadt verlässlich in zwei Lager. Die einen drängeln sich unten im Kessel bei Gin Tonic und lauten Beats. Die anderen ziehen sich ein paar Kehren höher zurück, wo die Luft etwas klarer ist und der Wein nach Herkunft schmeckt. In der Relenbergstraße 88, am eleganten Fuße der Stuttgarter Halbhöhe im Norden, traf sich gestern exakt jenes Publikum, das Kunst nicht primär als kurzfristiges Spekulationsobjekt versteht, sondern Haltung an der Wand schätzt. Kein Laufpublikum, keine zufälligen Passanten: Es war eine geschlossene Gesellschaft auf Einladung, die sich für Tebars Oszillationen begeisterte.

Anlass war die Sommer-Vernissage von Christophe Tebar. Das Setting: Keine schicke Galerie im Parterre, sondern eine umfunktionierte Tiefgarage. Roher Beton trifft auf kompromisslose Isometrie. Ein Raum, dessen unaufdringliche Eleganz die geometrische Wucht der Bilder erst richtig zur Geltung brachte.

Impressionen

Schule der Pariser Roughmen und der Ruf der Liebe

Dass hinter Tebars Arbeiten kein flüchtiger Modetrend steckt, erklärt ein Blick auf seine Biografie. In Paris geboren und in einer spanischen und deutschen Künstlerfamilie aufgewachsen, genoss er von 1989 bis 1994 seine zeichnerische und illustrative Grundausbildung bei seinem Vater, einem der renommiertesten Roughmen Frankreichs

Roughmen – so nennt die Werbebranche jene Schnellzeichner, die Ideen und Entwürfe in kürzester Zeit präzise aufs Papier bringen.

Es war die harte Schule der Werbe- und Visualisierungskunst, bei der jeder Bleistiftstrich auf den Punkt sitzen muss. Verfestigt wurden diese handwerklichen Fähigkeiten anschließend als Assistent von Patrice Larue, einem der führenden Illustratoren seiner Zeit.

1994 war es schließlich die Liebe, die den Pariser Zeichner nach Stuttgart entführte. Seitdem lebt er im nahegelegenen Waiblingen. Doch wer vermutet, dass sich Tebar in der Region zur Ruhe setzte, täuscht sich gewaltig. Die freie Kunst blieb sein elitäres wie unerbittliches Ventil.

© Christophe Tebar

Vom Plakat-Guerilla zum Desillusionismus

Parallel zu seiner erfolgreichen Arbeit als freier Illustrator entwickelte Tebar ab 1994 freie Kunstkonzepte im Bereich der integrierten Performance sowie bewusst polarisierende, digitalisierte Plakatarbeiten. Im Pandemie-Jahr 2020 entstand schließlich mit der „Oszillations“-Konzeption die Keimzelle des von ihm begründeten Desillusionismus.

Über Jahre hinweg feilte er im Waiblinger Atelier an diesem Konzept, abseits des lauten Kunstmarktes. Die Sommer-Vernissage im Stuttgarter Norden bildete nun den atmosphärischen Rahmen für seine erste Ausstellung: Bei den signierten und datierten Kunstdrucken aus Papier und Acrylglas – mit Titeln wie „Tout Oublier“, „The Jumps“ oder „Free Yourself“ – trifft die absolute Präzision seiner Pariser Schule auf eine befreite, fast viszeral spürbare Dynamik.

Auszug der Werke

Seine isometrischen Formkörper und geometrischen Konstruktionen besitzen eine optische Dringlichkeit, die sich erst mit etwas Abstand voll entfaltet: Wer einen Schritt zurücktritt, erlebt, wie die Formen dynamisch in Bewegung geraten. Hier arbeitet jemand, der Perspektive, Fluchtlinien und raumgreifende Oszillationen nicht bloß konstruiert, sondern choreografiert. Dass dieser Ansatz verfängt, zeigte sich auch am Verkauf: 19 Werke wechselten noch am Eröffnungsabend den Besitzer – ein beachtlicher Erfolg für eine Einzelausstellung

Smalltalk mit Tiefgang im Stuttgarter Norden

Die Gesellschaft bot eine melierte Mischung aus Sammlern, Vertretern der regionalen Wirtschaft und Weggefährten aus der Kreativszene. Man nippte am Grauburgunder, tauschte leise Urteile aus und stellte fest: Stuttgart kann Vernissage, wenn man die eitlen Attitüden weglässt. Tebar selbst bewegte sich nahbar durch den Raum, ein Künstler, der lieber seine geometrischen Welten sprechen lässt, als sich in theoretischem Galerie-Deutsch zu verheddern.

© Christophe Tebar

Ein Zeichen gegen die digitale Beliebigkeit

Am Ende bleibt mehr als nur ein geschmackvoller Abend. Tebars Arbeiten erinnern an etwas, das im digitalen Rauschen zunehmend untergeht: Der menschliche Strich, die jahrelang geschulte Exzellenz und der kompromisslose Blick lassen sich durch keinen Algorithmus ersetzen. Wenn eine architektonisch-optische Illusion im Kopf hängen bleibt, während die Tiefgarage am Relenberg längst hinter einem liegt, hat der Künstler seinen Job gemacht. In der Relenbergstraße 88 hat gestern alles gepasst. Stuttgart ist um eine eindrucksvolle Kunsterfahrung reicher, und der Kulturherbst im Kessel startet mit der richtigen Dosis Substanz.

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Phil Hagebölling

Phil Hagebölling

Philipp „Phil“ Hagebölling ist Unternehmer, Agenturinhaber und Vorstand des Startup Stuttgart e.V. Als Gründungsmitglied und Redakteur von Echt Stuttgart schreibt er mit Leidenschaft über Unternehmerpersönlichkeiten, Wirtschaft, Startups und die Menschen hinter den Ideen. Als erfahrener Eventveranstalter gewährt er zudem regelmäßig spannende Einblicke hinter die Kulissen außergewöhnlicher Events und berichtet über die Trends, Macher und Geschichten, die Stuttgart bewegen.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Schule der Pariser Roughmen und der Ruf der Liebe
  2. Vom Plakat-Guerilla zum Desillusionismus
  3. Smalltalk mit Tiefgang im Stuttgarter Norden
  4. Ein Zeichen gegen die digitale Beliebigkeit

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