Uwe Bogen
Neue Ideen fürs Nachtleben
Stuttgarter Clubs unter Druck: Warum viele Betreiber jetzt umdenken
Weniger volle Nächte, höhere Kosten und ein Publikum, das anders feiert als früher: Stuttgarts Clubszene steht unter Druck. Die Schräglage, eine Institution, schließt Ende Juni und wird zur Eventlocation h14. EchtStuttgart hat sich bei Betreibern umgehört, wie Clubs in harten Zeiten trotzdem funktionieren können.
21. Mai 2026
Die Clubszene in Stuttgart steckt mitten im Umbruch. Seit der Corona-Pandemie kämpfen viele Betreiber mit sinkenden Umsätzen, steigenden Kosten und einem Ausgehverhalten, das sich spürbar verändert hat. Viele junge Menschen gehen seltener feiern als früher – auch, weil das Geld knapper sitzt. Hohe Lebenshaltungskosten, steigende Mieten und teurere Freizeitangebote sorgen dafür, dass sich viele den regelmäßigen Clubbesuch bewusster überlegen.
Die Folgen sind in der gesamten Szene zu spüren. Immer mehr Clubs müssen ihre Konzepte überdenken, Veranstaltungen reduzieren oder neue Wege finden, um wirtschaftlich zu bestehen. Besonders klassische Clubnächte verlieren an Bedeutung, während einzelne, gezielt inszenierte Events stärker gefragt sind.
Abschied vom klassischen Clubbebtrieb nach 20 Jahren
Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt das jüngste Beispiel des Hip-Hop-Clubs Schräglage. Nach 20 Jahren verabschiedet sich der Club vom klassischen Nachtbetrieb und wird künftig zur Eventlocation h14.
Eine Ära endet. Der Standort bleibt erhalten, soll aber nur noch für gebuchte Veranstaltungen öffnen – von Konzerten bis zu Firmen- und Privatfeiern. Betreiber Heiko Grelle spricht dabei nicht von einem Ende, sondern von einem neuen Kapitel.
EchtStuttgart hat sich bei Clubbetreibern in der Stadt umgehört, wie sie die aktuelle Entwicklung erleben – und welche Strategien helfen sollen, Clubs weiterhin erfolgreich zu betreiben.
Für Tim Berkemer HilifeStuttgartsteht fest: Gäste erwarten heute mehr als nur Musik und Getränke. „Die Gäste wollen immer mehr ein besonderes Erlebnis“, sagt er. Das merke man unter anderem an der hohen Nachfrage nach Formaten wie dem Zubrovka House Festival am 27. und 28. Juni im Biergarten von Sonja Merz im Schlossgarten oder der Spitzbuben-Bar auf dem Cannstatter Volksfest. Diese besonderen Erlebnisse wolle man aber weiterhin auch im klassischen Clubbetrieb schaffen – etwa durch ein Zusammenspiel aus Interior, Design, Programm und einem Team, das nah an der Zielgruppe sei. „So bleiben wir nah am Gast dran“, erklärt Berkemer.
Auch Denis Gugac, Betreiber vom Zubrovka und den Comodo Studios, sieht die persönliche Nähe als entscheidenden Faktor. „Wir sind grundsätzlich immer vor Ort, vor allem an den Wochenenden. Ich denke, die Bindung zum Gast und unser persönliches Interesse, dass sich die Leute wohlfühlen, sind einfach Pluspunkte in der heutigen Zeit“, sagt er. Gerade Stammgäste und persönliche Atmosphäre würden zunehmend wichtiger.
Timo Bemsel vom Havanna Club beobachtet dagegen vor allem die Herausforderungen durch den ständigen Eventwechsel. „Der Aufwand, auch medial immer wechselnde Events zu bewerben und Leuten, die dann vielleicht doch kommen und nicht mitbekommen haben, dass etwas anderes stattfindet, ist extrem hoch und auch enttäuschend“, sagt er. Sein Rat an die Branche: „Mach eine Sache, mach die richtig, steh dafür und experimentier nicht. Dann läuft es.“
Ähnlich blickt auch Alexander Scholz, Betreiber des Perkins Park, auf die Situation. Einen kompletten Wandel zur reinen Eventlocation schließt er für seinen über 40 Jahre alten Club zwar aus, dennoch öffne man sich weiteren Nutzungsmöglichkeiten. Durch den großen Außenbereich lasse sich die Location bereits heute gut für Sommerfeste, Weihnachtsfeiern oder größere Firmenevents nutzen. „Von daher werden wir einen Clubbetrieb immer haben – hoffentlich“, sagt Scholz. Gleichzeitig betont er, dass der Perkins Park schon immer auch Eventlocation gewesen sei – insbesondere unter der Woche – und dies auch künftig bleiben werde.Fass sich das Nachtleben in schwierigen Zeiten befindet, sei der gesamten Branche bewusst. Umso wichtiger sei es aus seiner Sicht, bestehende Gastronomie- und Kulturbetriebe zu erhalten.
Auch Ben Hille, Vorstandsmitglied des Club Kollektivs Stuttgart, macht sich Sorgen. sieht die Lage kritisch. „Die Gesamtgemengelage für Clubs ist leider nicht sehr gut“, sagt er. Seit Corona habe sich das Ausgehverhalten deutlich verändert. Vielen Clubs fehlten heute die Stammgäste, „die immer kommen“. Besonders die Hip-Hop-Szene, die sich früher in der Schräglage getroffen habe, habe sich verändert.
Gleichzeitig betont der Schauspieler und Regisseur Ben Hillle „Es ist kein Abschied der Schräglage, sondern eine Umwandlung.“ Die Betreiber würden die Location nun verstärkt für Formate anbieten, die wirtschaftlich funktionieren. Vor allem Events mit klarer Ausrichtung seien weiterhin gefragt. Auch temporäre Nutzungskonzepte wie die Lerche 22 würden zeigen, dass flexible Formate funktionieren können.
Hohe Besucherzahlen bei queeren Reihe Pump
Dass spezielle Veranstaltungen nach wie vor ein großes Publikum anziehen, zeige sich auch im Technobereich. Hille verweist auf die queere Reihe Pump, die er selbst mit aufgebaut hat und die mittlerweile abwechselnd im Climax Institutes und im Lehmann Club stattfindet – mit konstant hohen Besucherzahlen.
Die Aussagen zeigen: Die Clubszene sucht derzeit nach neuen Wegen zwischen Tradition, Eventkultur und wirtschaftlichem Überleben. Während manche Clubs auf klare Identität und Stammgäste setzen, versuchen andere mit besonderen Formaten und flexiblen Konzepten auf die Veränderungen zu reagieren.
Die Schräglage wird damit zum Symbol einer Szene, die unter Druck steht – die aber immer wieder neue Ideen entwickelt, damit es weitergehen kann.
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