Uwe Bogen
Französische Kochkunst
Kitchen Battle im Künstlerhaus: „Le plaisir“ im Duell zweier Kochstile
So spannend kann Fine Dining sein: Bei der Kitchen Battle im Künstlerhaus interpretieren zwei Köche vier französische Klassiker völlig unterschiedlich. Die Gäste sind begeistert. Sie stimmen über jeden Gang ab — und feiern ein Format, das in schwierigen Gastro-Zeiten voll ins Schwarze trifft.
22. Mai 2026
Zwei Generationen von Köchen treten gegeneinander an. Auf der einen Seite: André Dangeiser (schwarz gekleidet) von Feinkost ab Rampe. Der Elsässer, der Ältere, brennt noch immer für seinen Beruf. Er ist längst ein Stuttgarter geworden, ein Koch alter Schule, einer, der Saucen noch mit Geduld aufzieht, Butter nicht für ein Verbrechen hält und Sahne als kulinarische Selbstverständlichkeit betrachtet.
Auf der anderen Seite: Konstantin Kuld, genannt Coco (im weißen Hemd). Küchenchef im Künstlerhaus-Restaurant. Der Jüngere erscheint für einen Koch viel zu schlank. Einer, der französische Klassiker plötzlich mit asiatischen Ideen auflädt, der den Spargel nicht einfach mit Vinaigrette aus Essig, Öl, Senf und Salz serviert, sondern mit Eierstich kombiniert und aus Tradition überraschend moderne Teller baut.
Bauchgefühl gegen Bauchgefühl
Die Regeln des Abends sind klar: Dangelser gibt ein klassisches französisches Vier-Gänge-Menü vor — beide Köche interpretieren es auf ihre Weise. Das Publikum entscheidet bei jedem Gang, wer die Nase vorne hat. Das Ergebnis wird am Ende öffentlich ausgezählt und verkündet. Keine Expertenjury. Keine Sternekritiker. Nur die Gäste. Bauchgefühl gegen Bauchgefühl.
Das Menü des Abends
Asperges en vinaigrette
Spargel mit Vinaigrette
Goujonette de sole sauce Champagne
Seezungenstreifen mit Champagnersauce
Fricassée de volaille de Bresse aux morilles
Bresse-Hähnchenfrikassee mit Morcheln
Parfait au Grand Marnier
Grand-Marnier-Parfait
Die Gäste haben jeweils 145 Euro inklusive Weinbegleitung bezahlt — und bekommen weit mehr als ein Dinner. Sie werden Teil einer kulinarischen Dramaturgie.
Denn eine Kitchen Battle ist weit mehr als ein Kochduell. Für Köche ist die Küche normalerweise ein Ort der Kontrolle. Jeder Handgriff sitzt, jeder Ablauf ist eingespielt. In einer Battle wird diese Ordnung aufgemischt. Plötzlich geht es nicht nur um Geschmack, sondern um Ideen, Timing und die Fähigkeit zu improvisieren.
Wie im Sport treffen zwei Handschriften unmittelbar aufeinander. Nicht über Restaurantkritiken oder Instagram-Bilder, sondern live auf dem Teller. Technik gegen Technik. Idee gegen Idee. Ego gegen Ego.
Im Battle steckt eine große Portion gegenseitiger Respekt
Hinzu kommt die kreative Freiheit. In einer Battle entstehen Gerichte, die in einem normalen Restaurantbetrieb oft nie gekocht würden. Risiken sind erlaubt, manchmal sogar erwünscht. Ein Koch zeigt nicht nur, was er kann, sondern wie er denkt.
Gleichzeitig steckt in solchen Battles oft eine große Portion gegenseitiger Respekt. Wer selbst kocht, weiß, wie schwer gutes Kochen unter Zeitdruck ist. Deshalb sind die härtesten Konkurrenten häufig auch die aufmerksamsten Bewunderer des anderen. Das Duell wird zu einer Art kulinarischem Dialog.
- SCHAUT EUCH DIESES VIDEO AN. HIER ERKLÄRT COCO DIE UNTERSCHIEDE BEI DEN SPARGELN:
Und natürlich spielt das Ego eine Rolle. Köche messen sich gern. Nicht aus Bosheit, sondern aus Leidenschaft. Wer täglich nach Perfektion strebt, genießt den Moment des direkten Vergleichs. Eine Kitchen Battle bringt vielleicht keinen Michelin-Stern — aber Prestige, Geschichten und manchmal legendäre Küchenmomente.
Im Künstlerhaus bekommt das Format eine zusätzliche Spannungsebene: Nach jedem Gang wird abgestimmt. Jeder Teller ist ein kleines Finale. Ein starker Auftakt kann später wieder verspielt werden. Das Publikum entscheidet emotional, spontan, manchmal gnadenlos.
Für die Gäste macht genau das den Reiz aus. Sie werden nicht bloß bewirtet, sondern Teil des Geschehens. Mit jeder Abstimmung entsteht das Gefühl, mitzuentscheiden, welche Idee, welcher Geschmack und welcher Stil den Abend prägt. Die Küche wird zur Bühne — und das Publikum zum Mitspieler.
Am Ende werden die Zettel der Gäste eingesammelt und vor den Augen aller ausgezählt. Es ist sehr spannend. Gang eins und Gang zwei gehen an André Dangelser. Doch Coco holt auf, gewinnt bei Gang drei und bei Gang vier.
Unentschieden! Die Battle endet mit 2 :2.
Ein Ergebnis, das fast perfekter nicht sein könnte. Dangelser überzeugt mit klassischer Wucht, Tiefe und französischer Opulenz. Coco dagegen mit Leichtigkeit, Fantasie und überraschenden Aromen. Zwei völlig unterschiedliche kulinarische Handschriften — beide erfolgreich.
„Es kommt gar nicht darauf an, wer gewinnt“, sagt Sebastian Werning, Chef des Restaurants im Künstlerhaus, der selbst nicht mehr am Herd steht und noch die Weinhandlung Vins in Stuttgart-Mitte führt.
Genau das ist an diesem Abend zu spüren. Die Gäste kommen nicht nur zum Essen. Sie kommen wegen der Spannung, der Vergleiche, wegen des Wettkampfs, über den man wunderbar sprechen kann und der Lerneffekte bringt fürs Kochen daheim. In Zeiten, in denen sich viele Restaurants schwertun, funktionieren solche Formate wie ein Gegenmittel zur gastronomischen Flaute. Man redet darüber. Man postet darüber. Man will beim nächsten Mal dabei sein.
Und das wird es geben.
Nach dem 2:2 steht fest: Die Revanche kommt. Stuttgart bekommt eine zweite Runde Butter gegen Leichtigkeit. Klassisch gegen verspielt. Schwarz gegen weiß. Dangelser gegen Coco.
Wir freuen uns schon jetzt darauf!
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