Uwe Bogen
Vor dem DFB-Finale in Berlin
VfB-Hymne „Stuttgart kommt“ wird 30 – und Wolle Kriwanek würde bald Großvater werden
22. Mai 2026
„Welche Elf kennt nur ein Ziel? Vau-eff-bee, vau-eff-bee!“
Es gibt Momente in der MHP-Arena, da klingt Stuttgart wie ein Orkan in Weiß und Rot. Über 60.000 Menschen singen, trommeln, skandiere voller Inbrunst. Das Playback ist längst verstummt, doch die Kurve macht weiter. Immer weiter. „Stuttgart kommt“ donnert durchs Neckartal
Und wenn der VfB am Samstag im Berliner Olympiastadion um den DFB-Pokal spielt, werden die 25.000 mitgereisten Fans aus Stuttgart noch eine Schippe drauflegen. Unterstützt sogar vom Stuttgarter Kammerorchester, dem ersten Streichorchester bei einem DFB-Finale.
Nur einer wird schweren Herzens fehlen – aber auch voller Vorfreude: Benjamin Kriwanek. Der Sohn des 2003 verstorbenen Schwabenrockers Wolle Kriwanek wird Papa. Sonst wäre er natürlich dabei. Das Baby kommt! Seine Frau Barbara ist hochschwanger. Geburtstermin ist der 26. Mai. Wolle Kriwanek würde also jetzt Großvater werden. Wie sehr würde er sich darüber freuen!
„Natürlich wäre ich wahnsinnig gern dabei gewesen.“, sagt Benny Kriwanek.
Wie wahr der Satz von Gitarrist Paul Vincent doch geblieben ist, den er 2009 bei der Enthüllung der Wolle-Kriwanek-Straße in Stammheim sagte: „Solange Wolles Lieder gesungen werden, ist das Schwabenland noch nicht verloren.“ Verloren ist der wilde Süden wirklich nicht, ganz egal, wie das Spiel am Samstag ausgeht.
Wolle Kriwanek sprach von der „Quadratur der Maultasche“
1996 schrieb Wolle Kriwanek im Kroatien-Urlaub einen Song, der heute zum emotionalen Inventar des VfB gehört. Seine Frau Irmgard Kriwanek erinnert sich noch genau: Am Strand entstand der Text, im Kopf eines Musikers, der eigentlich zweifelte, ob Fußballfans überhaupt gemeinsam singen würden.
Der damalige VfB-Geschäftsführer Ulrich Schäfer hatte ihm einen Auftrag gegeben, der fast unmöglich klang: Eine Hymne sollte her. Eine, die bei Niederlagen genauso funktioniert wie bei Siegen. Eine, die von Haupttribüne, Gegengerade und Cannstatter Kurve gleichermaßen akzeptiert wird.
Wolle Kriwanek sprach damals von der „Quadratur der Maultasche“.
Doch irgendwann gewann der Fan in ihm gegen den Musiker.
Später schrieb Wolle Kriwanek über diesen Moment: „Ich leide und freue mich mit dem VfB – warum soll ich nicht auch mit ihm singen?“
Die Idee war simpel und genial zugleich: Ein Vorsänger gibt Rhythmus und Zeile vor, die Masse antwortet. Genau so, wie es heute noch funktioniert. Dies hat den Fans von Anfang an gefallen, die den Song durch lautes und begeistertes Singen groß gemacht haben.
Die Cannstatter Kurve hatte immer recht
Dass „Stuttgart kommt“ heute wieder offizielle VfB-Hymne ist, verdankt sie auch der Cannstatter Kurve. Seit der Saison 2022/23 läuft der Song wieder vor jedem Heimspiel – maßgeblich initiiert von den Fans selbst. Wolle hat den großen Triumph seines Songs nicht mehr mitbekommen.
Für Benjamin Kriwanek ist der VfB-Massenchor bei „Stuttgart kommt“ bis heute überwältigend. „Für mich ist das eine emotionale Achterbahnfahrt“, sagt er. „Einerseits bin ich mächtig stolz auf Wolle und auf die Fans. Andererseits kann ich meistens gar nicht mitsingen.“
Denn sobald die ersten Zeilen erklingen, kommen die Erinnerungen zurück.
Wolle wurde nur 53 Jahre alt
An Ostern 2003 brach Wolle Kriwanek plötzlich zusammen. Er wollte gerade ein Formel-1-Rennen anschauen. Seine Familie war dabei, als ein Aneurysma den Musiker völlig unerwartet aus dem Leben riss. Er wurde nur 53 Jahre alt.
Dabei hatte Wolle noch so viel vor. Er schrieb am Musical „Der Zwölftonkavalier“, engagierte sich für die Rockstiftung Baden-Württemberg und arbeitete leidenschaftlich als Lehrer an einer Förderschule.
Und heute? Bald würde er Großvater werden. Womöglich am Finaltag?
Die Geschichte der Hymne klingt heute fast wie eine schwäbische Fußball-Legende. Nach dem Kroatien-Urlaub fuhr Wolle Kriwanek mit seiner Gitarre direkt zur VfB-Geschäftsstelle. Seine Frau wartete draußen im Auto. Offenbar überzeugte der Song sofort.
1997 nahm der VfB den Musiker sogar mit zum Pokalfinale nach Berlin. Eigentlich hätte dort „Stuttgart kommt“ gespielt werden sollen. Doch der DFB entschied sich kurzfristig für andere Musik.
Dass sich das Lied trotzdem durchsetzen würde, ahnte damals niemand.
„Es geht um den VfB und noch mehr um die Fans“
Dass die Familie mit „Stuttgart kommt“ heute keine großen Einnahmen erzielt, spielt für Benjamin Kriwanek keine Rolle. „Es geht um den VfB und noch mehr um die Fans“, sagt er.
Vielleicht ist genau dies das Geheimnis dieses Liedes. Es wurde nicht geschrieben, um ein Stadionprodukt zu sein. Sondern aus echter Liebe zu diesem Verein.
Und deshalb funktioniert die Hymne bis heute. Damals wie heute. Gegen Bayern genauso wie gegen jeden anderen Gegner.
Übrigens: Als „Stuttgart kommt“ am 1. Dezember 1996 im Stadion erstmals bei einem Spiel gegen den FC Bayern lief, hat der Rekordmeister gar nicht gewonnen. Es gab ein Unentschieden mit 1:1. Wenn der VfB am Samstag aus dem 1:1 ein 2:1 macht, wird „Stuttgart kommt“ garantiert die ganze Nacht in Berlin und Stuttgart hoch und runter gesungen.
Wer macht den wilden Süden heiß?
Vauf- eff-bee, vau-eff-beef!
Wer machts jedem Gegner schwer?Vau-eff-bee, vau-eff-beef!
Wo kommt im Land die Power her?
Vau-eff-bee, vau-eff-beef!
Der ganze wilde Süden,
strahlt in weiß und rot
Der Neckar der wird weiterfließen,
du wirst weiter Tore schießen!
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