Uwe Bogen

Konzertkritik

Big, bigger, SWR Big Band – 75 Jahre Weltklasse made in Stuttgart

3. April 2026

Seit 75 Jahren prägt die SWR Big Band Jazz und Swing weltweit. In der Liederhalle feiert das Ensemble seine Geschichte mit selten gespielten Perlen, Gänsehaut und Gaststars. Die Botschaft steckt in der Zugabe: What the world needs now –  die Liebe!

Die britische Sängerin Emma Smith beim Konzert zum 75. Geburtstag der SWR Big Band in der Liederhalle. Foto: Klaus Schnaidt
Am 2. April 1951 begann alles – zumindest erzählte es Erwin Lehn später gern so. Tatsächlich war laut Vertrag mit dem damaligen Süddeutschen Rundfunk der erste Arbeitstag für das Orchester bereits der 1. April 1951. Doch der Dirigent fürchtete, alle Welt würden seine Pläne für einen Aprilscherz halten. Also sagte er später immer wieder, der Start sei am 2. April gewesen. Aus dem damals gegründeten Südfunk-Tanzorchester entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine der erfolgreichsten Big Bands der Welt – die heutige SWR Big Band  mit Grammy-Preis.

Stuttgart in der Champions League  

Schon früh machte sich das Ensemble bundesweit einen Namen. Fans liebten den kraftvollen, eleganten Big-Band-Sound, der von Größen wie Max Greger geprägt wurde.  Die Musiker gelten bis heute als extrem eingespielt – so gut, dass man sie, wie es etwa bei „Kaffee oder Tee“ im SWR-Fernsehen heißt, „nachts um drei Uhr wecken könnte und sie sofort loslegen würden“.
 
Heute besteht die SWR Big Band aus 17 festen Musikerinnen und Musikern. Für viele Nachwuchstalente ist das Ensemble äußerst attraktiv, weil es künstlerische Freiheit, höchste Professionalität und internationale Projekte verbindet. Seit Jahren spielt die Band in der Champions League der Big Bands. Stuttgart befindet sich beim Ballett, bei der Oper und manchmal auch beim VfB in der Königsklasse – und beim Jazz & Swing durchgehend! 
 
Das zeigt sich an den Auszeichnungen: 2023 gewann die SWR Big Band in Los Angeles einen Grammy für das beste Arrangement einer Big Band. Gleichzeitig ist das Ensemble äußerst aktiv – mit 50 bis 60 Konzerten im Jahr. Die Planungen reichen oft drei Jahre im Voraus, und durch die vielen Auftritte finanziert sich die Band zu einem großen Teil selbst.
 
Zum 75. Geburtstag präsentiert sich das Orchester in der Stuttgarter Liederhalle in besonders großer Besetzung. Für den Abend wurden zehn zusätzliche Streicher, Percussionisten und eine Harfe engagiert – ein Klangbild im Hollywood-Breitwandformat. Stilvoll blieb auch die äußere Form: Smoking, Fliege und Lackschuhe gehören zur traditionellen Kleiderordnung der Band.
 
 
Magnus Lindgren (rechts), Leiter der SWR Big Band, mit den Stargästen des Abends. Foto: Klaus Schnaidt
Der schwedischen Multiinstrumentalist Magnus Lindgren, langjähriger Artist in Residence der SWR Big Band, lädt beim „Heimspiel“ in der Liederhalle als Bandleader zum Auftakt des Jubiläumsjahr das Publikum dazu ein, musikalische Perlen aus der  Geschichte des Orchesters neu zu entdecken. Dies kündigt er stets als eine Postkarte aus der Vergangenheit an.  
 
Dabei erklingen etliche Schätze, die heute nur selten zu hören sind – ebenso wie große Klassiker.

Das würde dem Großvater gut gefallen

 Einer der Höhepunkte: der Sinatra-Hit „My Way“, gänsehaut-erzeugend von der britischen Sängerin Emma Smith interpretiert. Der familiäre Kreis schließt sich: Ihr Großvater war bereits Musiker und tourte mit Frank Sinatra um die Welt. Wie gut ihm das gefallen dürfte von seiner Wolke, wie großartig die Enkelin auf ihrem „Way“ in seine Fußstapfen tritt! Das Publikum ist tief berührt. 
 
SWR-Intendant Kai Gniffke beim Geburtstagskonzert: Stolz auf die Big Band seines Senders. Foto: Klaus Schnaidt
Neben Emma Smith stehen weitere internationale Gäste auf der Bühne. Die italienische Sängerin Chiara Civello verbindet Soul und Jazz mit der persönlichen Note eines Singer-Songwriters. Der belgische Jazzsänger David Linx, einer der renommiertesten Jazzvokalisten Europas, bewegt sich souverän zwischen Chanson und Bebop. 
 
Das Programm unterstreicht  die stilistische Vielfalt der SWR Big Band. Viele Arrangements sind hochkomplex: schnelle Wechsel der Rhythmen, ungewöhnliche Harmonien und orchestrale Klangfarben prägen den Sound. Viele andere Big Bands könnten solche komplizierten Arrangements technisch kaum umsetzen – die SWR Big Band meistert sie mit beeindruckender Leichtigkeit.
 
Als Zugabe erklingt „What the World Needs Now“. Das Original sang Jackie DeShannon 1965, als die USA tief gespalten waren in der Frage des Vietnamkriegs. Was die Welt braucht, gilt auch in Zeiten der heutigen Kriege: Liebe, die süße Liebe.
 

 „Jubiläums-Open-Air-Sause“  im Juli auf dem Killesberg

Wie bleibt eine Band  im 75. Jahr ihres Bestehens jung? Hans-Peter Zachary, Manager der SWR Big Band, weiß es:. „Musik machen und neugierig bleiben.“
 
Nach diesem großartigen Jubiläumskonzert steigt die Vorfreude  auf die kommenden Projekte im 75er Jahr: etwa beim Schlagertrip to Brusthaar-Toupet mit  Dieter Thomas Kuhn  (live am 24. und 25. Juli in Tübingen) oder bei der „Jubiläums-Open-Air-Sause“ auf der Freilichtbühne Killesberg am 29. Juli. 
 
CHAPEAU!  Stuttgart verneigt sich vor einer Weltklasse-Band!  Und auch der SWR, der in vielen Bereichen sparen muss, kann sich glücklich schätzen – denn dank ihrer vielen Auftritte trägt sich die Band wirtschaftlich zu einem großen Teil selbst.
 
Nach 75 Jahren klingt die SWR Big Band kein bisschen nach Vergangenheit – sondern nach Zukunft.
 
We love the music – big, bigger,  SWR Big Band! ❤️🎷

AKTUELLES

Social Media