Uwe Bogen

Wenn deine ganze Familie stirbt

Vier minus drei – einer der emotionalsten Kinoabende des Jahres in Stuttgart

15. April 2026

Ein Film über den schlimmsten denkbaren Verlust, eine Premiere voller Tränen und eine Frau, die sich mit Humor aus dem tiefen Loch befreit. „Vier minus drei“ sorgt in Stuttgart im Atelier am Bollwerk für einen der emotionalsten Kinoabende des Jahres.

Bei der Premiere von "Vier minus drei" in Stuttgart (von links): Autorin Barbara Pachl-Eberhart, Hauptdarstellerin Valerie Pachner, Regisseur Adrian Goiginger und Produzent Gerrit Klein. Foto: Klaus Schnaidt
Sollte man, wenn das eigene Leben halbwegs im Gleichgewicht ist, einen Film sehen, in dem einer Frau alles genommen wird – ihre ganze Familie? Und sollte man sich in Zeiten von weltweiten Kriegen auch noch dem Albtraum aussetzen, der jeden von uns im Privaten treffen könnte, also etwas, vor dem viele von uns Angst  haben?
 
Die klare Antwort nach dieser überragenden Premiere in Stuttgart lautet: Ja, unbedingt. Gerade weil dieser Film hilft, das eigene Leben intensiver zu begreifen – und zu erkennen, dass selbst in auswegloser Trauer noch etwas zuckt, was  lebenswert ist. Dass irgendwo ein Rettungsanker auf einen wartet, man muss ihn nur finden und annehmen. 
 
Und  besuchenswert ist das Drama  „Vier minus drei“ allemal,  weil man ganz große Filmkunst erlebt, die, wäre sie made in USA, selbst bei den Oscars gut im Rennen wäre. Ein deutscher Film aber  hat es dort immer schwer, selbst wenn er noch  so meisterhaft gemacht ist. 
 

Der Moderator wirft Taschentuch-Päckchen ins Publikum

Schon der Auftakt im Atelier am Bollwerk macht klar, was das Publikum erwartet: Taschentücher fliegen in die Reihen. „Die werden Sie brauchen“, sagt Moderator Max-Peter Heyne. Und er hat recht.
 
Denn Vier minus drei ist harter Tobak – aber auch ein außergewöhnlich berührendes Kinoerlebnis, das lange nachwirkt, weil du auch am nächsten Tag die Bilder noch vor Augen hast und dir Fragen stellst, für die es keine schnelle Antwort gibt. 
Barbara Pachl-Eberhart mit der roten Nase. Foto: Klaus Schniadt
Der Schauspieler und Produzent Gerrit Klein, der in Ludwigsburg lebt, mit Kira kurz vor der Premiere im Fellini.. Foto: Klaus Schnaidt

Eine wahre Geschichte, die sprachlos macht

Zur Premiere für geladene Gäste, für die Crew und für Geldgeber von der MFG Baden-Württemberg im Atelier am Bollwerk ist  Barbara Pachl-Eberhart angereist – die Frau, die das erleben musste, was der Film zeigt. 2008 verlor sie bei einem Verkehrsunfall ihren Mann Heli (gespielt von Robert Stadlober), der wie sie ein Clown war, und ihre Kinder Fini und Thimo.  Aus dieser  vierköpfigen Familie   wurde „vier minus drei“ – übrig blieb sie allein.
 
Über diesen unfassbaren Verlust schrieb sie ein Buch, der zum Spiegel-Bestseller wurde, den nun  Adrian Goiginger in Deutschland und Österreich verfilmt hat. Auch er ist in Stuttgart vor Ort – ebenso wie Hauptdaristellerin Valerie Pachner, die für ihre herausragende und preiswürdige Darstellung echte Lobeshymne bei der Premiere hört. 

Ein Trauerfilm – aber ohne Kitsch

Was diesen Film so besonders macht: Er verweigert sich jeder billigen Sentimentalität. Goiginger, der bereits mit Filmen wie „Der Fuchs“ Erfolge feierte und dafür den Deutschen Filmpreis, die Lola in Silber, erhielt, erzählt leise, präzise und mit erstaunlicher emotionaler Ehrlichkeit. 
 
Wir sehen eine Frau, die alles verliert – und trotzdem weiterlebt, trotzdem lachen kann. Wenn sie sich an ihren Mann und ihre Kinder erinnert, sagt sie: „Sie waren alles andere als perfekt, aber gerade deshalb war das Leben mit ihnen so schön.“ Auch so ein Satz, der ziemlich nah ans eigene Leben heranführt, wenn man an Streitereien mit dem Partner um Belanglosigkeiten denkt, wo es doch wichtiger wäre, die Liebe als Fundament zu sehen.

Mal wirkt sie gefasst, fast kühl , geradezu  gefühllos. Dann wieder überdreht, fast manisch. Schließlich bricht die Trauer mit voller Wucht durch, dass sich dieser Schmerz auf die Zuschauer überträgt. Man ertappt sich dabei, wie man sich wünscht, dass diese Szene möglichst schnell vorbei ist.

Der Sex mit der Disco-Bekanntschaft im Auto misslingt

 Der Film scheut sich nicht, auch unbequeme, ja fast verstörende Momente zu zeigen: etwa wenn sie verzweifelt versucht, ein neues Kind zu bekommen. In einer Szene nimmt sie eine Disco-Begegnung, einen deutlich  jüngeren Mann,  für schnellen Sex in ihr Auto – ein spontaner, fast verzweifelter Versuch, dem Verlust etwas entgegenzusetzen. Als er ein Kondom benutzen will, zieht sie es weg. Doch die Situation kippt: Der junge Mann ist überfordert, macht an sich rum, aber nichts funktioniert. Die Szene ist peinlich, tragisch – und hat zugleich eine irritierende, fast absurde Komik.

Eine zentrale Rolle spielt Barbaras zweites Ich: die Clownin. Mit roter Nase trat sie schon vor dem Autounfall ihrer Familie in Krankenhäusern auf, brachte Kindern Freude – und genau diese Perspektive wird zu ihrem Rettungsanker. Humor als Überlebensstrategie. Nicht als Verdrängung, sondern als Möglichkeit, das Unfassbare auszuhalten. Dass sie sich nach diesem Trauma in eine therapeutische Behandlung begeben hat, was eigentlich notwendig gewesen wäre, ist im Film nicht zu sehen. Ihre Eigentherapie ist die rote Nase. 

 
Selbst die Beerdigung – die Filmszene ist dem Video, das damals dort gedreht wurde, fast eins zu eins nachempfunden – wird zum Clownsfest. Musik, Lärm, Farben, Lachen, aber auch schwarze Kleidung und Tränen.  Ein Aufbegehren gegen die Dunkelheit.
 
Auch bei der Premiere in Stuttgart setzt sich Barbara Pachl-Eberhart, die heute als Autorin, Coach und Trauerbegleiterin arbeitet und vor neun Jahren erneut Mutter wurde,  ihre rote Nase auf. Man kann in eine andere Rolle schlüpfen, um loszulassen. Das Unglück ereignete sich vor 18 Jahren. Jetzt sei das Drama also volljährig, sagt sie, dürfe hinaus in die Welt – und die Mutter von dieser Last befreien.  

Stuttgart-Verbindungen hinter der Kamera

Für Regisseur Adrian Goiginger ist Stuttgart kein unbekanntes Pflaster. Er studierte an der Filmakademie in Ludwigsburg und gründete gemeinsam mit seinem Kommilitonen Gerrit Klein die Produktionsfirma Giganten. Die beiden sind best buddys. die bei ihrer Leidenschaft für große Geschichten hohe Ansprüche an sich selbst stellen.   
 
Auch „Vier minus drei“ entstand unter ihrer gemeinsamen Arbeit – unterstützt unter anderem von der MFG Baden-Württemberg.
 
 
Die gesamte Crews trägt plötzlich rote Nase beim Fotocall. Foto: Klaus Schnaidt

Kino, das etwas verändert

Kinochef Simon Erasmus freut sich, dass seit Corona gerade auch jüngere Zuschauer wieder verstärkt ins Kino kommen. In Clubs sind sie nicht mehr so häufig anzutreffen. Und dieser Film zeigt,  warum bei den Jungen die Liebe fürs Kino wachgeküsst wurde. Sie lieben Stoffe, die unter die Haut gehen, und sie wollen diese Emotionen gemeinsam erleben.   
 
„Vier minus drei“ ist kein leichter Abend. Aber ein wichtiger. Er zeigt, dass Humor gerade dann zählt, wenn nichts mehr lustig ist.
Dass Trauer nicht alles verdunkelt. 
Und dass selbst nach dem größten Verlust noch so etwas wie Hoffnung existieren kann.
Vielleicht zögern Kinofans, sich diesen Film anzusehen – aus Angst vor der Wucht seiner Geschichte. Doch genau darin liegt seine Stärke. Produzent Gerrit Klein  rechnet damit, „dass viele Menschen aus dem Kino gehen und weitererzählen, wie hoffnungsvoll dieser Film ist“:
 
Warum man diese Film unbedingt sehen soll?   Weil er schmerzt, gleichzeitig tröstet, das eigene Leben in ein neues Licht rückt. Und weil er ein Meisterwerk ist.
 
„Vier minus drei“ startet am 16. April in den Kinos – in Stuttgart exklusiv im Atelier am Bollwerk.
Produzent und Schauspieler Gerrit Klein (links) und Autor Uwe Bogen. Fotoa: Klaus Schnaidt

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