Patrick Mikolaj
CSD 2026 startet am Freitag
Warum die PRIDE in Stuttgart auch eine Reise in ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte ist
6. Juli 2026
Mit dem Empfang im Rathaus beginnt am Freitag die Stuttgart PRIDE. Der CSD erinnert in diesem Jahr an ein lang verdrängtes Kapitel. Eine Studie weist nach, dass in keiner anderen Region in Deutschland die Verfolgung schwuler Männer so stark war wie im Stuttgart der 50er und 60er Jahre.
Mit dem traditionellen Empfang im Rathaus bei Oberbürgermeister Frank Nopper starten am Freitag die CSD-Kulturwochen der Stuttgart PRIDE 2026. Unter dem Motto „Ohne uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark.“ kommen Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kultur und Zivilgesellschaft zusammen. Neben Nopper sprechen unter anderem Landtagsvizepräsidentin Muhterem Aras und die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, Ulrike Groos. Bis zum 26. Juli folgen Kulturveranstaltungen, Diskussionen, die CSD-Demonstration und erstmals eine dreitägige CSD-Hocketse auf dem Markt- und Schillerplatz.
Doch wer heute im Rathaus Vielfalt feiert, sollte sich auch der Geschichte dieses Hauses und dieser Stadt stellen.
Stuttgart war kein Ort der Freiheit
Während der CSD weltweit an den Widerstand gegen Polizeigewalt in der New Yorker Christopher Street erinnert, führt der Blick in die Geschichte Stuttgarts zu einer unbequemen Erkenntnis: Baden-Württemberg gehörte in den 1950er- und 1960er-Jahren zu den Bundesländern mit der schärfsten Verfolgung homosexueller Männer.
Eine aktuelle Studie des Historikers Dr. J. Noah Munier bestätigt, was Initiativen wie „Der-Liebe-wegen“ seit Jahren dokumentieren: Insbesondere Stuttgart nahm bundesweit eine Spitzenstellung bei Ermittlungen und Verurteilungen nach § 175 StGB ein.
Damals wurde Homosexualität nicht nur strafrechtlich verfolgt. Die Stuttgarter Kriminalpolizei arbeitete mit verdeckten Ermittlern, sogenannten V-Männern, Observationen, Razzien sowie umfangreichen Personenkarteien und sogenannten „Rosa Listen“. Betroffene verloren Arbeitsplätze, Wohnungen, gesellschaftliche Anerkennung und nicht selten ihre gesamte Existenz.
Historiker sehen die Ursachen auch in personellen und ideologischen Kontinuitäten nach 1945. Viele Juristen, Polizeibeamte und Verwaltungsmitarbeiter, die bereits während der NS-Zeit tätig gewesen waren, blieben nach dem Krieg im Staatsdienst. Die nationalsozialistischen Vorstellungen über Homosexualität wirkten in Teilen von Justiz und Behörden fort und prägten den Umgang mit homosexuellen Männern noch Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur.
Fritz Bauer kämpfte gegen dieses Unrecht
Kaum ein Jurist steht so sehr für den demokratischen Neuanfang der Bundesrepublik wie Dr. Fritz Bauer. Der in Stuttgart geborene Generalstaatsanwalt machte die Frankfurter Auschwitz-Prozesse möglich und trug entscheidend dazu bei, NS-Verbrechen juristisch aufzuarbeiten.
Weniger bekannt ist sein Einsatz gegen die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer. Bauer kritisierte den § 175 früh als menschenrechtswidrig und stellte sich gegen eine Rechtsprechung, die homosexuelle Menschen weiterhin kriminalisierte.
Genau daran erinnert jetzt eine breite Initiative aus der queeren Community. Gemeinsam fordern die AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, die IG CSD Stuttgart, der LSVD+ Baden-Württemberg und das Weissenburg-Zentrum eine deutlich sichtbarere Würdigung Bauers in seiner Geburtsstadt.
Mehr als 2000 Unterschriften wurden bereits an die Stadt übergeben.
Drei konkrete Forderungen
Die Initiative schlägt vor,
- im Stuttgarter Rathaus dauerhaft an Fritz Bauer und seinen Einsatz gegen das §-175-Unrecht zu erinnern,
- einen zentralen Platz in der Innenstadt nach ihm zu benennen – möglichst in der Nähe des ehemaligen Amtsgerichts, an dem Bauer 1933 von den Nationalsozialisten verhaftet wurde,
- sowie Bildungs- und Erinnerungsprojekte dauerhaft zu fördern.
Nach Angaben der Initiative haben Vertreter der Stadt signalisiert, dem Anliegen grundsätzlich offen gegenüberzustehen. Nun hoffen die Initiatoren auf eine Entscheidung des Gemeinderats.
Erinnerung ist keine Nebensache
Der CSD 2026 steht unter dem Zeichen der Solidarität. Die Veranstalter warnen vor wachsender Queerfeindlichkeit und steigender Hasskriminalität. Sie fordern eine verlässliche Finanzierung queerer Beratungs- und Bildungsangebote sowie einen konsequenten Schutz queerer Menschen.
Gerade deshalb gewinnt der Blick zurück an Bedeutung.
Denn die Geschichte zeigt, dass Diskriminierung nicht nur von extremistischen Gruppen ausgehen kann. In Stuttgart war sie über Jahrzehnte Teil staatlichen Handelns. Polizeibehörden, Justiz und Verwaltung beteiligten sich an der Verfolgung tausender Menschen – legitimiert durch Gesetze, die heute als schweres Unrecht gelten.
Der CSD erinnert deshalb nicht nur an errungene Rechte. Er erinnert auch daran, wie fragil Freiheit und Gleichberechtigung sein können.
Ein Zeichen mit Signalwirkung
Wenn am Freitag die Regenbogenflaggen vor dem Rathaus wehen, beginnt die Stuttgart PRIDE 2026 offiziell. Die Feier steht für Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Doch sie bietet zugleich die Chance, ein lange verdrängtes Kapitel der Stadtgeschichte stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Eine umfassende Würdigung Fritz Bauers – nicht nur als Aufklärer der NS-Verbrechen, sondern auch als früher Gegner des § 175 – wäre weit mehr als eine symbolische Geste. Sie wäre ein Bekenntnis dazu, dass Erinnerung vollständig sein muss.
Gerade Stuttgart, das einst zu den Zentren der staatlichen Verfolgung homosexueller Männer gehörte, könnte damit zeigen, dass aus der Geschichte nicht nur gelernt, sondern Verantwortung übernommen wird.
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