Uwe Bogen
Glosse über ein Trauerspiel
Aus Stuttgart 21 wird jetzt Stuttgart 31 – und der Spott kennt kein Ende
9. Juni 2026
Solange man noch lachen kann, heißt es, ist die Welt noch nicht verloren. Dank der jüngsten Terminverschiebung von Stuttgart 21 zu Stuttgart 31 reiben sich Comedians die Hände. Die nächste Staffel der Gag-Dauerschleife beginnt. EchtStuttgart lacht mit – findet die Pannenserie aber nur noch peinlich.
Was, das Eröffnungsdatum von Stuttgart 21 wird verschoben? Seid ihr auch alle so überrascht gewesen, als diese Schockmeldung am Montag durchs Land ging? Das Team von EchtStuttgart war echt fassungslos. Das kann doch nicht sein! Wieder eine Verzögerung? Wer hätte damit rechnen können?
Natürlich niemand. Außer jeder, der die Geschichte dieses Projekts seit Jahrzehnten verfolgt. Wir erleben immer dieselbe Endlosschleife: neuer Termin, neue Versprechungen der Bahn, neue Verschiebung.
So vorhersehbar ist das alles geworden, dass selbst die alten Protestaufkleber mit dem rot durchgestrichenen „Stuttgart 21“ im Netz korrigiert sind. Aus „Stuttgart 21“ ist dort längst „Stuttgart 31″ geworden. Noch ist das als Witz gemeint. Aber bei diesem Projekt weiß man nie, wie lange eine Pointe braucht, um von der Realität eingeholt zu werden.
Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) spricht von einer „Hiobsbotschaft“ und ruft Bahnchefin Eveyln Palla dazu auf, „Tabula rasa“ zu machen und mit „schonungsloser Offenheit“ aufzeigen, was jetzt schon wieder alles falsch gelaufen sei. So scharf hat Nopper noch nie das Projekt genannt und nennt die Entwicklung ein „Fiasko“ Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) warnt davor, dass S 21 endgültig „zur Lachplatte“ werden könne – dies dürfe nicht sein, dass die Nation über Baden-Württemberg deshalb lacht.
Die alten Witze feiern ihr Comeback
Doch erst einmal feiern die alten Witze ihr Comeback und werden um neue ergänzt.
Wie erkennt man einen Optimisten?
Er glaubt an den Wetterbericht.
Wie erkennt man einen Super-Optimisten?
Er glaubt an den Eröffnungstermin von Stuttgart 21.
Der Witz ist nicht neu. Er wird nur regelmäßig aktualisiert. Jetzt also wieder: 2031 soll es fertig sein. Soll man darüber lachen? Ganz egal, welches Datum uns als Bauziel genannt wird – niemand glaubt mehr ernsthaft daran.
Stuttgart 21 ist längst zu einem eigenen Humor-Genre geworden. Wenn immer wieder eine neue Jahreszahl öffentlich wird, klingt das wie der verzweifelte Versuch, einen längst laufenden Running Gag zu verlängern. Stuttgart 21 ist längst kein Bauprojekt mehr. Es ist ein Comedy-Universum mit eigener Dramaturgie: Ankündigung – Verschiebung – Staub – neue Ankündigung.
Und die Pointe schreibt sich dabei von selbst – nämlich durch die Realität.
Der Comedian Fabi Rommel verriet mal, er habe damals dafür abgestimmt – frisch 18, in einem schwäbischen Dorf. Dann hieß es: Du musst über den Bahnhof abstimmen. Und er dachte sich: Ja.
Keine Ahnung habe er gehabt, dass dieser Bahnhof, für den er als junger Kerl gestimmt hat, eine ganze Generation traumatisieren würde.
Ein Bahnhof oder ein Banksy-Projekt?
Hier nun weitere Beispiele aus der Vergangenheit, die nun wieder aktuell wirken:
Hazel Brugger etwa fragte:
„Ist das ein Bahnhof oder ein Banksy-Projekt?“
Sie spielt damit genau auf den Eindruck an, dass der neue Hauptbahnhof eher wie ein absurdes Kunst- und Dauerbaustellen-Experiment wirkt, als wie funktionierende Infrastruktur.
John Cleese von Monty Python postete ein Foto aus seinem Hotelzimmer mit Blick auf die Dauerbaustelle und erklärte, in Stuttgart bleibe er lieber drinnen und gehe nicht spazieren.
Dieser Weg zum Zug fühle sich weniger nach Bahnhof und mehr nach Trekkingtour an. Das hat ein Nutzer der Wander-App „Komoot“ so ernst genommen, dass er die Strecke als „Wanderweg“ eingetragen hat. Inklusive Fotos, Nord- und Südroute. Rund 1,1 Kilometer, 17 Minuten Gehzeit:
Einfache Wanderung. Für alle Fitnesslevel. Leicht begehbare Wege. Kein besonderes Können erforderlich.
Man könnte diese Reihe nahezu endlos fortsetzen. Stuttgart 21 versorgt eine ganze Generation von Comedians mit Material – und vermutlich auch die nächste. Es ist ein Thema, das sich durch die Jahre zieht: Der Vater, der seinem Sohn 2010 erklärt, warum die Bahn so lange baut, erklärt es heute seinem Enkel. The Never-Ending Story.
Das ist peinlich. VERDAMMT PEINLICH! DIE BAHN LIEFERT STÄNDIG NEUE VORLAGEN, DASS DAS GANZE LAND ÜBER UNS LACHT.
Das Projekt ist seit Jahren zuverlässig als Beispiel dafür bekannt, wie man Zeitpläne, Erwartungen und öffentliche Geduld gleichzeitig überstrapaziert – und sich dabei immer wieder selbst zum nationalen und internationalen Spottmotiv macht.
Wenn mal doch alles fertig wird, ist die Technik veraltet
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses Projekts: dass es längst nicht mehr nur um Gleise, Tunnel und Termine geht, sondern um ein Versprechen, das sich immer wieder selbst vertagt. Stuttgart 21 ist damit weniger ein Bauvorhaben als eine chronische Krankheit geworden – eine, die sich jedes Jahr neu ankündigt und jedes Jahr wieder entzieht. Und solange das so bleibt, bleibt auch der Witz stabil: nicht, weil er neu ist, sondern weil er nie aufhört, wahr zu sein.
Und wenn dann doch einmal alles fertig wird – die heutigen Entscheidungsträger lassen sich dann vermutlich von ihren ungarischen Pflegerinnen im Rollstuhl zur Eröffnung schieben – könnte die Pointe lauten: „Sorry, inzwischen ist die verbaute Technik veraltet, alles muss wieder rausgerissen und erneuert werden.“
Und alles fängt von vorne an.
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