Uwe Bogen
Finale auf dem Weissenhof in Stuttgart
Am Ende regnet es wieder – aber Glitter: Ben Shelton krönt eine starke Woche bei den Boss Open
14. Juni 2026
Goldener Konfettiregen statt Regentropfen: Beim Finale der Boss Open erlebt Stuttgart einen perfekten Tennistag. Ben Shelton triumphiert nach einem packenden Drei-Satz-Match und lobt das Publikum. Unser Reporter berichtet, was sonst noch los war: Boris Becker, Matratzenwerbung und Videos auf der Klotür.
Am Ende fliegen goldene Glitterblättchen über den Centre Court. Der Wind trägt sie höher und höher, bis sie fast über den höchsten Punkt des Weissenhofs hinwegzutanzen scheinen. Die Konfettikanone feuert. Die Sonne scheint.
Wenigstens regnet es jetzt nur noch Konfetti.
Nach drei wetterbedingt schwierigen Turniertagen ist das Finale der Boss Open 2026 genau das, was sich die Organisatoren gewünscht haben: großes Tennis vor großer Kulisse. Und ich habe einen Platz ergattert, der kaum besser sein könnte. Ganz oben auf der Tribüne, direkt neben den Kabinen der Fernsehsender.
Immer wieder kommen Fotografen herauf. Nicht nur, um ihrer Arbeit nachzugehen und Fotos zu machen. Sie genießen das Panorama. Von hier oben reicht der Blick weit über Stuttgart hinaus. Über die Dächer der Stadt, über grüne Hänge und Täler, bis ins Remstal und zu den Hügeln am Horizont.
Der Fotograf schwärmt: „Mann, ist Stuttgart schön“
Einer der Fotografen bleibt einen Moment stehen, schaut hinaus und schüttelt fast ungläubig den Kopf.
„Mann, ist Stuttgart schön.“
Es ist sein erstes Mal bei den Boss Open.
Und tatsächlich: Kaum ein anderer Ort verbindet Spitzensport und Landschaft so eindrucksvoll wie der Weissenhof.
- KLICKT HIER ZU UNSEREM VIDEO VOM KONFETTIREGEN:
Doch mindestens genauso schön ist an diesem Nachmittag das Finale selbst.
Auf dem Platz stehen der topgesetzte Taylor Fritz und Ben Shelton, die Nummer fünf der Weltrangliste. Es wird die erwartete enge Partie. Shelton zeigt einmal mehr, warum er in dieser Woche so viele Fans gewonnen hat. Schon auf seinem Weg ins Finale musste der 23-Jährige jedes seiner Matches über drei Sätze bestreiten. Kein Spaziergang, sondern Schwerstarbeit gegen starke Gegner.
Auch das Finale geht über die volle Distanz.
Shelton kämpft, rennt, serviert und feuert sich immer wieder selbst an. Als der letzte Ballwechsel entschieden ist, fällt die Anspannung von ihm ab. Bevor er sich den offiziellen Gratulationen widmet, geht er zunächst zu seiner Freundin Trinity Rodman, der Fußball-Olympiasiegerin, die eigens aus Brasilien nach Stuttgart gereist ist.
Ein sehr persönlicher Moment inmitten eines großen Sportereignisses.
Danach gehören die Bühne und der Applaus den beiden Finalisten.
„The best crowd“, ist aus den Lautsprechern zu hören.
Das Publikum auf dem Weissenhof hat Eindruck hinterlassen. Die Zuschauer tragen die Spieler durch die Partien, bleiben auch an Regentagen dem Turnier treu und sorgen für jene besondere Atmosphäre, die die Boss Open von vielen anderen Turnieren unterscheidet Für den Sieger im Einzel gibt es 116.855 €.
Denn die Boss Open sind längst mehr als nur Tennis.
Auf den Klotüren laufen Werbevideos
Tagsüber Weltklassespieler auf dem Centre Court, abends Partystimmung mit DJ auf der Anlage. Selbst der Gang zur Toilette wird zum kleinen Erlebnis. Auf Bildschirmen in den Kabinentüren der Toiletten laufen Werbevideos.
Und während der Spielpausen läuft auf dem Centre Court immer wieder Musik. DJ Ötzi etwa bringt vom Band viele Zuschauer zum Klatschen und Tanzen. Dazwischen flimmert Werbung über die Videowände. Unter anderem für Matratzen. Und das beim Sport. Matratzensport?
Nach dieser kräftezehrenden Woche dürfte Ben Shelton tatsächlich froh sein, sich bald auf einer besonders guten Matratze ausstrecken zu können.
Körperlich hat ihm das Turnier alles abverlangt.
Zum Finale ist reichlich Prominenz erschienen. Tennis-Legende Boris Becker fällt mit weißem Anzug und hellem Sommerhut sofort ins Auge. Fußball-Weltmeister Lothar Matthäus sitzt in Reihe eins bei Turnierdirektor Edwin Weindorfer. Ebenso unter den Gästen: Bonita Grupp von Trigema und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper.
Dessen Besuch hat durchaus eine politische Note. Erst vor wenigen Tagen hatte Turnierdirektor Edwin Weindorfer die Stadt öffentlich kritisiert, weil sie das Turnier aus seiner Sicht finanziell zu wenig unterstütze. Aber wie soll das gehen bei einer leeren Stadtkasse?
Die Diskussion dürfte weitergehen. Am Finaltag aber steht etwas anderes im Mittelpunkt.
Über 50.000 Besucher in der Turnierwoche
Die Veranstalter ziehen eine positive Bilanz. Trotz dreier Regentage kamen mehr als 50.000 Besucherinnen und Besucher auf die Anlage. Die Verantwortlichen sprechen von einer außergewöhnlichen Turnierwoche. Hugo-Boss-Chef Daniel Grieder betont die internationale Strahlkraft der Veranstaltung. Weindorfer verweist auf eines der stärksten ATP-250-Felder weltweit und auf die besondere Atmosphäre, die Spieler und Fans gleichermaßen schätzen.
Wer an diesem Sonntag auf dem Weissenhof war, konnte verstehen, was damit gemeint ist.
Wir haben so etwas wie ein Stuttgarter Frühsommermärchen mit Weltklassetennis erlebt, mit Spannung und Mitfiebern, guter Musik, großartigen Ausblicken und einem verdienten Sieger.
Und als die goldenen Konfettiblätter vom Wind davongetragen werden, wirkt es fast so, als würde Stuttgart seinem Champion noch ein letztes Mal zuwinken.
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