Uwe Bogen
Kommentar
Stuttgart im Stresstest – und warum wir trotzdem unsere Stadt lieben
13. Juni 2026
Immer neue Pannen bei Stuttgart 21, die Autokrise und massive Sparzwänge durch leere Kassen. Was nur ist mit der einst stolzen und erfolgreichen Stadt los? Und doch gibt es viele Gründe, Stuttgart zu lieben, findet unser Kommentator. Denn Stuttgart hat mehr Stärken als Probleme.
Noch immer ist kein Licht am Ende des sich immer weiter verdunkelnden Tunnels zu sehen. Die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 bis mindestens 2031, die explodierenden Kosten und die immer neuen Pannenmeldungen – zuletzt wegen falsch verlegter Kabel – machen viele Menschen in dieser Stadt wütend. Zu Recht. Selbst Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU), lange Zeit ein überzeugter Befürworter des Projekts, spricht inzwischen von einem „Fiasko“. Ein Wort, das die Stimmung vieler Stuttgarterinnen und Stuttgarter trifft: Die Geduld ist am Ende.
Auf das „Fiasko“ des Oberbürgermeisters folgte die Rede von der „Lachplatte“ des Ministerpräsidenten. Auch Cem Özdemir (Grüne) findet es alles andere als lustig, dass die Bahn offenbar alles daransetzt, Stuttgart bundesweit zur Negativschlagzeile zu machen.
Die Politik findet inzwischen deutliche Worte. Die Gegner des Projekts haben lange Druck gemacht, stießen bei Entscheidungsträgern häufig auf taube Ohren. Jetzt wird selbst die Wortwahl des Oberbürgermeisters deutlich schärfer.
Stuttgart 21 ist die nicht die einzige Belastung
Denn Stuttgart 21 verlangt dieser Stadt seit Jahren enorm viel ab. Es kostet Nerven, Zeit, Geld und Vertrauen. Die endlose Serie von Verzögerungen, Planungsfehlern und Kommunikationspannen ist kaum noch zu ertragen. Die Verantwortlichen müssen endlich transparent erklären, was schiefgelaufen ist. Fehler gehören aufgearbeitet, Verantwortlichkeiten benannt und Konsequenzen gezogen. Durchhalteparolen reichen längst nicht mehr aus.
Doch die Bahn ist nicht die einzige Belastung. Die Krise in der Automobilindustrie, Arbeitsplätze in Gefahr, leere Kassen der Stadt und Sparzwänge in bisher ungekanntem Ausmaß – viele fragen sich nun: Was ist nur mit unserer einst so stolzen und erfolgreichen Stadt los?
Und trotzdem: Wer Stuttgart wirklich liebt, muss nicht verzweifeln.
Gerade in schwierigen Zeiten lohnt sich der Blick auf das, was diese Stadt ausmacht. Stuttgart war nie die Stadt der einfachen Wege. Vielleicht ist sie gerade deshalb so besonders. Viele der Probleme, die auf Stuttgart einschlagen, sind nicht hausgemacht. Sie treffen uns von außen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, was passiert – sondern wie wir damit umgehen.
Vielleicht können wir vom Fußball lernen. Echte Fans halten zu ihrem Verein, wenn es läuft – aber vor allem dann, wenn es nicht läuft. Sie diskutieren leidenschaftlich, kritisieren deutlich und fordern Veränderungen. Doch sie wenden sich nicht ab. Genau diese Haltung braucht Stuttgart jetzt.
An vielen Orten ist Stuttgart wie Urlaub
Denn Stuttgart ist so viel mehr als Ärger mit einem Bahnprojekt oder die aktuelle Wirtschaftslage. Stuttgart sind die Weinberge mitten in der Stadt, die es weltweit kaum ein zweites Mal gibt. Stuttgart sind Hügel, wunderbare Panoramaaussichten und idyllische Flussfahrten auf dem Neckar – an vielen Orten ist die Stadt wie Urlaub. Stuttgart ist die einzigartige Mischung aus Großstadt und Natur, aus urbanem Leben und grünen Rückzugsorten. Es die hohe Lebensqualität, die kulturelle Vielfalt, eine attraktive Gastronomie, tolle Clubs, Champions League beim Fußballl, Ballett und Jazz Open. Stuttgart sind die Menschen, die diese Stadt jeden Tag prägen.
Stuttgart ist Heimat.
Und die lassen wir uns nicht kaputtmachen.
Stuttgart braucht beides: Menschen, die Missstände klar benennen – und Menschen, die trotzdem an ihre Stadt glauben.
Stuttgart-Liebe zeigt sich nicht nur in guten Zeiten
Echte Stuttgarterinnen und Stuttgarter, denen wir mit unserem Magazin eine Plattform geben wollen, erkennt man nicht daran, dass sie alles gut finden. Man erkennt sie daran, dass sie sich einmischen, streiten, kritisieren und Verbesserungen einfordern – und an ihre Stadt glauben.
Denn Liebe zeigt sich nicht in den guten Zeiten. Liebe zeigt sich dann, wenn es schwierig wird.
AKTUELLES

Was „Sloggi“ backstage erlebte: Das Konzert der Rolling Stones vor 50 Jahren im Neckarstadion
Jetzt sind es genau 50 Jahre her: Die Rolling Stones haben am 19. Juni 1976 ihr legendäres Konzert im Neckarstadion in Stuttgart gegeben. Der langjährige Boa-Chef Werner „Sloggi“ Find war damals sogar backstage dabei. Im Gespräch mit EchtStuttgart berichtet er von Highlights, die er nie vergisst.

„Albaner bei der Polizei? Klingt lustig“ – Luan gewinnt Kleinkunstpreis
„Glaub halt net!“ lautet das Motto von Luan. Mal ist er Polizist, mal Comedian – das eine ergänzt das andere ganz gut. Nun ist der albanische Schwabe auch noch Träger des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg. Noch ein zweiter Stuttgarter wird ausgezeichnet – Jochen Prang, dem Humor lieber ist als Verzweiflung.

Schöner Berg, aber – ein Stadtteil kämpft um seine Himmelfahrtskirche
Ein Transparent vor der Kirche, Plakate im ganzen Stadtteil: In Schönberg wächst die Sorge um die Zukunft der 1958 eröffneten Himmelfahrtskirche. Nachdem sich die Kirchengemeinde zurückgezogen hat und die Stadt den Geldhahn zudreht, kämpfen die Bürger gegen den drohenden Verlust ihres sozialen Zentrums.

So schön soll das neue Cavos im SI-Centrum werden
Was EchtStuttgart Ende April bereits exklusiv berichtet hat, ist nun offiziell bestätigt: Der Partygrieche Cavos wird Anfang 2027 neuer gastronomischer Partner der Spielbank. Bei einer Pressekonferenz stellten die Beteiligten die Pläne vor: So schön soll’s auf den Fildern werden.