Uwe Bogen

Kommentar

Stuttgart im Stresstest – und warum wir trotzdem unsere Stadt lieben

13. Juni 2026

Immer neue Pannen bei Stuttgart 21, die Autokrise und massive Sparzwänge durch leere Kassen. Was nur ist mit der einst stolzen und erfolgreichen Stadt los? Und doch gibt es viele Gründe, Stuttgart zu lieben, findet unser Kommentator. Denn Stuttgart hat mehr Stärken als Probleme.

Stuttgart hat wunderbare Aussichen wie hier auf dem Birkenkopf. Foto: Patrick Mikolaj

Noch immer ist  kein Licht am Ende des sich immer weiter verdunkelnden Tunnels zu sehen. Die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 bis mindestens 2031, die explodierenden Kosten und die immer neuen Pannenmeldungen – zuletzt wegen falsch verlegter Kabel – machen viele Menschen in dieser Stadt wütend. Zu Recht. Selbst Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU), lange Zeit ein überzeugter Befürworter des Projekts, spricht inzwischen von einem „Fiasko“. Ein Wort, das die Stimmung vieler Stuttgarterinnen und Stuttgarter trifft: Die Geduld ist am Ende.

Auf das „Fiasko“ des Oberbürgermeisters folgte die Rede von der „Lachplatte“ des Ministerpräsidenten. Auch  Cem Özdemir (Grüne) findet es alles andere als lustig, dass die Bahn offenbar alles daransetzt, Stuttgart bundesweit zur Negativschlagzeile zu machen.

Die Politik findet inzwischen deutliche Worte. Die Gegner des Projekts haben lange Druck gemacht, stießen bei Entscheidungsträgern häufig auf taube Ohren. Jetzt wird selbst die Wortwahl des Oberbürgermeisters deutlich schärfer.

Stuttgart 21 ist die nicht die einzige Belastung

Denn Stuttgart 21 verlangt dieser Stadt seit Jahren enorm viel ab. Es kostet Nerven, Zeit, Geld und Vertrauen. Die endlose Serie von Verzögerungen, Planungsfehlern und Kommunikationspannen ist kaum noch zu ertragen. Die Verantwortlichen müssen endlich transparent erklären, was schiefgelaufen ist. Fehler gehören aufgearbeitet, Verantwortlichkeiten benannt und Konsequenzen gezogen. Durchhalteparolen reichen längst nicht mehr aus.

Doch die Bahn  ist nicht die einzige Belastung. Die Krise in der Automobilindustrie, Arbeitsplätze in Gefahr, leere Kassen der Stadt und Sparzwänge in bisher ungekanntem Ausmaß – viele fragen sich nun: Was ist nur mit unserer einst so stolzen und erfolgreichen Stadt los?

Und trotzdem: Wer Stuttgart wirklich liebt, muss nicht verzweifeln.

Der Blick von der Grabkapelle ist großartig. Foto: Patrick Mikolaj

Gerade in schwierigen Zeiten lohnt sich der Blick auf das, was diese Stadt ausmacht. Stuttgart war nie die Stadt der einfachen Wege. Vielleicht ist sie gerade deshalb so besonders. Viele der Probleme, die auf Stuttgart einschlagen, sind nicht hausgemacht. Sie treffen uns von außen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, was passiert – sondern wie wir damit umgehen.

Vielleicht können wir vom Fußball lernen. Echte Fans halten zu ihrem Verein, wenn es läuft – aber vor allem dann, wenn es nicht läuft. Sie diskutieren leidenschaftlich, kritisieren deutlich und fordern Veränderungen. Doch sie wenden sich nicht ab. Genau diese Haltung braucht Stuttgart jetzt.

An vielen Orten ist Stuttgart wie Urlaub

Denn Stuttgart ist so viel mehr als Ärger mit einem  Bahnprojekt oder die aktuelle Wirtschaftslage. Stuttgart sind die Weinberge mitten in der Stadt, die es weltweit kaum ein zweites Mal gibt. Stuttgart sind Hügel, wunderbare  Panoramaaussichten und idyllische Flussfahrten auf dem Neckar  –  an vielen Orten ist die Stadt wie Urlaub. Stuttgart ist die einzigartige Mischung aus Großstadt und Natur, aus urbanem Leben und grünen Rückzugsorten. Es die hohe Lebensqualität, die kulturelle Vielfalt, eine attraktive  Gastronomie, tolle Clubs, Champions League beim Fußballl, Ballett und Jazz Open. Stuttgart sind die Menschen, die diese Stadt jeden Tag prägen.

Stuttgart ist Heimat.

Und die lassen wir uns nicht kaputtmachen.

Der Sanitago-de-Chile-Platz bietet eine der schönsten Aussichten auf den Kessel. Foto: Patrick Mikolaj

Stuttgart braucht beides: Menschen, die Missstände klar benennen – und Menschen, die trotzdem an ihre Stadt glauben.

Stuttgart-Liebe zeigt sich nicht nur in guten Zeiten

Echte Stuttgarterinnen und Stuttgarter, denen wir mit unserem Magazin eine Plattform geben wollen, erkennt man nicht daran, dass sie alles gut finden. Man erkennt sie daran, dass sie sich einmischen, streiten, kritisieren und Verbesserungen einfordern – und an ihre Stadt glauben.

Denn Liebe zeigt sich nicht in den guten Zeiten. Liebe zeigt sich dann, wenn es schwierig wird.

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