Uwe Bogen

Bürgergeist in Schönberg

Schöner Berg, aber – ein Stadtteil kämpft um seine Himmelfahrtskirche

18. Juni 2026

Ein Transparent vor der Kirche, Plakate im ganzen Stadtteil: In Schönberg wächst die Sorge um die Zukunft der 1958 eröffneten Himmelfahrtskirche. Nachdem sich die Kirchengemeinde zurückgezogen hat und die Stadt den Geldhahn zudreht, kämpfen die Bürger gegen den drohenden Verlust ihres sozialen Zentrums.

Schönberg kämpft um die Kirche. Foto: Uwe Bogen

Von außen wirkt Schönberg wie eine Insel der Zufriedenheit. Schöne Einfamilienhäuser, gepflegte Gärten, eine begehrte Wohnlage. Die Einkommen liegen hier über dem Stadtdurchschnitt. Wer den Stadtteil nur flüchtig betrachtet, könnte meinen: Hier fehlt es an nichts.

Doch wer hier lebt, weiß: Schönberg ist kein Stadtteil mit einer gewachsenen Infrastruktur. Es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten und nur wenige öffentliche Treffpunkte. Für viele Besorgungen müssen die Bewohner in die benachbarten Stadtteile fahren.

Die Kirche ist zum Bürgerzentrum geworden

Umso wichtiger ist ein Ort geworden, der ursprünglich als Kirche gebaut wurde und heute als Treffpunkt für den gesamten Stadtteil dient: die 1958 eingeweihte Himmelfahrtskirche. Die Wände sind aus rotbraunem Backstein, die zeltartige Decke aus Holz  wirkt durch ihre vielen kleinen Lichter wie ein Sternenhimmel.  Gebaut hat die Kirche ein Schönberger Architekt, Regierungsbaumeister Erwin Rohrberg, dem Stuttgart außer der Himmelfahrtskirche auch die Rosenberg- und die Auferstehungskirche verdankt.

Wer derzeit am Gebäude vorbeikommt, kann die Sorge der Bewohner kaum übersehen. Ein großes Transparent steht im Garten:

„Schöner Berg, aber … Damit es so bleibt, brauchen wir jetzt deine Unterstützung.“

Mit dieser Botschaft werben Plakate im gesamten Stadtteil für den Erhalt des Areals.

So schön ist's in der Himmelfahrtskirche bei Veranstaltungen im Inneren. Foto: Baumgärtner

Die evangelische Kirchengemeinde hat den Standort aufgegeben. Doch das Gebäude lebt weiter.

Heute treffen sich hier Vereine, Initiativen und Nachbarn. Veranstaltungen finden statt wie an diesem Samstag um 20 Uhr: In der Konzertreihe „Sounds of Schönberg“, von Birgit Baumgärtner und Jean Christophe Blavier dreimal im Jahr organisiert, tritt das Uli Wedlich Trio auf mit „modernen Kunstliedern zwischen Poesie und Gegenwart“. 

Immer mehr Kirchen, ob katholisch oder evangelisch, schließen und werden profaniert. Hauptgrund dafür sind  sinkende Mitgliederzahlen.

Für die Kirchengemeinde Plieningen-Birkach mit etwa 5000 Gemeindegliedern waren dauerhaft mehrere Kirchenstandorte nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. Neben der denkmalgeschützten Martinskirche in Plieningen und der Franziskakirche in Birkach galt die Aufgabe der Himmelfahrtskirche schon seit Jahren als wahrscheinlich.

Für die Schönberger stellte sich danach allerdings eine andere Frage: Was wird aus einem Gebäude, das längst mehr ist als eine Kirche?

Gemeinnütziger Verein will Betrieb des Gebäudes dauerhaft sichern

Um den Standort zu erhalten, gründerten engagierte Bürger das „Forum im Schönberg“. Der gemeinnützige Verein möchte den Betrieb der Gebäude und des Spielplatzes dauerhaft sichern.

Lange hofften die Verantwortlichen auf Unterstützung durch die Stadt Stuttgart. Der Finanzbedarf wurde frühzeitig angemeldet, und die Erwartungen an den Doppelhaushalt 2026/27 waren groß.

Doch Ende 2025 kam die Absage.

Das Uli Wedlich Trio spielt am Samstag in der Kirche. Foto: privat

Die Stadt begründete dies mit ihrer schwierigen Haushaltslage und sinkenden Steuereinnahmen. Auch der Status von  Schönberg als Pilotprojekt für soziale Quartiersentwicklung brachte keine finanzielle Hilfe. Zwar unterstützt die Stadt das Projekt personell, ein Budget für den Erhalt der Anlage steht jedoch nicht zur Verfügung.

Damit liegt die Verantwortung nun weitgehend bei den Bürgerinnen und Bürgern selbst.

30.000 Euro pro Jahr

Die Herausforderung ist überschaubar und gleichzeitig groß.

Etwa 30.000 Euro werden jährlich benötigt, um Erbpacht, Heizung, Strom, Wasser, Versicherungen, Reinigung und kleinere Reparaturen zu finanzieren. Größere Sanierungsmaßnahmen sind darin noch nicht enthalten.

Einnahmen erzielt das Forum im Schönberg durch Vermietungen an Vereine, eine Tanzschule und Seminaranbieter. Hinzu kommen Mitgliedsbeiträge und Spenden. Sämtliche Vorstandsmitglieder und Helfer arbeiten ehrenamtlich.

Dennoch reicht das Geld bisher nicht aus, um den Betrieb dauerhaft zu sichern.

In Schönberg hängen nun viele Plakate.

Was passiert, wenn die Rettung scheitert?

Das Szenario, über das niemand gern spricht, ist dennoch real.

Die Gebäude gehören weiterhin der Kirchengemeinde Plieningen-Birkach, das Grundstück der Evangelischen Pfarreistiftung Württemberg. Sollte das Projekt langfristig scheitern, könnte das Gelände in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden.

Das würde bedeuten: Die ehemalige Himmelfahrtskirche, der Spielplatz und das frühere Kindergartengebäude würden abgerissen.

Nach einer möglichen Umwidmung des Grundstücks könnte dort Wohnbebauung entstehen.

Mehr als nur ein Gebäude

Der Kampf um die ehemalige Himmelfahrtskirche ist längst kein kirchliches Thema mehr.

Es geht um die Zukunft eines Ortes, der für viele Bewohner zur sozialen Mitte des Schönbergs geworden ist. In einem Stadtteil ohne Einkaufsmöglichkeiten,  mit nur wenigen öffentlichen Begegnungsorten, erfüllt das Areal heute Funktionen, die andernorts Bürgerhäuser oder Stadtteilzentren übernehmen.

Deshalb verstehen viele Schönberger die aktuelle Debatte auch als Frage nach der Verantwortung für das gesellschaftliche Leben im Quartier. Während die Stadt aus finanziellen Gründen nicht helfen kann und die Kirchengemeinde sich bereits zurückgezogen hat, versuchen die Bürger nun selbst, ihren wichtigsten Treffpunkt zu retten.

In Schönberg engagieren sich viele ehrenamtlich, sammeln Spenden und werben mit Bannern und Plakaten für Unterstützung.

Denn was hier erhalten werden soll, ist nicht in erster Linie eine Kirche.

Sondern ein Ort, an dem Nachbarschaft, Ehrenamt und Gemeinschaft überhaupt erst möglich werden

Das große Transparent vor dem Gebäude bringt diese Hoffnung auf den Punkt:

„Schöner Berg, aber … Damit es so bleibt, brauchen wir jetzt deine Unterstützung.“

 

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