Uwe Bogen

Hitzige Debatte in Stuttgart

CSD nennt Jens Spahn „scheinheilig“ – CDU-Kreischef lehnt Leihmutterschaft ab

17. Juli 2026

Jens Spahns Babyglück mit einer Leihmutter in den USA sorgt auch in Stuttgart für Wirbel. EchtStuttgart hat bei dem CSD-Verein, prominenten Stimmen der queeren Community und der CDU nachgefragt – die Reaktionen reichen von scharfer Kritik bis zur Zustimmung.

Der Vorstand des Stuttgarter CSD-Vereins wirft Jens Spahn "Scheinheiligkeit" vor. Foto: IG CSD

Mit deutlichen Worten reagiert der Vorstand des Stuttgarter CSD-Vereins  auf das Babyglück von CDU-Politiker Jens Spahn und seinem Ehemann. Auf Anfrage von EchtStuttgart erklärt eine Sprecherin der Pride, dass sie sich grundsätzlich über mehr Aufmerksamkeit für das Thema Leihmutterschaft freun. Schließlich betreffe dieses nicht nur queere Familien, sondern alle Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch.

Kritisch sehen die CSD-Veranstalter jedoch den Widerspruch zwischen Spahns früherer politischen Haltung und seinem privaten Handeln. Spahn habe sich als schwuler Politiker in Deutschland aktiv gegen die Leihmutterschaft positioniert und nutze nun selbst die Möglichkeit, mithilfe einer Leihmutter in den USA eine Familie zu gründen.  „Das ist nicht nur scheinheilig, sondern auch respektlos gegenüber allen Menschen, die diese Möglichkeit nicht haben“, heißt es in der Stellungnahme der Pride-Veranstalter.

„Wer bin ich, das zu verurteilen“, sagt Wommy

Auch in der Stuttgarter Community wird das Thema kontrovers diskutiert. Travestiekünstler Michael Panzer, alias Frl. Wommy Wonder, betont gegenüber EchtStuttgart, dass er Leihmutterschaft grundsätzlich offen gegenüberstehe. In seinem persönlichen Umfeld kenne er mehrere Paare, denen dieser Weg den lang ersehnten Kinderwunsch erfüllt habe. Diese hätten lange über ihre Entscheidung nachgedacht, viel Geld gespart und sich intensiv vorbereitet. „Wer bin ich, das zu verurteilen“, sagt Panzer.

Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen Jens Spahns frühere politische Positionen. „Was ich bei ihm aber kritisiere und doppelmoralig-widerlich finde: Jahrelang hat er sich politisch gegen Leihmütter ausgesprochen und sich – auch und gerade als Schwuler – moralisch distanziert.“ Wenn Spahn nun selbst das nutze, was er anderen verwehren wollte, stoße seine Glaubwürdigkeit an Grenzen. Mit Blick auf dessen politische Karriere ergänzt Panzer: „Spätestens seit Corona wissen wir: Bei Spahn ist alles möglich, wenn es dem eigenen Gusto dient. Da muss man sich von Ethik und Moral nicht bremsen lassen. Von Glaubwürdigkeit schon gar nicht.“

„Schwulen-Mutter“ unterstützt Leihmutterschaft

Eine ganz andere Sicht vertritt die Stuttgarter Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit, die sich seit Jahrzehnten für die Rechte queerer Menschen einsetzt und vielen als „Schwulen-Mutter“ bekannt ist. Sie unterstützt die Möglichkeit der Leihmutterschaft ausdrücklich. Diese sei seit der Antike bekannt und könne für Menschen mit Kinderwunsch ein wichtiger Weg zur Familiengründung sein.

Gerade homosexuellen Männern sollte diese Möglichkeit nicht verwehrt werden, sagt Halding-Hoppenheit. Aus ihrer Erfahrung seien schwule Männer häufig besonders fürsorgliche und liebevolle Väter. Sie kenne mehrere Familien, in denen Kinder das größte Glück seien. Kritik an der Leihmutterschaft werde ihrer Ansicht nach vor allem dann laut, wenn homosexuelle Paare betroffen seien. Bei heterosexuellen Paaren werde darüber deutlich seltener diskutiert. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: „Alles, was Menschen glücklich macht, soll erlaubt sein.“

Wie der Stuttgarter CDU-Kreischef Mörseburg  auf seinen Parteifreund Spahn reagiert

Der CDU-Kreisvorsitzende Maximilian Mörseburg trennt, wie er auf unsere Anfrage betont,  zwischen seinen Glückwünschen an Jens Spahn und seiner Haltung zur Leihmutterschaft. „Kinder sind ein großes Geschenk, und ich wünsche Jens Spahn mit seiner Familie alles Glück“, sagt Mörseburg gegenüber EchtStuttgart.

An seiner persönlichen Haltung ändere das jedoch nichts. Kommerzielle Leihmutterschaft lehne er weiterhin ab – ebenso wie die CDU in ihrer offiziellen Beschlusslage und die derzeitige Rechtslage in Deutschland. „Meine persönliche Meinung dazu wird sich auch nicht ändern, weil Spahn diese Regelung umgangen hat“, betont Mörseburg. Zugleich schränkt er ein: „Für die CDU Deutschlands kann ich hingegen nicht sprechen.“

CDU-Bezirksbeirätin Anni Hoyer vom Vorstand der CDU-Nord versteht das „Unverständnis“ und die Debatte, die entstanden ist. Dies sei sicher nicht zum Vorteil in seiner Position.
Sie würde es begrüßen, wenn sich Jens Spahn nicht nun dazu öffentlich äußern würde.

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Illustration von Stuttgart
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