Uwe Bogen
Initiative "Der Liebe wegen" am Ziel
Ein Platz für Nazi-Jäger Fritz Bauer: Stuttgart setzt kurz vor der Pride-Demo ein Zeichen
17. Juli 2026
Der schwule Nazi-Jäger und Jurist Fritz Bauer soll einen Platz im Gerichtsviertel erhalten. Kurz vor der Pride-Demo setzt die Stadt ein Zeichen. Es ist die späte Ehre des gebürtigen Stuttgarters, für die sich eine Initiative jahrelang eingesetzt hat.
Wir schreiben das Jahr 1957 in Deutschland. Während die junge Bundesrepublik versucht, die NS-Vergangenheit hinter sich zu lassen, kämpft ein Mann dafür, dass die Täter nicht vergessen werden: Fritz Bauer.
Der gebürtige Stuttgarter Generalstaatsanwalt ist unbequem, hartnäckig und kompromisslos. Ein jüdischer Sohn, Sozialdemokrat im Exil, Gegner des Schweigens – und er ist schwul.
Homosexualität unter staatlicher Verfolgung
In den 1950er Jahren ist es für schwule Männer in Deutschland aus mehreren Gründen gefährlich, offen homosexuell zu leben. Die Gefahr ging nicht nur von gesellschaftlicher Ablehnung aus, sondern auch vom Staat selbst.
Der §175 des Strafgesetzbuches stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Die Nationalsozialisten hatten den Paragraphen massiv verschärft – und die junge Bundesrepublik übernahm diese verschärfte Fassung zunächst.
Platz im Gerichtsviertel wird nach Fritz Bauer benannt
Nun erhält Fritz Bauer in seiner Geburtsstadt eine späte Würdigung.
Am kommenden Montag wird der Bezirksbeirat Mitte darüber informiert, dass die Stadtverwaltung auf Wunsch einer großen Mehrheit des Gemeinderats einen bisher namenlosen Platz im Gerichtsviertel zwischen Urban- und Archivstraße nach ihm bennen will.
Bauer soll außerdem posthum die Bürgermedaille der Stadt Stuttgart erhalten – eine äußerst seltene Ehrung. Dann muss der Gemeinderat darüber entschieden. Eine große Mehrheit scheint sicher, weil sich vorab auch die CDU mit SPD, Volt, Grüne, die Linke und Puls dafür ausgesprochen hat.
Die private Initiative „Queere Erinnerungskultur Der-Liebe-wegen“ hatte sich dafür über lange Zeit eingesetzt, war oft auf Unverständnis gestoßen, hatte Unterschriften gesammelt und sieht sich nun kurz vor der Pride-Demo in Stuttgart am Ziel.
„Die Hartnäckigkeit der Initiative zur Erinnerungskultur hat sich gelohnt“, sagt Stadtrat Christoph Ozasek, der sich ebenfalls für eine besondere Würdigung des fast vergessenen Juristen eingesetzt hat, gegenüber EchtStuttgart. „Jetzt bekommt Fritz Bauer die Ehrungen, die ihm zustehen.“
Ein Hinweis, der Geschichte schreibt
Zurück ins Jahr 1957: Zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht Fritz Bauer ein Hinweis, der Geschichte schreiben wird.
Der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, einer der zentralen Organisatoren des Holocaust, soll sich in Argentinien verstecken.
Bauer gibt die Informationen weiter und trägt entscheidend dazu bei, dass Eichmann später vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und vor Gericht gestellt werden kann.
Ein Leben geprägt von Verfolgung
Bauer weiß, was es bedeutet, wenn ein Staat seine Vergangenheit verdrängt.
1933 wurde der junge Jurist von den Nationalsozialisten in Stuttgart verhaftet. Als Sozialdemokrat und Jude musste er 1936 ins Exil fliehen.
Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik widmete er sein Leben dem Kampf gegen das Vergessen.
Der Mann, der die deutsche Justiz mit ihrer Vergangenheit konfrontierte, war zugleich jemand, dessen eigenes Leben von Verfolgung geprägt war: Fritz Bauer lebte als Atheist und war wegen seiner Homosexualität auch im Nachkriegsdeutschland mit staatlicher Ausgrenzung konfrontiert.
Ein Stuttgarter, der das Land zur Verantwortung zwang
Fritz Bauer gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten des demokratischen Nachkriegsdeutschlands.
Als hessischer Generalstaatsanwalt bereitete er den Frankfurter Auschwitz-Prozess vor, der ab 1963 die Verbrechen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz öffentlich machte.
Bauer wollte nicht nur einzelne Täter verurteilen. Er wollte eine Gesellschaft zwingen, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen.
Sein Ziel war eine demokratische Rechtskultur, die Verantwortung übernimmt.
Späte Anerkennung für einen großen Demokraten
Jahrzehnte später wird sein Wirken nun also auch in Stuttgart sichtbar gewürdigt.
Christoph Ozasek (KLIMALISTE/PULS) schaffte es, gemeinsam mit den Fraktionen CDU, Bündnis 90/Die Grünen, SPD und Volt sowie Die Linke SÖS Tierschutz einen interfraktionellen Antrag einzubringen.
Vorgesehen ist eine neue Form der postumen Ehrung im Stuttgarter Stadtrecht, die dem Ehrenbürgerrecht nahekommt und außergewöhnliches gesellschaftliches und demokratisches Engagement würdigt.
„Mit dieser Ehrung wollen wir den herausragenden Verdiensten Bauers gerecht werden und einen großen Demokraten würdigen. Fritz Bauer hat wesentlich daran mitgewirkt, das NS-Unrecht aufzuarbeiten und damit das Fundament unseres demokratischen Rechtsstaats zu errichten“, sagt Christoph Ozasek.
Der Kampf gegen den §175
Neben seiner Rolle bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen soll mit der Ehrung auch Bauers Einsatz gegen die Verfolgung homosexueller Männer stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.
Bauer kritisierte den §175 als Unrecht und stellte sich gegen eine Rechtsprechung, die homosexuelle Menschen weiterhin kriminalisierte.
Gerade Stuttgart hat dabei eine besondere Verantwortung.
Die städtische Polizei setzte die Verfolgung homosexueller Männer nach 1945 mit großem Aufwand fort. Verdeckte Ermittler, Observationen, Razzien und sogenannte „Rosa Listen“ gehörten zu den Methoden.
Viele Betroffene verloren Arbeit, Wohnung und soziale Sicherheit. Die Folgen dieser staatlichen Verfolgung prägten das Leben zahlreicher Menschen.
Historiker verweisen auch auf Kontinuitäten nach 1945: Viele Juristen, Polizeibeamte und Verwaltungsmitarbeiter blieben trotz ihrer NS-Vergangenheit im Staatsdienst.
Alte Denkmuster wirkten in Teilen von Justiz und Behörden weiter.
Ein Zeichen für die Gegenwart
Die Ehrung von Fritz Bauer ist mehr als ein Blick zurück.
Sie erinnert daran, wie wichtig der Schutz von Minderheiten und der Kampf gegen staatliche Diskriminierung sind.
Der streitbare Jurist zeigte, dass Demokratie nicht nur durch Gesetze entsteht, sondern durch Menschen, die bereit sind, für Recht und Menschenwürde einzustehen.
Über 50 Jahre nach seinem Tod bekommt der gebürtige Stuttgarter nun in seiner Heimatstadt einen Platz – im wörtlichen und übertragenen Sinn
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