Uwe Bogen
Interview zur Premiere im Theaterhaus
Frl. Wommy Wonder über Kultur in Krisenzeiten: „Es trifft leider zuerst die Kleinen“
27. Juli 2026
42 Jahre Bühne und noch immer Herzattacken vor jeder Premiere: Frl. Wommy Wonder alias Michael Panzer spricht im EchtStuttgart-Interview über Kultur in Krisenzeiten, die neue Show „Alles muss raus“, Corona-Folgen, queere Sichtbarkeit und echte Stuttgart-Liebe.
Gleich im Doppelpack kehrt Travestiekünstler Michael Panzer traditionell im Sommer ins Theaterhaus zurück: als Glamour-Lady Frl. Wommy Wonder und als Putzfrau Elfriede Schäufele, Star der schwäbischen Fasnet. Das neue Programm heißt „Alles muss raus“ und wird vom 29. Juli bis zum 16. August gespielt. Sonntags sind prominente Gäste wie Kevin Tarte dabei. Karten gibt es auf der Homepage des Theaterhauses. Wir sprachen mit Michael über ihn und seine beiden Mädels.
„Alles muss raus!“ klingt fast wie ein Schlussverkauf. Muss die Kultur gerade wirklich alles hergeben – oder kommt sie wieder auf die Beine?
Das Schöne an der Kultur ist, dass sie sich immer wieder neu erfindet. Es wird sie immer geben, wo Menschen zusammen sind und Kultur nicht per se ablehnen. Kultur war auch immer ein Spiegel der aktuellen Befindlichkeiten – insofern ist sie nicht nur schön, sondern wichtig.
Und nein: Ich betreibe keinen Schlussverkauf und denke noch lange nicht ans Aufhören. Ich würde das Motto eher schwäbisch artikulieren: „Älles muss raus!“ Damit meine ich, dass über alles geredet, getratscht und philosophiert wird. Kein Thema bleibt außen vor. Wir reden über alles …
Über alles? Auch über Deinen Beziehungsstatus? Und wen Du am liebsten daten würdest?
Bei mir ist jede Frage erlaubt – aber manche Antworten bleibe ich schuldig. Sei es aus Diskretion oder weil ich mich für die ehrliche Antwort schäme … oder weil eine Aufzählung der Begehrten den Rahmen sprengen würde. Man sollte bei allem Begehren ja immer noch Dame bleiben.
Kultur zwischen Rotstift und Lebensfreude
Die Zeiten sind schwierig, der Geldbeutel wird dünner. Spürst Du das auch im Theater – und was bedeutet das für Deine Vorstellungen?
Natürlich spürt meine Branche das – sehr sogar. Kaum irgendwo wird der Rotstift so angesetzt wie bei der Kultur. Und das ausgerechnet, nachdem während Corona immer wieder betont wurde, welchen Wert Kultur für die Gesellschaft hat.
In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit gibt der Mensch sein Geld natürlich zuerst für die wichtigen Dinge aus: Essen, Alltag, Urlaub. Kultur ist dann eher Luxus und kommt später.
Andererseits gehen die Menschen gerade jetzt verstärkt dorthin, wo sie den Alltag für ein paar Stunden vergessen können. Bei den Besucherzahlen merke ich deshalb keinen großen Einbruch. Was allerdings auffällt: Es gibt deutlich weniger Firmenfeiern und Hochzeiten als früher. Diesen Trend melden auch viele Hotels.
„Man kann das Geld schließlich nur einmal ausgeben“
Große Shows und internationale Stars füllen weiterhin Hallen – teilweise mit sehr hohen Preisen. Entsteht dadurch die Gefahr, dass kleinere Bühnen, Kabarett und regionale Künstlerinnen und Künstler weniger Aufmerksamkeit bekommen?
Auf jeden Fall. Große Namen bieten zu hohen Preisen auch große Unterhaltung – das kann die Kleinkunst natürlich nicht stemmen. Aber auch die großen Stars merken, dass die Hallen nicht mehr ganz so voll sind wie früher. Der Unterschied ist: Durch ihre überregionale Bekanntheit bleiben oft genug Menschen übrig, damit es sich rechnet.
Ein Abend bei Helene Fischer ist für viele nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Event, ein Zeichen: „Mir geht es gut, ich kann mir das leisten.“ Zu Hause merkt man dann allerdings, dass dieser Abend vielleicht doch etwas teurer war. Und um das wieder auszugleichen, geht man eben vier Wochen weniger ins Kino, Theater oder Restaurant.
Man kann das Geld schließlich nur einmal ausgeben. Und es trifft dann leider die Kleinen, die finanziell nicht so gepolstert sind wie Helene & Co. Die müssen heute doppelt so viel arbeiten für die Hälfte dessen, was früher üblich war.
Corona und die Folgen: „Aber sowas von“
Die Pandemie hat die Kulturbranche schwer getroffen. Sind die Folgen heute noch spürbar – beim Publikum, bei Veranstaltern oder bei Dir selbst?
Aber sowas von … Beim Publikum weniger. Die Menschen haben diese Zeit überstanden und sind froh, wenn sie beim alltäglichen Wahnsinn abends abschalten und herzhaft lachen können. Ich habe eher das Gefühl, dass das Publikum diejenigen belohnt, die auch während der Pandemie versucht haben, mit Humor durch diese Zeit zu kommen.
Aber unterm Strich war es nicht nur die Pandemie, die die Branche getroffen hat, sondern auch eine Politik, die teilweise widersprüchlich gehandelt hat. Eine Branche durfte etwas, während eine andere zeitgleich eingeschränkt wurde.
Viele Künstlerinnen und Künstler konnten ihre Hilfen nicht so einsetzen, wie es im Alltag nötig gewesen wäre – etwa für Miete, Versicherungen oder Lebenshaltungskosten. Das hat viele an ihre Grenzen gebracht.
Viele Künstler, Bühnentechniker und Veranstalter haben aufgegeben. Das ist sehr schade. Ich bleibe am Ball. Schon aus Prinzip. Alles andere würde sich nach Aufgeben anfühlen.
Das neue Sommerprogramm im Theaterhaus
Dein neues Sommerprogramm „Alles muss raus!“ läuft ab 29. Juli im Theaterhaus. Warum sollten die Menschen raus von zu Hause und zu Dir kommen?
Weil ich ein Mensch bin, der anderen gerne einen schönen Abend bereitet.
Und weil das Publikum aus netten Menschen besteht, die so etwas zu schätzen wissen. Live ist einfach schöner als online oder aus der Konserve. Lachen tut gut. Und vor Ort trifft man immer interessante Menschen. Es spricht viel mehr dafür, abends mal wieder auszugehen, als dagegen.
42 Jahre Bühne – und immer noch Lampenfieber
Nach über 40 Jahren auf der Bühne bekommst Du vor jeder Premiere noch fast eine Herzattacke. Wie sieht es diesmal aus?
Genau wie in den vergangenen 42 Jahren. Ich weiß auch nicht, warum das im Alter nicht nachlässt. Eine Premiere ist irgendwie wie eine Geburt: Man arbeitet monatelang darauf hin und bringt dann etwas in die Welt.
Vor jeder Premiere frage ich mich: „Warum tue ich mir das an?“ Und nach jeder Premiere bekomme ich die gleiche Antwort: „Darum. Weil es Sinn macht. Weil es den Leuten Spaß macht. Und weil ich es wohl auch selbst brauche.“
Hätte ich nur mal etwas Gescheites gelernt … Habe ich eigentlich auch. Ich bin nur trotzdem davon abgekommen.
Eine besondere Beziehung zur Stadt
Du bist seit Jahrzehnten eine feste Größe der Stuttgarter Kulturszene. Was bedeutet Dir diese Verbindung zu Stuttgart und zu Deinem Publikum?
Ich bin sehr glücklich, dass es so ist, wie es ist. Aber das ist nicht vom Himmel gefallen. Diese Beziehung wurde von beiden Seiten hart erarbeitet – dafür bin ich sehr dankbar. Ich mag Stuttgart und die Schwaben sehr, auch wenn man über beides natürlich gerne mal frotzelt. Offensichtlich mögen sich beide Seiten mit derselben Wertschätzung. Es ist also eine echte Win-win-Situation.
Darauf ist die kompakte Stuttgarter Vorzeige-Lady als „Kind vom Land“, das eigentlich für die Branche zu groß, zu breit, zu tiefstimmig und zu „unweiblich“ ist, ziemlich stolz.
„Ich bin keine Dragqueen“
Viele Menschen bezeichnen Dich als Dragqueen. Du selbst möchtest mit diesem Begriff nicht beschrieben werden. Warum?
Weil ich keine Dragqueen bin, sondern Travestiekünstler. Oder gerne auch: Kabarettist im Fummel. Das hat mit Dragqueen ungefähr so viel zu tun wie Sebastian Fitzek mit Goethe. Das bedeutet nicht, dass das eine besser oder schlechter ist – es sind einfach unterschiedliche Richtungen.
Die Gemeinsamkeit ist das Spiel mit Geschlechterrollen. Wer Party mit politischem Touch sucht, geht in eine Dragshow. Wer Kabarett, Comedy, Travestie und Chanson möchte – also Unterhaltung mit Haltung und manchmal auch Tiefgang zwischen all dem Klamauk, der kommt zu mir. Es gibt Menschen, die beides mögen. Und solche, die beides furchtbar finden. That’s life.
„Man weiß kaum noch, was Ursache und Wirkung ist“
Du warst dabei, als der CSD in Stuttgart entstanden ist. Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin stellt sich erneut die Frage nach Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Menschen. Wie blickst Du darauf?
Mit gemischten Gefühlen.
Der CSD von damals ist mit dem heutigen kaum noch vergleichbar. Andere Zeiten bringen andere Forderungen mit sich. Früher ging es vor allem darum zu sagen: „Uns gibt es. Wir gehen nicht wieder weg. Aber mit uns kann man auskommen.“
Heute sind die Ansprüche andere. Skurrilerweise finden es heute viele Medien und Parteien modern, sich für queere Rechte einzusetzen, obwohl sie vor 25 Jahren noch eine ganz andere Haltung hatten.
Gleichzeitig fühlen sich manche Menschen von der ständigen Präsenz des Themas überfordert und werden dann schnell als homophob bezeichnet, obwohl sie vielleicht einfach nur mal einen Themenwechsel möchten.
Es ist alles komplizierter geworden. Man weiß kaum noch, was Ursache ist, was Wirkung und was genau was beeinflusst. Dafür reicht ein Abend oder ein Artikel nicht aus.
Die Stuttgart-Frage zum Schluss
Wenn Du der Nopper wärst, also Oberbürgermeisterin von Stuttgart: Was würdest Du als Erstes ändern?
Ich bin froh, dass ich kein Politiker bin. Bei meiner Harmoniesucht wäre ich wahrscheinlich nach vier Wochen ein Fall für die Geschlossene, weil ich auf Effektivität und Pragmatismus gepolt bin und daran verzweifeln würde, wie wir Probleme in Diskussionen, Grabenkämpfen und Bürokratie manchmal zerreden, bevor wir sie lösen.
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Weniger Baustellen gleichzeitig. Und eine S-Bahn, auf die man sich verlassen kann.
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