Kulturinstitution feiert
Stuttgart hat seit 75 Jahren gut lachen. Die Komödie im Marquardt feiert am Freitag Geburtstag – mit einer Jubiläumsrevue, vielen Weggefährten und einem Buch, an dem EchtStuttgart-Autor Uwe Bogen mitgearbeitet hat. Und Nachwuchs gibt’s auch: Im Keller zieht ein neuer Comedy-Club ein.
Wer 1951 zur Welt kam, wird in diesem Jahr 75. Sting zum Beispiel, Phil Collins und Iris Berben. Robin Williams wäre 75 geworden. Und mitten in Stuttgart gibt es eine Jubilarin, die ebenfalls Jahrgang 1951 ist und seit einem Dreivierteljahrhundert dafür sorgt, dass Menschen ihre Sorgen für ein paar Stunden vergessen: die Komödie im Marquardt.
75 Jahre – ein Alter, in dem andere langsam darüber nachdenken, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Davon kann bei der Komödie keine Rede sein. Sie spielt, lacht, liebt, streitet, singt – und macht noch immer das, wofür sie 1951 angetreten ist: Menschen einen guten Abend zu schenken.
Vielleicht brauchen wir das heute mehr denn je. Kriege, Krisen, wirtschaftliche Sorgen, Streit und schlechte Nachrichten – die Welt da draußen kann schwer genug sein. Und dann sitzt man im Theater. Das Licht geht aus, der Vorhang auf – und plötzlich lacht ein ganzer Saal.
Das ist die große Kraft der Komödie. Sie löst die Probleme der Welt nicht. Aber sie schenkt uns eine Pause von ihnen. Menschen, die sich nicht kennen, lachen miteinander. Wir lachen über unsere Macken, Eitelkeiten und Missverständnisse – und für zwei Stunden ist das Leben leichter. Das ist nicht oberflächlich. Das ist wichtig.
1951 zog die Komödie in den Goldenen Saal des Marquardt-Baus ein. Seitdem wurde hier unzählige Male der Vorhang geöffnet. Und was für Namen hier gespielt haben: Käthe Dorsch, Paul Dahlke, Inge Meysel, Theo Lingen, Heinz Erhardt, Marianne Hoppe, Hardy Krüger und Will Quadflieg. Willy Reichert trat 14-mal auf, Gustav Fröhlich sogar 16-mal. Johannes Heesters, Heinz Rühmann, Hans-Joachim Kulenkampff, Oscar Heiler und Harald Juhnke kamen, später Ruth-Maria Kubitschek, Thomas Fritsch, Günther Pfitzmann, Hugo Egon Balder und Ilja Richter.
Und natürlich Walter Schultheiß.
75 Jahre zwischen Applaus und Pointen: Eine Liebeserklärung an die Komödie im Marquardt
Der große schwäbische Schauspieler und Humorist starb kurz vor Weihnachten 2025 im Alter von 101 Jahren. Über Jahrzehnte war er einer der Publikumslieblinge der Komödie im Marquardt. Bei der Geburtstagsfeier am Freitag wird auch sein Sohn Götz Schultheiß erwartet.
Für seinen Vater, der unzählige Fernsehrollen spielte und oft vor der Kamera stand, sei das Theater immer etwas ganz Besonderes gewesen. Die Nähe zum Publikum, die unmittelbare Reaktion – und die Tatsache, dass alles live geschieht. Keine zweite Aufnahme, kein Schnitt, kein „Wir machen das noch einmal“.
Selbst wenn Walter Schultheiß krank war, ging er auf die Bühne. Sobald der Vorhang aufging, war das Adrenalin so stark, dass er seine Beschwerden nicht mehr spürte. Erst nach der Vorstellung, wenn der Vorhang gefallen war, waren sie wieder da. Schöner lässt sich kaum beschreiben, welche Kraft eine Bühne entwickeln kann.
Natürlich wird ein solcher Geburtstag nicht mit einem trockenen Festakt gefeiert. Die Komödie macht das, was sie am besten kann: Theater. Am 25. September erlebt die Jubiläumsrevue „Der 75. Geburtstag“ ihre Uraufführung – mit Publikumsliebling Monika Hirschle auf der Bühne.
Ein zusammengewürfeltes Organisationskomitee soll darin eine würdige Jubiläumsshow auf die Beine stellen. Natürlich sind sich alle sofort einig. Oder eben nicht. Es wird diskutiert, geplant, verworfen und verändert. Aus dem Chaos entsteht schließlich eine Zeitreise durch 75 Jahre Komödie im Marquardt – vom Musical bis zur Mundart, vom Klassiker bis zur Krimikomödie, von Heesters bis Hirschle.
Regie führt Christine Gnann. Auf der Bühne stehen neben der Moni: Jörg Pauly, Reinhold Weiser, Gideon Rapp, Bianca Spiegel und Bernadette Hug. Sie machen aus 75 Jahren Theatergeschichte keine Geschichtsstunde, sondern eine Geburtstagsfeier mit Charme, Witz und Musik.
Zum Jubiläum erscheint außerdem das Buch „75 Jahre Komödie im Marquardt 1951–2026“. Daran hat Uwe Bogen, Autor und Redaktionsleiter von EchtStuttgart, mitgearbeitet. Das passt: Denn die Geschichte dieses Theaters ist auch Stadtgeschichte. Sie erzählt von berühmten Schauspielern und kleinen Geschichten hinter der Bühne, von Premieren, Pannen, großen Erfolgen und Erinnerungen an Abende, von denen man noch Jahre später spricht. Ab 28. September ist das Buch im Service-Center der Komödie und bei Thalia in Stuttgart erhältlich.
Andere bekommen mit 75 Enkel. Die Komödie bekommt Nachwuchs – direkt im selben Haus. Und zwar im Keller. Am 9. Oktober eröffnet im Marquardt-Gebäude der Comedy Eleven Club von Emmvee und Fabi Rommel. Einst sagte man Komödie, heute Comedy – aber sonst hat sich nicht viel geändert im Bestreben, Menschen bestmöglich zu unterhalten.
Kein Witz! EMMVEE und Fabi Rommel eröffnen Stuttgarts ersten Comedy Club
Eine wunderbare Pointe zum Geburtstag. Denn sie zeigt: Die Formen des Lachens verändern sich, das Bedürfnis danach bleibt. Ob Boulevardkomödie oder Stand-up, ob großer Theatersaal oder Comedy-Club – am Ende geht es um diesen einen Moment, in dem einer etwas sagt und hundert andere gleichzeitig lachen. Oben blickt die Komödie auf 75 Jahre zurück, aber gleichzeitig auch nach vorn mit frischen Ideen – und unten beginnt etwas Neues.
Seit 1951 hat sich rund um das Marquardt fast alles verändert. Stuttgart wurde wiederaufgebaut und umgebaut, Geschäfte kamen und verschwanden, Moden wechselten. Fernsehen, Streaming, YouTube, Instagram und TikTok haben die Unterhaltung revolutioniert. Und trotzdem sitzen Menschen noch immer gemeinsam in einem Saal und warten darauf, dass der Vorhang aufgeht.
Vielleicht ist genau das das schönste Geschenk zum 75. Geburtstag: Die Komödie wird noch immer gebraucht. Denn das Leben kann ernst, anstrengend und kompliziert genug sein. Die Komödie kann daran nichts ändern. Aber sie kann dafür sorgen, dass wir für zwei Stunden darüber lachen können.
Und manchmal ist genau das ziemlich viel.
Herzlichen Glückwunsch zum 75., liebe Komödie im Marquardt. Stuttgart kann stolz auf dich sein. Vorhang auf für die nächsten 75 Jahre!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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